Richard Hamilton - Schätzchen

Alle für einen

"Bacon, Beuys, Cartier-Bresson, Christo, Hockney, Johns, Lichtenstein, Oldenburg, Tinguely, Warhol": Nichts als eine alphabetische Auflistung zugegebenermaßen sehr erfolgreicher Künstler zeigt das Cover von Richard Hamiltons Büchlein "Polaroid Portraits". Man erwartet also 32 Porträts zu den 32 Namen. Und die bekommt man auch. Sie fallen allerdings etwas anders aus, als man zunächst vielleicht denkt.
Porträtiert:Porträts von Richard Hamilton

"Polaroid Portraits Vol. 1" von Richard Hamilton

Blättert man durch das Buch erblickt man nicht etwa die aufgelisteten Künstler, sondern immer nur Richard Hamilton selbst. Ein Mann mit hoher Stirn und Augenringen: Der kurze Moment der Enttäuschung weicht schnell Begeisterung. Zum einen, weil diese Aufnahmen so unterschiedlich sind. Und weil sie zum anderen nicht nur viel über den Porträtierten erzählen, sondern auch und vor allem über die Person, die ihn jeweils fotografierte.

In jeder erdenklichen Situation ließ Hamilton sich seit 1968 von seinen Künstlerfreunden ablichten. Vorgegeben war dabei nur die Technik: Polaroid. Man sieht den Künstler an einem schneematschigen deutschen Straßenrand und vorm Weihnachtsbaum stehen, mal sieht man ihn kaum, dann im Spiegel oder rauchend, auch vor einem Blick in Hamiltons offenen Hosenstall bleibt man nicht verschont. Immer wieder trägt er ein Seidentuch – scheinbar eine Art Markenzeichen. Manches sind persönliche Schnappschüsse, andere Bilder wirken wohlkomponiert. Bei einigen Fotos kann man den Urheber erahnen (Joseph Beuys, Francis Bacon), aber das Buch ist mehr als ein Ratespiel: Vielmehr grübelt man immer auch über die Beziehung vom jeweiligen Fotografen zum Porträtierten. Waren sie befreundet oder nur professionell verbunden? Kannten sie sich schon lange oder war es ihre erste Begegnung? Und man malt sich die Situation aus, in der die Aufnahme entstand: vielleicht auf einer hektischen Messe, bei einem Atelierbesuch oder am Morgen nach einer ekstatischen Künstlerparty.

Die Fotografien des ersten Bandes entstanden zwischen 1968 und 1971; drei weitere Bände mit Aufnahmen aus den Jahren 1971 bis 2000 schließen daran an (darunter Porträts von Max Ernst, John Cage, John Lennon, Ed Ruscha, Gerhard Richter, Richard Buckminster Fuller, Robert Rauschenberg, Paul McCartney, Max Bill, Christian Boltanski und Dennis Hopper).

Es sei gewarnt! Wer erst einmal einen Band besitzt, will sie alle haben. Jeder einzelne schmeichelt dem Auge, denn auch Layout und Typografie überzeugen mit schlichter Eleganz. Richard Hamiltons "Polaroid Portraits" ist ein Künstlerbuch im vielfachen Sinne: von einem Künstler, mit Künstlern, kunstvoll gestaltet, eigentlich ein Kunstobjekt an sich.

Richard Hamiltons "Polaroid Portraits"

Über die Buchhandlung Walther König sind die Bände 2 und 3 der "Polaroid Portraits" für jeweils 15 Euro zu beziehen, Band 4 für derzeit 6,95 Euro. Der erste Band ist antiquarisch erhältlich (ab 40 Euro).