Gute Aussichten - Interview

Gehen die eigentlich noch raus?

Es gibt keine Ausstellung, die junge Fotografen so ernst nimmt wie "Gute Aussichten" und sie auf der großen Bühne präsentiert. art sprach mit Kurator Ingo Taubhorn über eine neue Generation von Fotografen, die sich stark mit dem Medium Fotografie und seinen Materialien beschäftigen - aber auch ein neues Interesse am dokumentarischen Arbeiten entwickeln.
Nicht immer nur ich:ie Gewinner des wichtigsten deutschen Fotokunst-Preises

Ingo Taubhorn ist Kurator im Haus für Photographie in den Deichtorhallen und Mitglied der Jury bei "Gute Aussichten"

Herr Taubhorn, Sie studierten in den Achtziger Jahren selbst Fotografie. Haben sie damals auch an einem Wettbewerb wie "Gute Aussichten" teilgenommen?

Ja, tatsächlich habe ich zwei Mal den Kodak-Nachwuchsförderpreis gewonnen. Das war 1984 und 1986. Übrigens war auch Andreas Gursky 1984 mit einer Serie vertreten. Wenn ich mich recht erinnere, waren das diese ganz sachlich fotografierten Doppelporträts von wartenden Beamten und Angestellten hinter Schaltern.

Was hat man denn damals als Preis erhalten?

Der Preis war Kodak-Material und auch etwas Geld. Aber leider wurden die Preisträger damals nie in eine würdige Ausstellung eingebunden, wie wir es heute bei "Gute Aussichten" tun. Meine Erfahrung ist, dass die Präsentation von junger Fotografie im Museum irgendwo auf dem Flur zwischen Toilette und Garderobe stattfand, maximal in einem kleinen, abseits gelegenen Projektraum. Das war damals einfach so.

Hat Sie diese Erfahrung geprägt?

In den Achtziger Jahren hat man sich gar nicht getraut, mal zu einem Museumsmann zu gehen. Künstler mussten erst von Galerien entdeckt werden. Danach durfte man in einer Gruppenausstellung in einem Kunstverein mitmachen und frühestens dann auch mal im Museum. Die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Aber ja, diese Erfahrungen spiegeln sich mit Sicherheit in meinem Umgang mit Nachwuchsförderung wider. Ich nehme die Hochschulabsolventen genauso ernst wie berühmte Künstler. Ich mache keinen Unterschied in der Behandlung von jungen talentierten Fotografen und den Big Names.

Wie äußert sich diese Gleichbehandlung?

Ich versuche vor allem, den jungen Fotografen die Möglichkeit zu bieten, in einer solchen Architektur, wie wir sie hier im Haus der Photographie vorfinden, ihr Konzept so zu präsentieren, wie sie das selber möchten. Auf dem Weg von der Idee zur Realisation des Projektes sollen sie keine Abstriche machen.

Wenn wir schon von Behandlung sprechen, wie verhalten sich denn die Hochschulabgänger im Vergleich zu den angesprochenen Big Names. Sind die unerschrockener oder radikaler?

Nein, radikaler sind sie nicht. Unsere Halle flößt ja wirklich Respekt ein, übrigens nicht nur bei Absolventen, sondern auch bei gestandenen Fotografen. Die Größe hier muss man erst einmal bewältigen. Einen einzelnen Raum zu bespielen mag noch gehen, aber die ganze Halle, das ist schon schwierig.

Ist das hier dann wirklich der richtige Rahmen für eine Präsentation von Studentenarbeiten?

Manchmal denke ich auch, dass ein Kunstverein interessantere Bedingungen für junge Künstler bietet. Da kann man viel experimentierfähiger sein, vor allem in der Art und Weise der Präsentation. Da ist man hier automatisch zurückhaltender und orientiert sich an bewährten Präsentationsformen.

Schon die Präsentationskonzepte, die hier eingereicht werden, haben meistens einen etwas gediegeneren Charakter. Aber der Rahmen im Haus der Photographie ist genau richtig, weil wir hier eine größere und vielschichtigere Besucherstruktur haben als zum Beispiel in einem Kunstverein.

In der aktuellen Ausstellung sind mir vor allem zwei Arbeiten aufgefallen, die sehr komplex und raumgreifend präsentiert werden. Die Arbeit "Konstruktion von Bewegung" von André Hemstedt und Tine Reimer, inszenierte Fotografien, die sich mit Bewegung und Gleichgewichtszuständen auseinandersetzen, und Helena Schätzles Projekt „Die Zeit dazwischen“, eine Spurensuche über die bewegte Vergangenheit ihres Großvaters. Wieviel Einfluss haben Sie auf die Präsentation solcher Arbeiten?

Zu allererst habe ich Einfluss als Mitglied der Jury, dann gibt es eine Vorbesprechung an der alle beteiligten Fotografen und die Initiatoren des Projektes, Josefine Raab und Stefan Becht, teilnehmen, und bei der wir uns über die verschiedenen Formate und Präsentationsideen austauschen. Das ist natürlich besonders wichtig, wenn wir, also das Haus der Photographie, erste Ausstellungsstation sind. Schließlich bin ich an der konkreten Planung für das Haus hier beteiligt, denn ich will ja eine funktionierende Gruppenausstellung und keine bunt zusammengewürfelte Schau zeigen. Da geht es um Blickachsen, Gegenüberstellungen und Beziehungen zwischen den Arbeiten. Durch die Zuordnung der Räumlichkeiten kann ich der ganzen Ausstellung noch eine Leserichtung geben.

Gibt es dann einen genauen Raumplan?

Nein. Ich mache Vorschläge. Helena Schätzle und Rebecca Sampson hätten zum Beispiel nicht in einen Raum gepasst, da die Arbeiten in gewisser Weise zu ähnlich sind. Helena Schätzle konnte eigentlich nur an dieser einen Wand ihr Konzept verwirklichen. Sie benötigte drei Seiten und die Möglichkeit, zurückzutreten um die Hängung ganz grafisch wie eine Landkarte zu lesen. Bei der Arbeit von André Hemstedt und Tine Reimer waren die Präsentationsform und der Ort meines Erachtens auch zwingend. Der Raum, der in ihrer Arbeit angedeutet wird, findet sich jetzt in der realen Architektur wieder. Solche Überlegungen stelle ich im Vorfeld an. Die Studenten müssen dann schauen, ob sie mit dieser Form der Vorstellung einhergehen. Das braucht etwas Vertrauen, und dann entfalten und entwickeln sich die Dinge weiter.

Den Wettbewerb "Gute Aussichten" gibt es seit 2004. Sie begleiten das Projekt von Beginn an – unter anderem als regelmäßiges Jurymitglied. Erkennen sie Trends in der jungen Fotografie?

Das ist eine beliebte Frage. Wir als Veranstalter haben das Gefühl, dass der Trend ist, dass es keinen Trend gibt. Aber natürlich gibt es doch Strömungen. Nachdem Jitka Hanzlova zum Beispiel den deutschen Wald fotografiert hat und Peter Bialobrzeski sein Buch „Heimat“ gemacht hat, erreichten uns verstärkt Arbeiten mit Wald- und Heimatmotiven.

Es fällt aber auf, dass dokumentarische Ansätze in der jungen Fotografie anscheinend keine große Rolle mehr spielen. Die Auswahl der letzten Jahre lässt das wenigstens vermuten.

Irgendwann gab es die Meinung, dass sozialdokumentarische Projekte bei „gute aussichten“ keine Chancen hätten, sondern dass sich der Wettbewerb stärker an künstlerischer Fotografie orientiert.

War das die Meinung der Jury oder der Hochschulprofessoren, die ja für eine Vorauswahl verantwortlich sind?

Das war einerseits die Meinung der Professoren, mit denen ich gesprochen habe, andererseits habe ich auch in Jurys schon Bemerkungen gehört, das sei eine Dokumentation, die gehöre hier nicht rein. Das hat mich sehr erstaunt.
2007 habe ich bei einer Eröffnungsrede versucht das Problem anzusprechen. Ich habe die Professoren aufgefordert, sich mehr zu trauen und versprochen, dass sich die Ausrichtung in den nächsten Jahren ändern wird. Ich habe das Gefühl, dass das Wirkung zeigte. Wir hatten danach verstärkt Arbeiten, die sich intensiv mit sozialen und politischen Themen auseinandergesetzt haben. Wie zum Beispiel aktuell die Arbeit von Rebecca Sampson zum Thema Essstörungen.

Der Gesamteindruck ist allerdings, dass die jungen Fotografen sich stark mit sich selbst auseinandersetzen. Sie inszenieren im Studio, frickeln am Rechner, loten die Grenzen zu anderen Medien aus und untersuchen, was die Fotografie kann und was sie nicht kann. Soweit so gut, aber man fragt sich: Gehen die eigentlich noch raus? Interessieren sich die jungen Fotografen noch für die Welt außerhalb ihres Studios?

Gute Frage, die Beobachtung teile ich auf jeden Fall. Dass sich die junge Generation so intensiv mit dem Medium Fotografie beschäftigt, liegt wahrscheinlich an den enormen Veränderungen, die durch die Digitalisierung hervorgerufen wurden. Analoge Materialien sind zum Beispiel nicht mehr endlos verfügbar. Gewohnte Filme und Papiere werden einfach nicht mehr produziert. Professoren und Studenten müssen für den Erhalt von klassischen Schwarzweiß-Laboren kämpfen. Ich glaube, durch solche Umbrüche setzt man sich automatisch intensiver mit den Materialien auseinander, die man für seine Arbeit braucht.

Aber ist eine solche Auseinandersetzung nicht zu elitär und in sich abgeschlossen? Fehlt ihnen nicht manchmal auch die gesellschaftliche Relevanz?

Ja, aber es ist wirklich sehr schwierig sich mit sozialdokumentarischer Fotografie innerhalb des Kunstkontextes zu etablieren. Paul Graham ist ein schönes Beispiel für jemanden, der das geschafft hat. Er hat sich seit den achtziger Jahren ganz konsequent mit sozialdokumentarischen Sujets auseinandergesetzt. Er ist sich immer treu geblieben und hat eigene künstlerische Ausdrucksformen entwickelt. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass er fast 30 Jahre gebraucht hat, um in der Kunstwelt richtig anzukommen.

Also haben die Studenten heute neue Vorbilder, aus der Kunstwelt? Die wollen den Ruhm und die Millionen?

Das spielt bestimmt eine Rolle. Meine Vorbilder waren damals noch Herbert Tobias, August Sander oder Peter Hujar. Wer dann mal für Zeitschriften wie „Stern“ oder „Geo“ fotografieren durfte , fühlte sich schon geadelt. Das ist heute nicht mehr so. Die Vorbilder der Studenten haben sich definitiv geändert. Heute geht es um den Kunstmarkt.

Parallel zu "Gute Aussichten" findet eine kleine Ausstellung über Sibylle Bergemann statt, die im November 2010 starb. In der Ausstellung findet man ein Zitat von ihr: „Mich interessiert der Rand der Welt nicht die Mitte“.

Das hat sie 2004 in einem Interview mit der Berliner Zeitung gesagt. Das geht eigentlich noch weiter, umfasst aber genau das, was die Arbeit ausmacht. Nicht die Konzentration auf das Ich, also das, was man bei der jungen Fotografie so oft sieht, sondern auf das Gegenüber.

Ist das der entscheidende Unterschied zur jungen Fotografie heute? Fotografen wie Sibylle Bergemann, setzen sich mit ihrem Gegenüber auseinander. Sie wollen die Welt entdecken und abbilden und glauben, dass das möglich und wichtig ist.

Wir diskutieren immer wieder über die Authentizität der Fotografie. Fragen uns, wie wirklich die Fotografie ist. Aber wir wissen, dass sie immer ein Konstrukt, eine Interpretation von Wirklichkeit ist. Das trifft auch auf sozialdokumentarische Fotografie zu. Das Spannende ist, dass man einer klassischen Fotografie wie der von Bergemann trotz aller Manipulationsmöglichkeiten, die es heute gibt, glaubt. Man hat Vertrauen zu den Bildern und vor allem zu einer Person wie Sibylle Bergemann.
Dieses Vertrauen, diese Kraft hat auch Einfluss auf junge Fotografen, wie zum Beispiel Rebecca Sampson, die sagt, sie könne mit einem bestimmten Blick auf die Wirklichkeit vielleicht auch den Blick des Betrachters ein Stück weit beeinflussen. Das ist ein schöner Gedanke und eine wahrhaft gute Aussicht.

Empfinden sie die Trennung von künstlerischer und angewandter Fotografie in Deutschland eigentlich als besonders stark?

Das ganze System denkt in Schubladen. In anderen Ländern gibt es vielleicht eine größere Gelassenheit. Das wichtige ist, sich diesem System auch mal zu verweigern. Paul Graham hat das vorgemacht. Ein aktuelleres, deutsches Beispiel ist Tobias Zielony. Er geht in seiner Arbeit sehr dokumentarisch vor. Zielony findet ein Thema, fährt irgendwohin und schaut einfach, was vor Ort passiert. Nur die Präsentationsform ist dann wieder sehr künstlerisch. Das braucht manchmal alles einfach seine Zeit und in Deutschland vielleicht noch etwas länger.

Um noch einmal auf "Gute Aussichten" zurückzukommen: Die Jury ist immer wieder mit den erfolgreichsten deutschen Fotografen besetzt. Wie reagieren Andreas Gursky, Thomas Ruff, Thomas Demand und Kollegen auf die Arbeiten deutscher Nachwuchsfotografen?

Das ist unterschiedlich. Die meisten sind sehr offen, interessiert und begeistert. Vor allem die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Thomas Demand oder Thomas Ruff ist fantastisch. Ruff hat lange Fotografie unterrichtet. Das merkt man. Manche sind aber auch stark auf ihre Haltung in der Fotografie konzentriert und versuchen, Ihren Stil durchzusetzen.

Wen darf man sich da vorstellen?

Ich möchte hier keine Namen nennen. Aber es ist immer wichtig, über seinen eigenen Tellerrand hinauszuschauen, Unerwartetes zuzulassen. Aber genau deswegen besteht eine Jury immer aus mehreren Positionen.

Herr Taubhorn, fotografieren Sie eigentlich noch selbst?

Seit ich fest für eine Institution arbeite, ist der Fokus zwangsläufig viel stärker auf das Konzipieren und Realisieren von Ausstellungen, Rezeption und theoretische Auseinandersetzung mit Fotografie gelegt, was mir immer schon sehr viel Spaß gemacht hat. Dennoch bin ich auch ein leidenschaftlicher Fotograf. Und da meine künstlerischen Projekte wie die Werkgruppe "VaterMutterIch" oder "Die Kleider meiner Mutter" immer schon langfristig angelegt sind, entstehen im Jahr nicht mehr so viele Arbeiten wie vor 2000, aber kontinuierlich immer wieder neue Arbeiten. Und ich führe kleinere Projekte ganzjährig und kontinuierlich fort wie zum Beispiel die Tagesporträts. Da ich jeden Tag vielen Menschen begegne, ob Künstlern, Kollegen oder Freunden, entsteht jeden Tag ein Porträt eines für mich wichtigen Menschen, sozusagen stellvertretend für diesen Tag. Damit befriedige ich einerseits mein Bedürfnis, als Künstler zu fotografieren, andererseits entwickelt sich ein visuelles Tagebuch meiner Arbeit als Kurator. Aber das Thema worauf sie damit ansprechen, also Personen, die zwischen Rezeption und eigener künstlerischer Produktion stehen, ist ein zu weites Feld, um das in diesem Interview noch abzuhandeln. Ich selbst versuche, diese beiden Bereiche nicht miteinander zu vermischen und bin damit eigentlich immer glücklich gewesen.

Gute Aussichten

Deichtorhallen

bis 27. Februar

Katalog-Buch "gute aussichten 2010/2011": Deutsch/Englisch, ca. 220 Seiten, ca. 260 Abbildungen, 39,90 Euro
http://www.guteaussichten.org/