Jean-Michel Basquiat - Fondation Beyeler

Wir behandeln Basquiat so wie Picasso

Jean-Michel Basquiat war der Shooting Star der New Yorker Downtown-Szene, ein genialer Maler, charismatischer Performer und umschwärmter Frauenheld. Die Fondation Beyeler widmet dem US-Künstler, der 1988 an einer Überdosis starb, jetzt eine umfassende Retrospektive. Anläßlich der großen Schau, die am 9. Mai, eröffnet wird, spricht Beyeler-Direktor Sam Keller über Basquiats Sammler, seine Kapitalismuskritik und Warhol als Banane.

Herr Keller, warum machen Sie gerade jetzt eine Ausstellung mit Jean-Michel Basquiat? Gibt es da eine persönliche Verbindung?

Sam Keller: Jean-Michel Basquiat wäre in diesem Jahr 50 geworden. Er gehört zu den Künstlern, die für meine Generation enorm wichtig sind. Ich erinnere mich noch, als ich als Gymnasiast auf die Art Basel gegangen bin und dort erstmals Bilder von ihm gesehen habe.

Da kam plötzlich eine neue Künstlergeneration auf dem Kunstmarkt an, die diese Wildheit und Street Credibility mitbrachte, etwas neues, das die Straße mit der hohen Kunst verband. Ein konkreter Anlass für die Schau war jedoch die Tatsache, dass Ernst Beyeler bereits 1983 eine Basquiat-Ausstellung in der Galerie gemacht hatte. Da war Basquiat 23 Jahre alt und ein junger Star. Sie trug den Titel "Expressive Malerei nach Picasso". Es war eine Gruppenausstellung, und es gab einen schönen Katalog mit Basquiats "Philestines" auf dem Titel und weiteren wichtigen Werken. Diese Ausstellung hat Basquiat sehr viel bedeutet, denn während er schon bei anderen Galeristen ausgestellt hatte, war das das erste Mal, das er vom etablierten Kunsthandel aufgenommen und zusammen mit Künstlern wie Picasso und Dubuffet gezeigt wurde.

Heute zählt Basquiat nicht zuletzt wegen der hohen Preise, die seine Bilder regelmäßig erzielen, zu den berühmtesten Künstlern weltweit. Wie kommt es, dass ihm dennoch bislang kein europäisches Museum von Rang eine große Retrospektive gewidmet hat?

Das habe ich mich auch gefragt. Klar ist, dass sich die meisten von Basquiats wichtigen Werken nicht in Museen befinden, sondern in privaten Sammlungen. Meistens in sehr bedeutenden. Es gibt einige wenige große Sammler, die viele Werke von ihm besitzen und oft auch noch eine persönliche Verbindung zu ihm hatten. Die hängen sehr an diesen Werken, haben eine emotionale Beziehung dazu. Und dann gibt eine Reihe von Kunsthändlern, die sehr viel für seine Karriere gemacht haben und auch heute noch den Zugang zu seinen Werken ermöglichen oder kontrollieren können. Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die meisten Ausstellungen mit einem dieser Kunsthändler zusammen gemacht wurden, aus dessen Einflussbereich dann die meisten Werke gekommen sind. Wir wollten aber eine Ausstellung machen, die von allen unterstützt wird. Wir haben die Unterstützung von seinem Nachlassverwalter, von seinen amerikanischen und europäischen Händlern und von all den großen Sammlern. Dazu konnte ich beitragen, weil ich mit all diesen Leute in meiner Zeit als Direktor der Art Basel eng zu tun hatte. Und mit der Fondation Beyeler kann ich jetzt einen Beitrag dazu leisten, dass Basquiat als großer Maler gesehen wird, und nicht der Graffiti-Künstler im Vordergrund steht, als der er oft verstanden wurde. Wir behandeln ihn so, wie wir auch Künstler wie Picasso behandeln, als ganz großen Maler und Zeichner.

Kann man denn Basquiats Biografie, die Geschichte vom wilden Street Artist zum drogenabhängigen Rockstar-Künstler, einfach so ausblenden?

Natürlich muss man, wenn man eine Basquiat-Ausstellung macht, auch darüber nachdenken, was er für eine Persönlichkeit war. Das klammern wir nicht aus. Er war von seiner Herkunft und seiner Lebensweise eine sehr interessante Figur: ein Immigrantenkind, einflussreicher Akteur des New Yorker Underground, einer dieser vielfach talentierten Künstler, die auch Musik gemacht haben, kurzum eine ganz wichtige Figur der New Yorker Downtown-Szene der achtziger Jahre. Wenn man sich anschaut, wer sonst noch alles aus dieser Szene etwas geworden ist, sieht man, dass das doch ein sehr bestimmender Moment war. Das wollen wir auch zeigen, dass auch aus den Leuten um ihn herum, Vincent Gallo, Madonna, Fab 5 Freddy, etwas geworden ist.

Wer sind denn die größten Leihgeber für die Schau?

Bei den Händlern sind das wichtige Figuren wie Bruno Bischhofberger und Tony Shafrazi, die Mugrabi-Familie, Jeffrey Deitch und Larry Gagosian. Historisch gesehen auch wichtig ist Annina Nosei und Diego Cortez. Wir haben auch mit Enrico Navarra zu tun, der mit ihm eine Art Werkverzeichnis erstellte. Bei den amerikanischen Sammlern, die viele Werke besitzen, ist Peter Brant zu nennen, dann Eli Broad und die Schorrs. Aber auch in Europa gibt es Sammler diesen Formats, von denen wir Werke bekommen haben, die aber ungenannt bleiben möchten. Viele von denen leihen sonst nie aus. Das ist eine kleine Sensation. Und wir hatten auch Zugang zu den sogenannten Celebrities, Filmstars, Musikstars oder Tennisstars, deren Lieblingskünstler Basquiat ist.

Ist das nicht ein merkwürdiges Phänomen, dass Basquiat als Figur zwar weltberühmt ist, seine Bilder aber kaum zu sehen sind?

Es gibt tatsächlich selten ein so großes Missverhältnis zwischen Ruhm und Sichtbarkeit. Man kann die wichtigsten Werke nicht sehen. In Europa gibt es ein Bild im Centre Pompidou, eines im Boijmans van Beuningen-Museum, eines im Guggenheim Bilbao, es gibt ein paar Werke im Whitney Museum in New York und im MoCA in Los Angeles. Das New Yorker MoMA hat nur eine einzige Zeichnung. Also nicht einmal in Amerika ist es einfach möglich, Basquiats Bilder zu sehen. Noch nicht mal in Büchern kann man seine Werke sehen. Es wurden zwar viele Bücher und Kataloge gemacht, aber die sind alle ausverkauft. Selbst wir als Museum mussten im Internet über 1000 Euro zahlen, um an diese Kataloge noch ranzukommen.

Jean-Michel Basquiats Nachlass wird von seinem Vater Gerard Basquiat verwaltet. Er scheint an Öffentlichkeitsarbeit wenig interessiert. Es gibt keine Anlaufstelle, kein Archiv, keine Webseite. Als Journalist wird man dort ziemlich brüsk abserviert. Wie sind Sie an die Familie rangekommen?

Eigentlich relativ einfach. Ich kam mit Empfehlung seiner Galeristen. Außerdem kannte Gerard Basquiat die Art Basel Miami Beach und auch die Fondation Beyeler. So bin ich auf offene Türen gestoßen. Er hat mir Unterstützung zugesagt und bisher auch eingehalten. Aber es ist schon so, dass man von außen nicht so leicht an ihn herankommt als an andere Nachlassverwalter. Man muss das aber auch verstehen: Da sitzt kein Anwalt oder Galerist, also ein Profi, sondern das ist eine Familienangelegenheit. Das hat sicher Vor- und Nachteile. Aber für uns war das Schöne, dass wir direkt mit dem Vater, der Stiefmutter und der Schwester Basquiats zu tun hatten, also dass es diesen Zugang noch gibt. Sicher ist es auch kein Geheimnis, dass Basquiat als rebellischer junger Mann, der Drogen nahm und zeitweise auf der Straße lebte, Differenzen mit seinem Vater hatte.

Wenn es um Basquiats Biografie geht, scheiden sich ohnehin die Geister. Die einen beschreiben ihn als hypersensibles Genie, andere als rücksichtslosen Junkie.

Jeder scheint die Wahrheit über ihn gepachtet zu haben. Es ist fast wie bei einem Religionsstifter. Jeder will im noch näher gewesen sein und wissen, wie er wirklich war. Da gibt es richtige Kämpfe zwischen den verschiedenen Weggefährten. Sonst, wenn man Werke bei Sammlern ansehen geht, dauert das eine halbe, maximal eine Stunde. Bei den Besitzern von Basquiat-Werken war es oft so, dass es einen halben oder einen ganzen Tag dauerte, weil die Leute so viel zu erzählen hatten, über das Werk, über den Künstler, fast alle haben eine persönliche Beziehung zu ihm. Und alle haben davon gesprochen, wie stark die Werke sind, welche unglaubliche Kraft und Energie sie haben und dass sie so komplex seien, dass man immer wieder neue Dinge darin entdecken könne.

Wo hängen die Bilder denn in der Regel?

Ich habe sie an den unterschiedlichsten Orten gefunden, in Schlafzimmern und in den Konferenzräumen von Weltkonzernen, bei Leuten, die mit Chauffeur und Privatjets unterwegs sind und Undergroundtypen aus New York, die nicht reich sind, aber sich trotzdem nie von ihrem Basquiat trennen würden. Er scheint ein Werk geschaffen zu haben, das ganz unterschiedliche Lesarten zulässt, interessant ist, dass ihn alle mit Veränderung verbinden. Gerade auch die Großkapitalisten sind sich durchaus bewusst, dass sie sich jemand Revolutionäres ins Haus geholt haben. Sie kennen die Geschichte seiner Drogenprobleme, aber auch, dass sich Basquiat gegen Rassismus eingesetzt hat und gegen den Konsumkapitalismus.

Deutet man Basquiats Werke heute anders als in den achtziger Jahren, als sie entstanden?

Definitiv. Es gibt ja zwei Quellen, aus denen sich Basquiats Werk speist: einmal ist das die Kunst- und Kulturgeschichte, und dann hat er natürlich auch die persönlichen und politischen Verhältnisse seiner Zeit verarbeitet, also das, was um ihn herum geschah. Zumindest diese zweite Inspirationsquelle ist für jemanden, der die Bilder heute betrachtet und die New Yorker Szene der 70er und 80er Jahren nicht kennt, nicht ohne weiteres zu entschlüsseln. Nehmen wir zum Beispiel die Street Art, das ist heute ein entabliertes Phänomen – Banksy wird von meiner Großmutter geliebt. Früher sah man darin das Verschandeln von Wänden. Oder die Darstellung der Schwarzen in Basquiats Bildern. Als sie entstanden, war die Rassentrennung erst vor einer Generation abgeschafft worden. Jetzt haben wir die Hiphop-Bewegung erlebt und schwarze Künstler sind die Vorbilder unserer Kinder. Oder die Boxer und Jazzmusiker, die Basquiat gemalt hat. Damals waren das noch Außenseiterfiguren, heute sind Muhammed Ali oder Charlie Parker so etwas wie Picassos.

Hat die Person Basquiat früher das Werk manchmal überschattet?

Der frühe Ruhm und die hohen Preise haben viele Leute zumindest skeptisch gemacht. Das mag auch ein Grund dafür sein, warum er in so wenigen Museumssammlungen zu finden ist. Das liegt nicht nur daran, dass sie sich die Bilder nicht leisten konnten. Es gehörte auch sehr viel Mut dazu, einer Museumskommission ein Bilder von einen 23-jährigen schwarzen Kid, das Heroin nimmt, zum Ankauf vorzuschlagen. Damit wollten sich nicht viele die Finger verbrennen.

Warum haben Sie für die Ausstellung einen Kurator gewählt, der mit Basquiat bisher nichts tun hatte? Dieter Buchhart hat vorher Ausstellungen zu Edward Munch kuratiert.

Das war eine ganz bewußte Entscheidung. Ich kenne natürlich all die Basquiat-Leute, die schon Ausstellungen mit und über ihn gemacht haben. Wenn ich mit so jemanden gearbeitet hätte, wäre schnell klar gewesen, wie die Ausstellung aussieht. Doch ich dachte, was könnte die besondere Leistung der Fondation Beyeler sein? Das ist die Einordnung von Basquiats Werk in die Kunstgeschichte. Darum habe ich einen Kuratoren geholt, der diesen frischen, unvoreingenommenen Blick auf Basquiats Werk haben kann. Dieter Buchhart schätze ich vor allem als Austellungsmacher für Künstler des Expressionismus, er ist einer der großen Munch-Experten und auch Otto Dix gehört zu seinen Spezialgebieten. Aber er hat als Direktor der Kunsthalle Krems auch zeitgenössische Ausstellungen organisiert. Unser Anspruch ist, aus zeitlicher Sicht die wichtigste Basquiat-Ausstellung zu machen, die es bisher gegeben hat. Die Whitney-Ausstellung 1992, kurz nach seinem Tod, war die erste Großtat, die entscheidend dazu beigetragen hat, dass Basquiat museal gewürdigt wurde. Aber seither ist besonders in Europa nicht mehr viel passiert.

Basquiat war mit Andy Warhol befreundet und die beiden haben eine Serie von Gemeinschaftswerken geschaffen. Werden davon auch welche gezeigt?

Einige dieser Werke waren schon früher im Rahmen einer Warhol-Ausstellung in der Fondation Beyeler zu sehen. Wir wollten das also nicht zum Schwerpunkt machen. Aber wir zeigen drei dieser "Collaborations". Eines davon ist eine Gemeinschaftsarbeit, an der auch Franceso Clemente beteiligt war. Er wird im Sommer sogar nach Basel kommen und einen Talk dazu geben. Das Verhältnis zwischen Basquiat und Warhol wird aber auch in anderen Werken reflektiert. Es gibt ein Doppelporträt, was die beiden voneinander gemacht haben und es gibt ein Porträt von Warhol als Banane, das von Basquiat stammt.

"Basquiat"

Termin: 9. Mai bis 5. September, Fondation Beyeler, Riechen/Basel. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 68 Franken/39,80 Euro
http://www.beyeler.com/

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