Georgina Wilsenach - Interview

Interesse an alten Meistern

In der ersten Juliwoche finden in London die großen Altmeister-Auktionen statt. Im vergangen Jahr erzielte Christie's mit 85 Millionen Pfund (damals 105 Millionen Euro) das bisher beste Ergebnis für eine Versteigerung in diesem Segment. Der Markt scheint zu boomen. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach darüber mit Georgina Wilsenach, Direktorin für Altmeister bei Christie's in London.
Das Erfolgsgeheimnis:Neue Möglichkeiten

Georgina Wilsenach bei der Christie’s Wein-Auktion in Hongkong 2012

Frau Wilsenach, worauf führen Sie das neu erstarkte Interesse an Altmeistern zurück?

Das hat zwei Hauptgründe: Zum einen suchen die traditionellen Sammler, hauptsächlich aus Europa und den USA, immer weiter nach Möglichkeiten, Lücken in ihren Sammlungen zu füllen.

Und zum anderen beobachten wir verstärkt neue Sammler aus Ländern wie Russland, China und dem Fernen Osten. Das ist auch größtenteils für die willkommenen Preissteigerungen der letzten fünf Jahre verantwortlich.

Vor allem Ihre Auktion in London im vergangenen Juli war mit 85 Millionen Pfund überaus erfolgreich. Was passierte?

Wir haben begonnen, unsere Auktionen von einem kuratorischen Blickwinkel aus zusammenzustellen. Wir versuchen, eine Geschichte zu erzählen, die leicht verständlich ist. Im Fall der Juliauktion bauten wir unsere Auktion um die wunderbare Sammlung mit holländischen Gemälden des "Goldenen Zeitalters" von Pieter und Olga Dreesmann herum, und das funktionierte hervorragend. Die Atmosphäre im Saal war wie elektrisiert, und wir verzeichneten eine erstaunliche Zahl ganz neuer Bieter.

Werden Sie jetzt etwas Ähnliches versuchen?

Wir arbeiten gerade an zwei Einlieferungen, die ein Thema vorgeben werden. Denn es ist immer einfacher, eine Auktion um eine Gruppe von Werken zu versammeln, als nur mit Einzelwerken zu arbeiten. Eines der Hauptlose wird eine erstaunliche "Alpenüberquerung des Hannibal auf einem Elefanten" von Nicolas Poussin sein, die auf 3 bis 5 Millionen Pfund geschätzt ist.

Die Zahlen hören sich alle sehr gut an, doch wenn man bedenkt, dass Sie stolz sind, für ein Werk von Sandro Botticelli 10 Millionen Dollar erzielt zu haben, ein Gemälde von Gerhard Richter aber für 37,1 Millionen Dollar weggeht, dann macht das stutzig. Ist Richter ein so viel besserer Maler als Botticelli?

Es kommt ganz darauf an, wieviele Interessenten man hat. Es gibt sehr viel mehr Sammler mit genügend Geld, die sich für zeitgenössische Kunst und Impressionismus interessieren, als für Altmeister. Die also einen Richter kaufen, weil sie verstehen, was sie vor sich haben. Sie können vergleichen, ihnen ist klar, wo im Markt ein solches Werk angesiedelt ist. Ein Botticelli oder eine Zeichnung von Raffael sind seltener...

...was eigentlich den Preis in die Höhe treiben sollte.

Tut es auch, aber es gibt weniger Interessenten, und daher auch weniger Konkurrenz. Ein gesunder Wettbewerb schlägt sich in höheren Preisen nieder.

Diese beiden Sammlergruppen – Altmeister sowie Impressionismus und zeitgenössische Kunst – waren bisher immer fast säuberlich getrennt. Gibt es da jetzt mehr Überlappungen?

Ja. Vor allem am oberen Ende gibt es immer mehr Sammler, die sich in beiden Märkten zuhause fühlen. Im vergangenen Juli boten eine Reihe von Kunden mit, die sonst hauptsächlich Impressionismus sammeln.

Sie haben es als Frau in diesem von Männern beherrschten Segment bis ganz nach oben geschafft und sind auch eine der wenigen Frauen, die große Auktionen durchführen. Wie schwer war das?

Ich würde es nicht als schwierig bezeichnen. Es war, was mir immer vorschwebte. Ich sehe es nicht als männlich-weiblich. Wir alle haben eine Leidenschaft für die Kunst, die wir verkaufen.

Was für Qualitäten muss man denn besitzen, um ein guter und erfolgreicher Auktionator zu sein?

Für mich ist das große Vorbild Christopher Burge, der ehemalige Chefauktionator von Christie's in New York. Er ist so effektiv, weil er ein echt sympathischer Mensch ist, ohne Allüren. Bei der Auktion geht es nicht um ihn, sondern um die Menschen im Saal und die Kunst. Er ist immer er selbst auf dem Podium, er spielt keine Rolle, und das flößt Vertrauen ein. Das versuche ich zu erreichen.