documenta-Countdown #2 - Kassel

Das System Superkuratorin

Auftritt Christov-Bakargiev: "Entspannen Sie sich, ich halte eine Vorlesung." Die Eröffnungspressekonferenz der documenta 13 zeigt die Leiterin noch mal als Superkuratorin mit großem Talent im Runterputzen Anderer. Dann ist endlich die Bühne frei für das, was wirklich zählt: die Kunst.
Showtime:Die Pressekonferenz

Allseitige Anspannung: Die Künstlerin Ceal Floyer kaut auf der Eröffnungs-Pressekonferenz der documenta 13 in Kassel in einer "Nail Biting Performance" an ihren Fingernägeln.

Es ist nicht schwer, Journalisten zu quälen. Ganz einfach geht es zum Beispiel, indem man hunderte internationaler Autoren, Kamerateams und Redakteure mit Deadlines im Rücken die Kunst nicht sehen lässt. So ist es Mittwoch morgen in Kassel: An den Spielorten der documenta sind die Aufseher, Wächter und Kuratoren-Assistenten gebrieft, niemanden vor 14 Uhr zu den Skulpturen, Installationen und Bildern zu lassen.

Und sie halten sich daran, die Türen bleiben zu. In der bis in die letzten Ränge gefüllten Stadthalle von Kassel begrüßt am Mittag auch documenta-Sprecherin Henriette Gallus die Journalisten mit der Ermahnung: "Es hat keinen Sinn, sich früher aus der Konferenz herauszuschleichen – sie kommen erst um 14 Uhr die Ausstellung." Gute Laune geht anders.

Eins ist klar: Runterputzen kann sie gut.

Im Frage- und Antwort-Spiel der Pressekonferenz ist es dann, als ob documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev alles gibt, noch mal zu zeigen, warum man ihr Personenkult und Allmachtsgefühle vorwirft. Sie ist eine gute Oberlehrerin, eine unpräzise Frage quittiert sie mit: "Danke für ihren Kommentar." Dem etwas aufgeregten Journalisten, der eine vorbereitete Frage zum umstrittenen Meteoriten stellt, erwidert sie: "Danke für ihre vom Iphone abgelesene Frage." Die Nachfrage dann mit: "Danke für ihre spontane Nachfrage, das freut mich sehr." Eins ist klar: Runterputzen kann sie gut.

Freundlich unverschämt auch die Antwort auf die Frage, wie sie eine Million Besucher nach Kassel locken wolle, mit dieser Ansage habe sie die Latte sehr hoch gehängt. "Ich freue mich, dass auch Sportjournalisten hier sind." Aber das mit der Million habe sie nie gesagt, chinesische Blogger verbreiteten das. Der chinesische Blogger ist in diesem Fall die aktuelle Ausgabe des "Spiegel".

Das bleibt nicht das einzige Dementi. Sie habe Plakate in der Stadt gesehen, sie fordere die Herkules-Statue abzureißen. Aber das habe sie nie gesagt. Wie sie die Kunstwerke auswähle? "Ich selektiere nicht. Ich stelle nur zusammen." Und sie habe auch Stephan Balkenhol mit seiner Skulptur auf dem Kirchturm am Friedrichsplatz nicht zensiert, das würde sie nie tun. Sie habe ihn nur angerufen und gebeten, die Hypothese zu durchdenken, ob er seine Menschenfigur auch aufgestellt hätte, wenn er gewusst hätte, dass die documenta den Platz bespielen wolle und sie diese Konversation früher geführt hätten. Das hätte er nicht, Ende der Diskussion.

"Wie tanzen und denken Photonen gemeinsam?"

Es ist schön, das System Superkuratorin Christov-Bakargiev live auf der Bühne in Aktion zu sehen, man kann sofort nachvollziehen, woher ihr Ruf, schwierig zu sein, stammt. Dabei betreibt sie das Spiel nicht ohne Humor: Als erster Akt der Pressekonferenz steht die Künstlerin Ceal Floyer auf der Bühne und beißt sich in einer fünfminütigen Performance die Nägel kurz. Direkt am Mikrofon, es klingt wie ein kaugummikauender Teenager. So viel zum Thema allseitige Anspannung.

Den entscheidenden Satz zum schwierigen Verhältnis zu den Journalisten sagt Christov-Bakargiev am Ende: "Mir kommt es so vor, als sei ich der Lockvogel." Das Theater um ihre Person diene dem klaren Zweck: "Damit die Künstler in Ruhe ihre Arbeiten machen können." Das ist zwar eine etwas schräge Wahrnehmung, zeigt aber ihre Strategie, mit der exponierten Rolle als documenta-Kuratorin umzugehen: Verbale Nebelkerzen werfen und währenddessen alle Energie darin stecken, dass aus den über 160 Auftragswerken eine präzise Ausstellung wird.

In der Pressekonferenz wechselt Christov-Bakargiev dann in die Rolle der Professorin: "Entstpannen Sie sich, ich halte jetzt eine Vorlesung." Das tut sie auch, inklusive Adorno-Zitat über die Radikalität von Kunst. Und dem sicherlich zentralen Täuschungsmanöver, wiederholt zu behaupten, sie habe kein Konzept. Um dann doch genau dieses zu erklären.

Das Konzept hat viele Ebenen und Themenstränge, am einfachsten wird der Zugang wenn man sich einen Knoten im Netz herauspickt: Den Tanz der Photonen. "Wie tanzen und denken Photonen gemeinsam?", fragt Christov-Bakargiev. Klingt nach schlimmem Kuratorenkauderwelsch, ist aber sowohl theoretisch als auch naturwissenschaftlich und vor allem auch in der Ausstellung solide verankert: Im Fridericianum ästhetisch ansprechend aufgebaut, findet man die Versuche des Quantenphysikers Anton Zeilingers. Er zeigt die Quantenverschränkung also synchron schwingende Photonen, die sich gleich verhalten, obwohl sie nichts voneinander wissen. Ein komplexes Phänomen der Physik, das einige der Fragen enthält, die die moderne Physik längst nicht gelöst hat. Kurz: Trotz aller Supercomputern wissen wir immer noch nicht, was die Welt zusammenhält. Deswegen muss die Kunst antworten, wie schon immer seit den Zeichnungen an Höhlenwänden.

Abtritt Superkuratorin, Auftritt 188 Künstler.

Im Hauptbahnhof findet man dann die Video-und Soundinstallation von William Kentridge – das Schlüsselwerk zu diesem Thema. "Von der Zeit und vom Schicksal" handle seine Arbeit, hat Kentridge gesagt, von der Frage: "Wie kann man dem eigenen Schicksal entgehen?" (art 6/2012). Die Installation erzählt von den Versuchen aus Paris im 19. Jahrhundert, Uhren durch Druckluft in der ganzen Stadt synchron zu stellen, und von deutschen Experimenten, die Lichtgeschwindigkeit zu messen. Aber er hält eben keinen Vortrag, sondern schafft mit Musik, dem Film und einer großen Druckluftpumpe eben eine ganz unmittelbare, künstlerische Erfahrung.

Darin liegt wohl auch die Stärke von Christov-Bakargiev: Passend zu all ihren intellektuellen Pirouetten hat sie ein Team von exzellenten Künstlern zusammengestellt, deren Werke für sich sprechen. Sie machen die documenta 13 dann zu der intellektuellen und ästhetischen Schatzsuche, die auch 2012 noch verdientermaßen das größte Kunstevent der Welt ist. Abtritt Superkuratorin, Auftritt 188 Künstler. Von Lida Abdul bis Konrad Zuse, dem Erfinder des Computers und begeistertem Hobbymaler.

documenta (13) – eine Kunstausstellung

Die 13. documenta öffnet am Samstag den 9. Juni ihre Türen für die Besucher. Bis zum 16. September präsentiert sich die Weltkunstschau an neun verschiednenen Orten in Kassel. Ein dreibändiger Katalog erscheint bei Hatje Cantz
http://d13.documenta.de