8. Berlin Biennale – Kritik

Durchatmen und Hoffen

Kein wirklich großer Wurf: Der achten Berlin Biennale des Kurators Juan A. Gaitán gelingt ein Revival der Kontext-Kunst unter poetischen Vorzeichen.
"Schön aufgeräumt":Die Biennale schockt nicht mehr mit Polit-Provokationen

Slavs and Tatars: "Ezan Çılgıŋŋŋŋŋları", 2014

Sie schaut entsprechend dem vollkommen verregneten Auftakt der Berlin Biennale mehr als verdrießlich aus der Wäsche.

Unwillentlich ist die stocksteif verharrende Lady samt ihres abgehörten Handys zu einer reinen Staffage-Figur mutiert. Die Rede ist von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die unversehens Eingang in ein Ensemble von Performance-Statisten aus Pappe wie etwa Marina Abramovic gefunden hat. Goshka Macuga aus London hat das begehbare Bühnenbild für ein von Aby Warburg adaptiertes Theaterstück in den Museen in Dahlem geschaffen und bespielt es auch zu bestimmten Zeiten mit Live-Auftritten von professionellen Akteuren, Wiedergängern von Abramovic & Co. Es geht um einen in die Jetztzeit übersetzten Disput zwischen einem Konservativen und radikalen Vertretern der Kunstszene um 1900. Ein süffisantes und gerissenes Entrée in die vom Zentrum in Mitte abgeschlagene Dahlemer Biennale-Station. Die Zeiten, da man unter dem Flaggschiff der Biennale auch im Verfall begriffene, verwaiste Berliner Architekturen nostalgiesüchtig als Kulisse einsetzte oder Schnitzeljagd an den Unorten der Stadt betrieb, sind vorüber.

Die Museen in Dahlem mit ihren fulminanten ethnologischen und asiatischen Kunstschätzen geben nun neben dem Haus am Waldsee den institutionellen Austragungsort, im Fokus bleibt weiterhin die Ursprungsquelle der Biennale, die KunstWerke in der Auguststraße. "In den Neunzigern war es wichtig, die Künstler mit der Stadt spielen zu lassen. Doch heute leben wir in einer anderen Welt", sagt der kanadisch-kolumbianische Kurator Juan A. Gaitán. Sein Ansatz zielt – mit gekonntem Seitenhieb auf das künftig aus den Dahlemer Museen gespeiste Humboldt Forum im neu errichteten Stadtschloss – auf restaurative Tendenzen in Architektur und Gesellschaft. Gaitán erläutert: "In dieser ästhetischen Leugnung äußert sich jedoch die gegenwärtige Krise des Nationalstaats, der sich in seinem neoliberalen Gewand von einigen der bedeutendsten, wenngleich unvollendeten Projekten des 20. Jahrhunderts abgewendet hat: vom Versuch Staatsangehörigkeit und Bürgerrechte offener und aufnahmefähiger zu verfassen; von einem Städtebau mit gesellschaftlicher Verantwortung."

Man kann kaum glauben, dass dies bereits die achte Ausgabe der Berlin Biennale ist. Einige Versionen wie die nie mehr überbotene Premiere im Jahr 1998 oder auch Maurizio Cattelans Kuratorium 2006 sind uns noch plastisch vor Augen, andere haben wir samt ihrer schnell verpufften Kapriolen erfolgreich verdrängt oder einfach nur vergessen – erinnert sei hier nun an die groteske Erfindung der "Hubs" von Ute Meta Bauer. Nach dem Debakel der letzten im Occupy-Getöse erstickten Biennale hätte man das ganze Format schon am liebsten in die Versenkung verwünscht. Tote leben bekanntlich länger! Wobei einen, offen gesagt, auch diese von internationalen Kunstnachfahren des Naturforschers Alexander von Humboldt geprägte Version nicht wirklich zum Jubeln bringen kann. Die lahmste Episode der jetzigen Biennale findet sich im von Gaitán allzu brav zum bourgeoisen Schauplatz auserkorenen Haus am Waldsee. Da plätschert müde ein Zimmerbrunnen auf dem Parkett und postieren sich aus Damenhandtaschen fabrizierte Männerschuhe als Reverenz an das Private (Christodoulos Panayiotou). Außer Matts Leiderstams Installation "Unknown Unknown" bewegt hier kaum ein Kabinettstück. Und selbst dessen an Museumsbildnissen von mittlerweile unbekannten Persönlichkeiten festgemachter Beweis, dass die Hinterseiten alter Gemälde oft brisante Geschichtsromane inklusive verzeichnetem Kunstraub bergen, ist schon sattsam vertraut. Insofern sollte man den Abstecher nach Zehlendorf ohne großen zeitlichen Aufwand zwischen die beiden Hauptstationen in Mitte und Dahlem schieben. An die Historie des jüdischen Textilfabrikantenhauses will sich ohnehin keiner der Künstler wirklich herantrauen.

Schön aufgeräumt sei es bei dieser Biennale einmal wieder, lauteten die Kommentare der professionellen Besucher bei der Preview ziemlich einhellig und auch erleichtert. In der Tat sind die pubertären Revoluzzer-Gebärden der Anti-Kunst-Anhänger im politischen Lager der Szene glücklicherweise Schnee von gestern. Überschaubar, ästhetisch konturiert, vielleicht eine Spur zu abgehangen nimmt sich das Setting in den KunstWerken aus. Gleich eingangs in der Haupthalle des Untergeschosses empfangen einen die aufgefächerten Mappen der quasi kartographisch bezeichneten Blätter von Irene Kopelman – eine Feldforscherin, die unter anderen in Panama Ökosysteme abstrakt erfasst. Zeichnung ist generell ein großes Thema bei der Biennale wie auch die über alle Stationen elegisch mäandernde Musik. Durch das Treppenhaus in den KunstWerken schallt der von einer skulpturalen Eule im Obergeschoss bekrönte Lockruf von Zarouhie Abdalan. Hier, in der ehemaligen Margarinefabrik, bestechen vor allem Shilpa Guptas traumatische Grenzerkundungen der Enklaven zwischen Indien und Bangladesh. Die junge Inderin spürt mit verschiedenen Medien wie Fotografie, Zeichnung, Videokunst sowie mit schmerzhaften Minimal-Sätzen den absurden geopolitischen Verwerfungen in den endlosen Konfliktzonen nach. Leonor Antunes wiederum verstrickt ein ganzes Stockwerk in von der Decke herabhängende Lianen-Gebilde aus Fasern, Wurzeln und anderen natürlichen Substanzen, die ursprünglich von dem Kuikuro-Stamm im brasilianischen Nationalpark nach alten Handwerkstechniken geknüpft und verzwirbelt worden sind. Und in dem ohnehin sehr hochwertig besetzten Sektor der Videokunst ist in den KunstWerken ein rhythmisch klug durchkonjugiertes Mehrkanal-Opus des Chinesen Li Xiaofei zu sehen. Es spiegelt vollkommen emotionslos die immer weiter optimierte und entmenschlichte Mechanisierung von Arbeitsprozessen in chinesischen Industrieanlagen wider.

Zurück zu Dahlem, dem inhaltlich unbestreitbaren Höhepunkt dieser Biennale. Saâdane Afif, nicht von ungefähr Preisträger des Prix Marcel Duchamp, treibt eine herrlich ironische Charade mit einem weiteren Ausstellungsort in Düren. Mit primitiver Bahnhofslaterne und -ortsschild markiert er das Berliner Museum "Là-Bas" ("Dort"),während er das "Hier" ("Ici") in die die Eifel verlegt. Über das Internet werden synchron Zugauskünfte aus Düren eingespielt: "Achtung auf Gleis 1: ein Zug fährt ein!" Man wähnt sich in einem potemkinschen Dorf. Und es ergeht einem in etwa wie dem von ständigem Heim- und Fernweh geplagten Dichter Heinrich von Kleist: "Ich komme, ich weiß nicht, von wo? Ich bin, ich weiß nicht, was? Ich fahre, ich weiß nicht, wohin?" Eigentlich bleiben die ethnologischen Exkurse in Dahlem weitgehend auf dem Boden von bestickten Perserteppichen und Ähnlichem verhaftet. Es empfiehlt sich auch ein Abstecher in das Souterrain, wo der Mexikaner Mario García Torres einen feinsinnigen Kontemplationsraum über den wegen seiner linkspolitischen Gesinnung völlig zurückgezogen lebenden Avantgarde-Komponisten Conlon Nancarrow eingerichtet hat. Wenn es denn eine durchgängige Errungenschaft auf dieser Biennale gibt, so ist es die erfolgreiche Wiederbelebung der Kontext-Kunst unter erzählerischen, poetischen und musikalischen Vorzeichen. Ein großer Wurf ist die Biennale nicht, aber ein Hoffnungszeichen, dass sich die alle zwei Jahre stattfindende Schau eines Tages wieder ganz von ideologischen Erstarrungen erholen möge.

Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Bis 3. August, KW Institute for Contemporary Art, Museen Dahlem, Haus am Waldsee, Berlin

Der Kurzführer kostet 12 €

http://www.berlinbiennale.de

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