Mike Kelley - Sammlung Goetz, München

Friedhof der Kuscheltiere

Mike Kelley-Retrospektive in München: In der Sammlung Goetz zeigt der US-Künstler, dass er mehr kann als Plüschtiere zerstückeln und schmutzige Videos drehen.

Bei Mike Kelley weiß man nie genau, woran man wirklich ist. Fest steht, dass der 54-jährige US-Künstler mit seinen konzeptuellen Performances und Bad-Painting-Attacken Generationen von jüngeren Künstlern beeinflusst hat – nicht nur in Amerika. Auch John Bock, Jonathan Meese oder Thomas Zipp lassen grüßen.

Andererseits wirkt sein Werk auf den ersten Blick so disparat, dass man dahinter mehrere Künstler vermuten könnte. Ist das nicht der mit den aufgeschlitzten Stofftieren und den Häkeldecken? Der perverse Videokünstler mit den Heidi-Masken? Oder der stylische Bildhauer mit den futuristisch glühenden Stadtmodellen unter massiven Glasglocken?

Umso erfreulicher deshalb, dass sich in München nun Gelegenheit bietet, Kelleys verschiedenste Werkphasen miteinander zu vergleichen. Die Ausstellung in der Sammlung Ingvild Goetz umfasst rund 40 Arbeiten, darunter mehrere große Rauminstallationen, aufwändige Videoprojektionen und frühe Zeichnungsserien, ausschließlich aus dem Privatbesitz der Sammlerin, und kommt damit einer Mini-Retrospektive gleich.

Vordergründig kreisen Kelleys Arbeiten oft um Kindheits- und Jugenderfahrungen, um Schule und Sex. Da sind zum Beispiel zwei zusammengepresste Plüschtierknäuel ("Citrus and White", 1991), die hilflos von der Decke baumeln. Rechts und links davon an der Wand hängen zwei hochpolierte Fiberglasobjekte mit Sprayvorrichtung, die die gequälten Kuscheltiere alle 15 Minuten mit Fichtennadelduft bestäuben. In einem anderen Raum liegen auf einer Wolldecke zwei ausgeweidete Stofftiere, die Wattefüllung umhüllt die zerstückelten Figuren wie ein Wolke. Daneben spielt ein Kassettenrekorder einen pseudo-philosophischen Dialog über Demokratie, Autorität und Liebe ab, der von Schmatz- und Knutschgeräuschen unterbrochen wird ("Dialogue #1", 1991/96).

Subversive Dada-Bomben

Da könnte man natürlich an sexuellen Missbrauch denken. Und tatsächlich legt Kelley immer wieder Fährten, die einen in diese Richtung lenken, etwa, wenn er in seinen Texten und Werken von "Repressed Memory Syndrome" (RMS) spricht, einem umstrittenen Schlüsselbegriff der therapiesüchtigen US-Gesellschaft, wonach alle Erinnerungen, die ein Psychotherapeut zutage fördert, wahre Ereignisse sind. Aufgrund dieser Auffassung kam es in Amerika zur Aufdeckung erschütternder Missbrauchsfälle, aber auch zu einer Reihe spektakulärer Fehlurteile. Denn nicht jede blühende Fantasie basiert auf realen Handlungen. In diesen Grenzbereichen bewegt sich Kelleys Kunst. Er liefert keine sozialverträglichen Therapiestücke, sondern subversive Dada-Bomben, dekonstruiert subjektive Erinnerung und ironisiert damit Amerikas Hang zum Seelenstriptease.

Dazu passt auch die neue Werkserie "Extracurricular Activity Projective Reconstruction" (zu Deutsch "Übertragene Rekonstruktion außerschulischer Aktivitäten"), eine Reihe von Videos, in denen Kelley schräge Fotos aus alten Highschool-Jahrbüchern zum Ausgangspunkt für karnevaleske Filminszenierungen nutzt. Das Bild eines zum Vampir geschminkten Oberschülers ist die Basis für ein gespenstisch-klischeehaftes Draculaspektakel in der "Woods Group"-Installation, das Foto einer Laienspielgruppe in altmodischen Kleidern wird zum christlichen Tribunal "Joseph Supplicates" (2005).

Christliche Texte zweifelhafter Herkunft

Wieviel Subtext in den trashigen Inszenierungen tatsächlich steckt, verrät der erstklassige Katalog, der neben Beiträgen von Rainald Schumacher, Karsten Löckemann und Stephan Urbaschek und Texten von Mike Kelley auch ein umfassendes Glossar von John C. Welchman zu Kelleys weitschweifenden Kunstuniversum enthält. Da erfährt man zum Beispiel interessante Dinge über "Apokryphen", also christliche Texte zweifelhafter Herkunft, die nicht zum offiziellen Kanon der Kirche gehören, und was sie mit seinem Werk zu tun haben. Oder was das Logo der amerikanischen Buttersorte "Land O’Lakes" bei dem jungen Mike Kelley auslöste: "Aufgrund der Tatsache, dass ihre entblößten Knie sich in ihre nackten Brüste verwandelten, wenn man die Butterpackung richtig faltete, war sie Gegenstand meiner sexuellen Fantasien als Kind."

Egal, ob man Kelley nun für einen spätpubertären Provokateur hält oder für einen weisen Analytiker der amerikanischen Verhältnisse, das Wiedersehen in München macht Freude.

"Mike Kelley: Sammlung Goetz"

Termin: bis 25. April 2009, Besichtigung nach telefonischer Anmeldung, Mo-Fr 14 bis 18 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Katalog: Ingvild Goetz, Karsten Löeckmann, Stephan Urbaschek (Hsg:): Mike Kelley, 272 Seiten, 2008
http://www.sammlung-goetz.de/