Fourth Plinth - London

Gockel, Geldautomaten-Orgel und Gebirgslandschaften

140 Jahre lang stand der Denkmalsockel am Trafalgar Square leer, nun darf ihn jedes Jahr ein anderer Künstler bespielen. Im Foyer der Kirche St. Martin-in-the-Field präsentieren sechs Künstler ihre Vorschläge für den vierten Sockel des Londoner Wahrzeichens.

Stolz wirft sich der ultramarinblaue Gockel auf seinem Sockel in die Brust, wie die drei Helden an den anderen drei Ecken des Trafalgar Square. Katharina Fritschs "Hahn" ist eine von sechs Maquetten, die bis Ende Oktober im Foyer der Kirche St. Martin-in-the-Field zu sehen sind. Die sechs Künstler wurden eingeladen, Vorschläge für den vierten Sockel des Londoner Wahrzeichens zu machen.

140 Jahre lang stand er leer, nun aber darf ihn jedes Jahr ein anderer Künstler bespielen. Mark Wallinger stellte einen weißen Marmor-Christus auf, Thomas Schütte ein Modell für ein Taubenhotel, und Antony Gormley wählte 2500 Bürger aus, die sich zur Schau stellen durften. Die Düsseldorferin Fritsch möchte ihr blaues Federvieh, das dem etwas grauen Platz einen willkommenen Farbtupfer geben würde, nicht zu ironisch verstanden wissen. Doch drei weitere Künstler spielen ganz offen mit Ironie. "Powerless Structures, Fig. 101" des dänischen Duos Elmgreen & Dragset, das seit kurzem auch in London ein Atelier besitzt, ist ein kleiner Junge auf einem Schaukelpferd. Der fast rührend anmutende Steppke aus Messing wird auf seinem Sockel zum historischen Helden stilisiert, obwohl er noch keine Vergangenheit besitzt, derer man gedenken könnte, sondern nur eine Zukunft, auf die man hoffen kann.

Nicht völlig ernst nehmen auch Allora und Calzadilla ihre Aufgabe. Das Duo aus Puerto Rico stellt eine Orgel auf den Sockel, die immer dann zu klingen beginnt, wenn das Publikum einen unten am Sockel eingebauten Geldautomaten bedient. Das international vernetzte Finanzwesen und die heroische Geschichte des britischen Empire werden gleichzeitig auf den Arm genommen. Und der Londoner Brian Griffiths baut aus rotem und gelbem Backstein einen überdimensionalen Battenberg-Kuchen. Dieser berühmte Biskuitkuchen wurde 1884 anlässlich der Hochzeit von Queen Victorias Enkelin Prinzessin Louise mit Prinz Louis von Battenberg zum ersten Mal gebacken. Jetzt soll er auf seinem Sockel fast nostalgisch an vergangene englische Teestunden erinnern.

Der Gewinner muss noch bis 2012 warten

Sehr ernst meinen es die beiden letzten Künstler. Hugh Locke, der in Guyana aufwuchs, stellt mit Feldmarschall Sir George White endlich, wie ursprünglich geplant, eine Reiterstatue auf den Sockel. Er nennt seinen mit allen möglichen Medaillen, Juwelen, Säbeln und Amuletten besetzten Krieger hoch zu Ross "Sikandar", was auf Urdu, einer weit verbreiteten indo-arischen Sprache, "Alexander" heißt. Denn Sir George kämpfte, wie Alexander der Große, unter anderem in Afghanistan. Und die in Bristol ansässige deutsche Plastikerin Mariele Neudecker will eine ihrer fiktiven Gebirgslandschaften bauen. "It’s Never Too Late and You Can’t Go Back" thront etwas düster auf dem Sockel, Gebirge bestehen wie Denkmäler aus Stein, man soll an Monumentalität und Ehre denken. Der Gewinner des Wettbewerbs wird Anfang nächsten Jahres bekanntgegeben, muss aber dann noch bis zum Olympiajahr 2012 warten, ehe seine Arbeit auf den Sockel gehievt wird.

"Fourth Plinth"

Termin: bis 31. Oktober, St. Martin-in-the-Field, Trafalgar Square
http://www.fourthplinth.co.uk