Carl Wilhelm Kolbe - Kunsthaus Zürich

Der tote Baumstamm lebt

"Riesenkräuter und Monsterbäume" – die erste Museumsausstellung des deutschen Malers und Grafikers Carl Wilhelm Kolbe in Zürich.
Der tote Baumstamm lebt:Carl Wilhelm Kolbe in Zürich

Carl Wilhelm Kolbe: "Auch ich war in Arkadien", um 1801; Radierung, 38,9 x 51 cm

Ein Echsenauge schaut grimmig aus dem knorrigen Stamm. Der Kopf scheint mit jahrhundertealten Knochenplatten überwuchert. Kahle Zweige stehen darüber wie Hörner empor. Und dahinter legt sich Moos wie eine zu Leder gewordene Haut auf das Holz.

Wer heute den toten Weidenstamm sieht, den Carl Wilhelm Kolbe 1808 gezeichnet hat, denkt unwillkürlich an die Fabelwesen aus "Herr der Ringe" oder "Avatar". Die Natur ist belebt, auch da, wo sie bereits abgestorben ist. Das längst Vergangene ist in der Gegenwart lebendig. Kolbes Baumlandschaften sind Schöpfun­gen der Fantasie, die vom Realen ausgehen. Der Autodidakt war Waldspaziergänger aus Leidenschaft. In den Morgenstunden wurde im Atelier gezeichnet, nachmittags ging er in die freie Natur. Was er sah wurde danach aus dem Gedächtnis skizziert und später zu Zeichnungen und grafischen Blättern komponiert. Dieses Collageverfahren teilt er ebenso mit Caspar David Friedrich wie dessen Weltsicht.

Carl Wilhelm Kolbe (1759 bis 1835) und der Star der deutschen Romantik lebten in einer Epoche des Umbruchs. Die französische Revolution lag erst kurz zurück, Napoleon hatte Europa mit Kriegen überzogen, das "Heilige Römische Reich deutscher Nation" näherte sich dem Ende. Die Unsicherheit der Menschen ist zu spüren, wenn er in seinen Sumpflandschaften das Kraut hoch über die Köpfe von Tieren und Menschen schießen lässt. Die Balance zwischen Mensch und Natur war gestört. Dass sein Werk mit rund 60 Blättern aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau und aus Privatbesitz nun im Kunsthaus Zürich gezeigt wird, hat mit dem Weiden­stamm zu tun. Kolbe hat die Kreidezeichnung in Zürich gefertigt und der Künstlergesellschaft geschenkt.

"Carl Wilhelm Kolbe - Riesenkräuter und Monsterbäume"

Termin: bis 28. November 2010, Kunsthaus Zürich. Der Katalog, entstanden in Zusammenarbeit mit der Anhaltischen Gemäldegalerie, aus dem Imhof Verlag kostet im Museum 59 Franken und im Buchhandel 49,95 Euro
http://www.kunsthaus.ch/