Biennale - Lyon

BARBIE-SKLAVINNEN, ZOMBIES UND ANDERE ALBTRÄUME

Neben Kunst-Schwergewichten wie Matthew Barney, Tom Sachs und Yoko Ono setzt die diesjährige Lyon-Biennale auf junge Künstler, die in ihren grellen und teils skurrilen Werken das Storytelling feiern.

Ein Schiff wird kommen – immerhin zehn Meter misst der bunte Dreimaster mit seinen rund 100 Klicker spuckenden Kanonen, ein verspielter Nachbau der im 18. Jahrhundert unter britischer Flagge segelnden Victory, die vor allem Sklaven aus Afrika nach Nordamerika brachte.

Die Victory von heute steht aufgebockt und mit roten Segeln vor dem Altar der bei Hochzeitspaaren heißgeliebten Barockkirche Saint Just, benannt nach einem Lyoner Bischof aus dem späten vierten Jahrhundert. Auf den ersten Blick unschuldig wirkend, ein in Kitsch abgerutschtes Ergebnis verunglückter Modellbaupassion, enthüllt die Victory bei Umrundung durch den Betrachter ihre kostbare und vor allem verblüffende Fracht: Im Inneren des Schiffs liegen in Reih und ohne Glied 300 blonde Barbie-Puppen – die Sklavenhändler haben reiche Beute gemacht.

Mit seiner Schiffskulptur "Barbie Slave Ship" erzählt der New Yorker Künstler Tom Sachs, Jahrgang 1966, auf humorvolle Weise nicht nur eine Geschichte des Sklavenhandels, sondern auch eine von Konsumrausch und Starrummel. Auf einem handgeschriebenen Schild werden die 300 nackten Puppen namentlich identifiziert, eine Auflistung der Heroinnen von Gestern und Heute, deren teils verdienter, teils fragwürdiger Erfolg Kulturgeschichte schrieb. Die Liste reicht von Pamela Anderson und Madame de Pompadour bis zum Transvestiten Divine oder der Kunst-Ikone Yoko Ono, die ebenfalls unter den insgesamt 76 Künstlern der diesjährigen Biennale von Lyon vertreten ist.

Unter dem reichlich verschrobenen Titel "Entre-temps … Brusquement et ensuite", was auf deutsch ebenso kryptisch zu übersetzen wäre mit "Unterdessen … Plötzlich und anschließend", stellt der in Island geborene Gastkurator Gunnar B. Kvaran die 12. Biennale von Lyon ganz ins Zeichen ungewohnter Formen des Geschichtenerzählens. Während er hauptberuflich das Astrup Fearnley Museum für Moderne Kunst in Oslo leitet, lädt er hier Künstler ein, die auf die narrativen Regeln von Fernseh-, Kinofilm und konventioneller literarischer Fiktion verzichten und stattdessen die Welt, in der wir leben, auf ungewohnte Weise neuerzählen. In Installation, Skulptur, Video, Performance, Foto und sogar Malerei werden an fünf Hauptorten, darunter das Museum für Moderne Kunst und das ehemalige Lagerhaus La Sucrerie, sowie an zahlreichen Nebenschauplätzen bis hin zu Privatwohnungen alle möglichen Varianten des Storytelling von morgen durchdekliniert. Eine reiche Auswahl künstlerischer Freiräume, auch wenn manche Arbeiten in ihrer inhaltlichen Nähe zu modischen Massenmedien wie Comic und Computerclip genauso gewollt poetisch und plakativ bleiben wie der Titel der Schau.

Um vier seiner Ansicht nach historisch bahnbrechenden Künstler – den isländischen Maler Erro, die Japanerin Yoko Ono, den Amerikaner Robert Gober und Frankreichs Literat und Filmemacher Alain Robbe-Grillet – gruppiert Kvaran bekannte Namen des zeitgenössischen Post-Pop wie Matthew Barney, Yang Fudong, Jeff Koons oder Bjarne Melgaard. Ein besonderes Augenmerk liegt aber vor allem auf den zahlreichen jungen und noch relativ unbekannten Künstlern, darunter die in der Schweiz lebende Deutsche Hannah Weinberger, die mit einer Toninstallation und einer Filmarbeit vertreten ist, sowie Peter Wächtler mit einem Animationsfilm. Geografische Schwerpunkte stellen Brasilien, die Vereinigten Staaten und die Berliner Szene, offensichtlich Kvarans liebstes Jagdrevier, dar.

Ein Schiff wird kommen – auch im von Stararchitekt Renzo Piano erbauten Museum für Moderne Kunst ist ein großes Schiffsmodell ausgestellt, doch dieses Mal ist seine Besatzung anonym. Sie besteht aus rund 100 Männlein, die unter dem Befehl einer wildgewordenen Weltwirtschaft gegen die Katastrophe anrudern. Der Japaner Nobuaki Takekawa versucht ein besonderes Kapitel der Geschichte neu zu erzählen, ein noch sehr junges Kapitel, den Unfall des Atomkraftwerks Fukushima. Takegawa berichtet vom Versagen der japanischen Regierung bei Aufsichts- und Informationspolitik und spekuliert über die Ursachen und Konsequenzen des Unglücks in anderen Atomkraft nutzenden Ländern Asiens.

Ähnliche Geschichtskritik betreibt der Maler Meleko Mokgosi aus Botswana, der in einem achtteiligen Zyklus von bewusst platter Gegenständlichkeit die Auswirkungen der heutigen Globalisierung auf die angeblich souveränen Staaten Afrikas malt. Mokgosi erzählt die Kolonialgeschichte der Kaffern – wie die Briten die Schwarzafrikaner nannten –, und denunziert die korrumpierte Kultur der afrikanischen Oberschichten. Ihm ist eine ganze Rotunde des Museums gewidmet. Ohnehin zeigt sich die Biennale im Raumangebot für die teilnehmenden Künstler, selbst große Videoprojektionen sind in Installationen integriert. Die Besucher tauchen in komplexe künstlerische Welten ein – hinschauen allein genügt nicht mehr.

Neben politischen Werken und Ausflügen in die ScienceFiction, etwa vom Franzosen Fabrice Hyber, Zombie-Visionen der in Berlin lebenden Französin Aude Pariset oder den sprechenden Eulen der Norwegerin Ann Lislegaard überwiegen in Lyon künstlerische Berichte von surrealen Traum- und Albtraumwelten. Die Französin Lily Renaud-Dewar baut ein Schlafzimmer auf, aus dessen Bett schwarzes Wasser sprudelt. Im malerisch tapezierten Nebenzimmer sieht man in drei Videoprojektionen eine nackte, schwarze Performerin – das erträume Alter Ego der Künstlerin? –, die durch eben dieses Zimmer tanzt. Filmemacher Yang Fundong aus Shanghai erzählt erstmalig auch mit Fotos und Vitrinen voller Kindheitsobjekte das Leben der – fiktiven – Ma Sise nach, einer jungen Filmschauspielerin, in deren Leben Wirklichkeit und Kinodrehs durcheinander geraten. Ryan Trecartin und Lizzie Fitch bauen für ihre poppigen Underground-Anarchien wie gewohnt eine ganze Filmtheaterlandschaft um die Leinwand herum auf, der Norweger Bjarne Melgaard füllt einen Raum mit Kleiderstücken, durch die man, vorbei an Fernsehapparaten, von der Vergewaltigung einer jungen Frau durch den Rosaroten Panther zu einer Folterkammer der Marionetten und anderen Gräueln watet.

Die meisten der jungen Biennale-Künstler zeigen deutlich, manchmal zu deutlich, ihre Zugehörigkeit zur Generation der Geeks, Comics-Leser und Videoclipper. In den Videos der Kalifornierin Petra Cortright, gezeigt im Erdgeschoss der Sucrerie, werden leichtgeschürzte Models in kitschige Landschaften gestanzt, der New Yorker Dan Colen baut aus Comicfiguren wie dem Roadrunner eine Crime Scene wie im Fernsehen, und Ian Cheng, ebenfalls in New York lebend, vermischt in seiner Animation die wilden Kamerabewegungen von Videospielen mit traditioneller chinesischer Landschaftsmalerei zu computergenerierten Geschichten. Das Kollektiv The Bruce High Quality Foundation stellt unterdessen Antonio Canovas berühmte Marmorskulptur von Amor und Psyche verkitscht in per Elektromotor animiertem Styropor und einem quietschbunten Video aus Werbeclips nach.

Aus dem Meer der bewegten Bilder ragen vor allem drei Arbeiten heraus: "Even Pricks", grob übersetzt mit "Sogar Vollidioten", eine böse filmische Entlarvung der Erzählmechanismen von Massenkultur und Werbung durch den Briten Ed Atkins. Dann die komplexe Installation des jungen Franzosen Neil Beloufa "Superlative und Resolution", deren angeblich dokumentarische Interviewbilder zum Thema Umwelt und Trinkwasser durch Spiegel und Baumaterialien vielfältig gebrochen und fragmentiert werden. Sowie die "Crepusculum" Skulptur von Gabriela Friedriksdottir aus Island, eine mit der poppigen Leichtigkeit der meisten anderen Biennale-Arbeiten brechende melancholische Traumlandschaft voller Sanddünen, Glasskulpturen, Tongedichte sowie einem Film über den magischen Augenblick der Dämmerung, angereichert durch zahlreiche Anspielungen an nordische Legenden.

Ein Schiff wird kommen… Das neue Musée des Confluences, ein von dem Wiener Architekturbüro Coop Himmelblau entworfener postmoderner Brachialbau, steht kurz vor seiner Vollendung. In unmittelbarer Nähe des wichtigsten Biennale-Spielorts La Sucrerie an die Spitze der Landzunge gesetzt, an der die Flüsse Rhône und Saône ineinander münden, zeugt er weithin sichtbar von Lyons Ehrgeiz. Frankreichs zweitgrößte Stadt setzt auf Kunst und Architektur, ihre Biennale, zu deren Kuratoren unter anderem Harald Szeemann, Hou Hanru oder Jean-Hubert Martin gehörten, hat sich nach schwierigen Anfängen durchgesetzt und steht heute in Frankreich einmalig da. Trotzdem: In die Spitzengruppe der ersten Liga internationaler Großausstellungen schafft es die diesjährige Ausgabe der Biennale nicht. Zu zeitgeistig, zu plakativ und gleichzeitig zu unübersichtlich und dadurch allzu nah an den massenmedialen Verführungen unserer Zeit, fehlen ihr Kohärenz und intellektuelle Distanz. Ein guter Grund für den langjährigen Biennale-Chef Thierry Raspail, um beim nächsten Mal mal wieder zu neuen, noch unbekannten Ufern aufzubrechen.

12. Biennale von Lyon

12. September 2013 bis 5. Januar 2014,
Lyon,
Frankreich
http://www.biennaledelyon.com/uk/

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