Macht zeigen - DHM Berlin

Wollen Sie noch Schnittchen?

Die Ausstellung "Macht zeigen" im Historischen Museum Berlin beleuchtet den repräsentativen Einsatz von Kunst, zeigt die Lieblingskünstler der Politiker und Manager – und deckt Hintergründe aus der Vergangenheit auf.

Angela Merkel hat keine Ahnung von Kunst. Das jedenfalls erklärte der Berliner Theatermacher Christoph Schlingensief unlängst auf einer Pressekonferenz. Künstler und Kanzlerin hatten sich bei einem Empfang im "kargen Kanzleramt" getroffen. Bei dieser Gelegenheit war aber der Politikerin von allen möglichen Fragen nur die eine eingefallen: "Wollen Sie noch Schnittchen?" Merkel, so Schlingensief, wolle zwar Ahnung von Kunst haben, aber von ihr komme nichts.

Kunst ist heute Statussymbol, so die Grundthese der vom Karlsruher Philosophen und Unternehmensberater Wolfgang Ullrich organisierten DHM-Ausstellung, denn Kunst "adelt die Sieger der Gesellschaft". Folgt man dieser Annahme, dann müssten Spitzen wie die von Schlingensief in Richtung Kanzlerin einem kleinen PR-Desaster gleichkommen. Denn zum Selbstbild moderner Politiker und Manager gehört heute Kunstkennerschaft angeblich unbedingt dazu. Selbst wenn die Mächtigen und Reichen wegen des Regierens und Managens und der dauernden Zwischendurch-Treffen mit Finanzberatern überhaupt gar keine Zeit haben, sich eingehender damit zu beschäftigen. Niemand kann verhindern, dass sie sich an die Wände hinter dem Chefsessel trotzdem bunte, große Ölformate hängen. Schließlich verhelfen sie damit nicht zuletzt vielen Künstlern zu einem einfachen bis sehr guten Auskommen.

Doch nicht die Abbildung der öffentlichen Handlungen mächtiger Ahnungloser ist das erklärte Ziel der Ausstellung, sondern die Analyse von "Kunst als Herrschaftsstrategie". Was das konkret bedeutet, erfährt man als Besucher aber leider nicht. Lässt sich zeitgenössische Kunst heute tatsächlich im Sinne von politischer Herrschaft benutzen? Und worin besteht der aktuelle "deutsche Sonderweg" im Verhältnis von Kunst und Politik, den der Ausstellungsmacher Ullrich behauptet, ohne freilich Beweise beizubringen?

"Ästhetisierung der Politik"

Kunst, das zeigt diese Ausstellung hingegen in fast allen Exponaten, wird in der Nähe von Politik und Wirtschaft nicht unbedingt besser oder gewichtiger, dafür ist die wurstige Lüpertz-Skulptur im Kanzleramt das beste Beispiel. Andersherum wird auch die Politik durch die Nähe zur Kunst nicht anders: etwa bei den modernen Sozialdemokraten nicht Willy-Brandt-mäßiger, nur weil sie ihre besonderen Pressekonferenzen gerne im Schatten jener Fetting-Foyerskulptur abhalten. Alte Männer werden nicht sympathischer, nur weil sie auf Vorstandsetagen mit ihren machtverhärteten Körpern vor neuen Bildern posieren. Kunst, so der Kern des von Ullrich präsentierten Materials, gibt gute Kulissen für Macher-Fotos, die dann von den Bildredaktionen der Polit- und Managermagazine gern wegen der Farbigkeit ins Heft gehievt werden, um dem ewigen Grau zu entkommen.

Im 20. Jahrhundert war das anders. Damals stellte Walter Benjamin in seiner berühmten Faschismus-Analyse die "Ästhetisierung der Politik" die "Politisierung der Kunst" gegenüber. Auf einem kleinen Monitor sieht man Adolf Hitler auf historischen Propaganda-Sequenzen Ende der dreißiger Jahre bei der Eröffnung einer großen deutschen Kunstausstellung in München. Kunst im Nationalsozialismus hatte tatsächlich der Inszenierung nazistischer Macht und der Beschwörung eines völkischen Wir-Gefühls zu dienen; wer nicht ins rassistische nationalsozialistische Weltbild passte, wurde ins Exil getrieben oder in den Konzentrations- und Vernichtungslagern umgebracht.

Kein Skandal: Merkel hat keine Ahnung von Kunst

Derart brachial wurde Kunstpolitik in Deutschland seitdem nie wieder instrumentalisiert. Auch wenn in der "Berliner Republik" der Abstand zwischen Kunst und Politik kleiner geworden ist: Solange sich der Burschen-Maler Norbert Bisky zum Fototermin mit Sammler-Politiker Guido Westerwelle eine blonde Perücke und ein lustiges Basecap aufsetzt oder Altkanzler Schröder in Merseburg eine Galerie für den verhassten ehemaligen DDR-Künstlerfunktionär Willi Sitte eröffnet, muss man nichts Schlimmes befürchten. Denn meist geht die Indienstnahme der Kunst durch die Mächtigen für PR-Zwecke ganz einfach nach hinten los. Klaus Wowereit etwa, Berlins regierender Bürgermeister und Kultursenator schwärmt gern von einem Fetting-Gemälde in seinem Büro, unter dem der Politiker auf einer Anrichte fünf Miniaturen der berüchtigten Buddy-Bären liebevoll drapiert hat. Dabei weiß jedes Kind, dass kein ernsthafter Kulturmensch diese schlimmen menschengroßen Klumpwesen mögen kann, die die öffentlichen Plätze der Hauptstadt seit Jahren verschandeln. Es ist also kein Skandal, dass Merkel keine Ahnung von Kunst hat: Sie ist da nicht allein.

"Macht zeigen - Kunst als Herrschaftsstrategie"

Termin: 13. Juni, Deutsches Historisches Museum Berlin. Katalog: DHM, 24 Euro
http://www.dhm.de

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