Gilbert & George - Fotoausstellung

Freundliche Herren im Atelier

Seit 40 Jahren lebt und arbeitet das Künstlerduo Gilbert & George zusammen. Gilbert Proesch, geboren 1943 in Südtirol, und George Passmore, geboren 1942 in der englischen Grafschaft Devon, lernten sich Ende der sechziger Jahre am St. Martin’s College of Art kennen und sind seitdem unzertrennlich. Noch immer provozieren sie mit großformatigen Fotoarbeiten, die Themen wie Religion, Rasse, Sexualität und Identität aufgreifen.

Seit 40 Jahren lebt und arbeitet das Künstlerduo Gilbert & George zusammen. Gilbert Proesch, geboren 1943 in Südtirol, und George Passmore, geboren 1942 in der englischen Grafschaft Devon, lernten sich Ende der sechziger Jahre am St. Martin’s College of Art kennen und sind seitdem unzertrennlich. Noch immer provozieren sie mit großformatigen Fotoarbeiten, die Themen wie Religion, Rasse, Sexualität und Identität aufgreifen. In ihrer jüngsten Serie „Bombenbilder“ (2006) setzen Gilbert & George sich mit den Bombenanschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 auseinander. art-Korrespondent Hans Pietsch traf die freundlichen älteren Herren in ihrem Atelier.

art: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Gilbert & George: Normalerweise geht es bei uns sehr geregelt zu. Um sechs Uhr 30 Frühstück im Café um die Ecke, gefolgt von einem kleinen Spaziergang, um die Muskeln etwas zu strecken am Morgen. Gegen acht Uhr beginnen wir mit der Arbeit. Mittagessen um elf, weil da die Lokale noch leer sind. Das ist ein sehr geordnetes Leben. So geordnet wie möglich, denn wir brauchen massenhaft Platz in unseren Köpfen, wir können unser Gehirn an nichts Unnötiges verschwenden. Deshalb gehen wir nie einkaufen, kochen nicht, essen niemals zu Hause. Die Woche zuvor hatten wir im College Werbung für unseren Auftritt gemacht, verteilten kostenlos Zigaretten, Marshmallows, Flugblätter. Mitten in der Vorstellung stürmte der Leiter der Bildhauerklasse aus dem Saal, mit viel Getöse, und so bewunderten die Studenten unsere Skulptur noch mehr als zuvor. Und wir wussten, dass wir von diesem Augenblick an allein auf der Welt waren.

In der Ausstellung sind auch frühe „Papierskulpturen“ zu sehen, großformatige Zeichnungen, die Sie beide in der Natur zeigen. Warum nannten Sie diese Arbeiten „Skulpturen“?

Wir sind Bildhauer, und nach den „Lebenden Skulpturen“ wollten wir etwas Konkretes hinterlassen. Wir schufen Papierskulpturen, Postskulpturen mit Postkarten und dann Fotoskulpturen.

Heute nennen Sie Ihre Werke nicht mehr Skulpturen, sondern Bilder.

Der Begriff Skulptur war uns nicht demokratisch genug. In der Kunstszene funktionierte er, doch außerhalb dieser kleinen Elite verstand ihn eigentlich niemand. Dann wurde uns klar, dass „Bild“ der einzige international verständliche, demokratische Begriff ist.

Verstehen Sie sich auch heute noch als „Lebende Skulpturen“?

Ja, natürlich. Wir sind noch immer das Zentrum unserer Kunst. Auch unser Publikum sieht es so. Wir sind „Bildbotschaften“.

Ihre ersten Fotocollagen, mit Fotos von Ihnen hier in Ihrem Haus, waren noch schwarzweiß. Dann kam die Farbe Rot hinzu, und später verwendeten Sie auch andere Farben.

Wir brauchten drei Jahre, um die Farbe Rot zu finden. Rot stand für Blut, Gefahr, Liebe oder auch Kirschblüten. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis wir Gelb entdeckten. Und erst 1980 ging uns auf, dass wir ja sämtliche Farben benutzen können. Und das taten wir dann auch. Die Farben trugen wir mit einem Tuch auf.

Auf das fertig vergrößerte Foto …

Richtig. In den ersten zehn Jahren benutzten wir einen ganz normalen Vergrößerungsapparat, wie ihn ein Schuljunge besitzt, und die Küche war unsere Dunkelkammer.

Was bedeutet der rechteckige schwarze Rahmen für Sie, der jedes einzelne Paneel rahmt?

Zunächst einmal hat er einen praktischen Grund – es gibt kein Flugzeug, das groß genug ist, die ganz großen Bilder zu transportieren. Die einzelnen Paneele lassen sich leicht in Kisten verpacken und so verschicken. Doch wir mögen auch die Limitierung der Linien. Sie schränken unsere Komposition ein. Diese Disziplin ist sehr nützlich, sie kontrolliert uns.

Die meisten Ihrer Arbeiten sind äußerst großformatig – warum diese riesigen Formate?

Eigentlich finden wir nicht, dass unsere Bilder groß sind. Die Wände in Museen sind groß, und niemand fragt, warum ein Bus groß ist oder ein Restaurant. Die Idee ist aber, eine Atmosphäre zu schaffen. Dass man hineingehen und sich mitten in der Welt von G&G wiederfinden kann. Ein kleines Bild schafft keine G&G-Welt.

Reflektieren Ihre Arbeiten die Realität? Interpretieren Sie sie?

Sie fühlen die Welt und uns. Das ist es. Wir zeigen die Welt nicht. Es sind völlig künstliche Szenen. Doch wir versuchen, das Morgen zu formen und hoffen, dass es durch unsere Kunst etwas anders aussehen wird.

Sie schockierten formal, nicht inhaltlich

Sie haben auf jeden Fall in Ihrer Kunst Dinge vorausgeahnt.

Vor zehn, 20 Jahren gab es die Spannung zwischen Christentum und Islam, die um Vorrang kämpfen, noch nicht. Heute fühlt man sie täglich. Heute geben die Islamisten den Ton an. Als wir unsere ersten „Jesus“-Bilder vorstellten, hielt uns die Kunstszene für verrückt. Religion war ein Thema der Vergangenheit, so glaubte man. Heute ist es ein Thema, das über Tod oder Leben entscheidet. Als wir 1980 unsere Arbeit „Mullah“ zeigten, wusste niemand, was das ist. Dann zeigten wir Worte wie „Scharia“ und „Apostasie“ auf unseren Bildern – niemand kannte sie. Heute kennt sie jeder. Überall gehen Bomben hoch, auch hier, wo wir leben: die Bombe in der U-Bahnstation Aldgate East vom Juli 2005 – das war fünf Minuten zu Fuß von unserem Haus.

Ihre Kunst gilt als provokativ – sehen Sie das auch so?

Die Arbeit eines Künstlers muss provozieren. Sonst würde sie niemand wahrnehmen. Nennen Sie uns einen bedeutenden Künstler, dessen Kunst nicht provoziert. Van Gogh schockierte, die ersten abstrakten Maler schockierten.

Die schockierten auf andere Art …

Sie schockierten formal, nicht inhaltlich, das stimmt. Bei uns ist die Form akzeptabel, aber der Inhalt eckt an.

Ist es möglich, Sie irgendwo im politischen Spektrum einzuordnen?

Wir sind völlig normale konservative Rebellen. Wir glauben an die freie Markwirtschaft. Wir wollen keinen Aufruhr anzetteln, wir glauben nicht an Demonstrationen und Aufmärsche. Wir unterstützen stille Menschen, die anderen helfen. Künstler geben gern vor, dass sie Individuen sind – warum denken sie dann alle dasselbe, fragen wir uns.

Würden Sie Ihre Kunst als schwule Kunst bezeichnen?

Nein. Wir glauben nicht an den Begriff „schwul“. Vor allem, seit wir den Ursprung des englischen Wortes „gay“, also „schwul“, kennen – die Londoner Huren des 18. Jahrhunderts wurden als „gay ladies“ bezeichnet.

In ihrer Kunst gibt es kaum Frauen.

Unsere Kunst muss nicht alles zeigen. Die Kunst der vergangenen Jahrhunderte ist voll von Frauen. Der Mann zückte das Scheckbuch und der Künstler musste den weiblichen Akt malen. Nackte junge Männer sind selten – auch heute. Wir stellen da irgendwie eine Art Gleichgewicht her.

Einer Ihrer Leitsätze ist „Kunst für alle“. Gilt der auch für ihr Werk? Und wie können Sie das erreichen?

Indem wir unsere Bilder für jeden lesbar machen und die Fragen eines jeden Menschen angehen: Was bedeutet Sexualität heute? Was bedeutet Religion? Religion sollte verboten werden! Doch auch da ändern sich die Verhältnisse. Vor 25 Jahren beschimpfte uns der Pfarrer der Kirche am Ende unserer Straße als „pervers“. Nun fand der Empfang für unsere Schau in der Tate Modern in eben dieser Kirche statt. Der jetzige Pfarrer war Ehrengast, und er und seine Frau gratulierten uns.

Auch die Kunstszene hat sich verändert. Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir gehören eigentlich nicht zur Kunstszene. Wir besuchen selten Ausstellungen, wir gehen nicht zu Vernissagen. Wir möchten allein sein und rein bleiben, was unsere Ideen angeht. Wir wollen nicht verseucht werden.

Einige der jüngeren britischen Künstler sehen in Ihnen eine Art Pate. Sie bewundern Ihre Unabhängigkeit, Ihre Radikalität. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung?

Wir machen darüber Witze: Wir bezeichnen uns als „Gute Fee“. Eigentlich haben die jüngeren Künstler nur eines von uns gelernt: Hört auf, euch über Frau Thatcher Gedanken zu machen! Macht Kunst, verdient Geld, und zahlt eure Steuern!

Was halten Sie also von Künstlern der Generation der Young British Artists – Damien Hirst, Tracey Emin, Sarah Lucas?

Hervorragend, brillant! Als wir Studenten waren, musste die Kunst aus einem Land kommen, in dem Wein angebaut wurde. Und dann musste sie aus Manhattan kommen. Nicht aus Chicago oder Missouri, nur aus dieser winzigen Insel an der amerikanischen Ostküste. Verrückt! London ist heute ein Ort, dessen Kunst allgemein anerkannt wird. Das begrüßen wir.

Wie beurteilen Sie die Rolle, die Großsammler wie Charles Saatchi gespielt haben und spielen?

Saatchi hat ungeheuer viel getan für die Londoner Kunstszene. Aber uns hat er nie gekauft. Das ist fast wie eine Auszeichnung – wenige Künstler können das von sich sagen.

Vor einigen Jahren verließen Sie die angesehene Galerie Anthony d’Offay und wechselten zu Jay Joplings Galerie White Cube. Warum?

Anthony d’Offay ist eine richtige Fotze. Er wurde sehr unangenehm, schwierig, hatte nur Interesse am Geld, wir wollten uns von ihm trennen. Und als Jopling seine große Galerie im East End aufmachte, war das die Gelegenheit, sich ihm anzuschließen. Das war eine unserer besten Entscheidungen, wir fühlten uns wie befreit. Andere Künstler gingen ebenfalls von d’Offay weg, und ein Jahr später machte er zu. Jopling ist der charismatischste Galerist der Welt. Er besitzt den Optimismus, den Ehrgeiz und den Mut, den nur Absolventen der Eliteschule Eton oder Insassen von Jugendstrafanstalten mitbekommen.

Sie leben seit Ende der sechziger Jahre im selben Viertel. Was ist so besonders am Londoner East End?

Hier ist alles von heute. Anderswo hat man immer das Gefühl, im Gestern zu leben. Wenn wir morgens über den Hinterhof ins Atelier gehen und die großen Bäume sehen, wenn wir vors Haus gehen und die Kotze auf dem Bürgersteig sehen – das ist unsere Welt. Einer Stadt ohne Kotze würden wir sofort den Rücken kehren. Nur eine Religion zu sehen, eine Haltung – das würde uns verrückt machen.

Sie sind beide über 60 – machen sich Themen wie Altern und Sterblichkeit in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Das wird sicher kommen. Aber wir haben es geschafft, unsere Naivität zu bewahren. Der Geist ist noch da, wenn auch die Knochen nicht mehr so wollen. Erst gestern fügten wir unserem Kanon von Begriffen, die die Welt bewegen, zwei neue hinzu. Bisher waren es: Tod, Hoffnung, Leben, Furcht, Sex, Geld, Rasse, Religion. Nun kamen Liebe und Hass hinzu.

Ihre jüngsten Arbeiten, die „Bombenbilder“, die sich mit den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn im Juli 2005 beschäftigen – sind das Klagelieder, Denkmäler?

Sie sind beides. Und eine Anklage gegen die Medien. Wir nennen sie „moderne Stadtbilder der letzten Jahre“. Man braucht die Stadt gar nicht zu malen – diese Schlagworte oder Schlagzeilen sagen mehr darüber, was sich ereignet hat.

Stellen Sie auf den Bildern die Opfer dar?

Wir sind mittendrin, weil wir es miterlebt haben. Der Staub fiel auf unsere Häupter, wenn Sie so wollen. Wenn man aber das Unglück vergisst, lesen sich die Wörter fast wie Haikus, Bombe, Schwester, Gnade, Appell. Wir dachten, wir können zu diesem Thema etwas beitragen, was Politiker, Religionsführer und auch die Medien nicht können.

Was wären Sie, wenn Sie nicht Gilbert & George geworden wären?

Wir wären nichts. Die Stärke, die zwei Menschen zu einem Unternehmen bringen, ist unglaublich. Selbstzweifel verließen uns im Jahr 1970. Niemand kann uns an den Karren fahren, weil wir zu zweit sind. Angriffe bilden den Charakter. Opposition macht stark.

Ausstellung: bis 9. September, Haus der Kunst, München.
Kataloge: Tate Publishing, 12,99 Pfund; Hatje Cantz Verlag, 28 Euro.

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