Die Salier - Speyer

Hochkonjunktur für das Mittelalter

Das Historische Museum der Pfalz in Speyer rollt die Geschichte des Herrschergeschlechts der Salier auf – mit profanen und kirchlichen Kostbarkeiten, Dingen des täglichen Lebens und einer Computeranimation
Dramatische Lebensläufe:Das Geschlecht der Salier wird in Speyer dokumentiert

Speyerer Evangeliar, Heinrich III. und Agnes vor der thronenden Maria und Dom zu Speyer, 1050

 

Herrschergeschlechter haben derzeit Hochkonjunktur: 236 893 Besucher strömten in die an Touristenattraktionen nicht eben reiche Stadt Mannheim, um die große Staufer-Ausstellung zu sehen. Einen vergleichbaren Erfolg erhoffen sich wohl auch die Organisatoren der Ausstellung "Die Salier. Macht im Wandel". Die Salier beherrschten im 11. und 12. Jahrhundert ein gewaltiges Reich.

Die Schau stellt "erstmals die dramatischen Lebensläufe der salischen Herrscher und die bahnbrechenden Neuerungen, die sie mit ihrer Politik in Gang setzten, in den Mittelpunkt einer großen kulturhistorischen Ausstellung" – von Konrad II., dem mächtigen Gründer der Kaiserdynastie über Heinrich III., den umstrittenen Heinrich IV. bis zu Heinrich V., dem letzten Salier. Deren Herrschergebiet reichte von der Nordsee bis Süditalien. Im Zentrum der Schau steht Heinrich V.; unter seiner Ägide wurde der seit Generationen schwelende Investiturstreit zwischen Kirche und Staat beendet. Er schloss einen Kompromiss mit dem Vatikan, der dem Papst weitgehende Rechte bei der Bischofswahl einräumte. Vorher war lange Zeit umstritten, wieviel weltliche Macht ein Bischof besitzen darf und ob auch die Kaiser Bischöfe einsetzen dürfen oder nur der Papst.

Die Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz vereint großartige, wie es heißt "Originale von Weltrang" aus 70 europäischen Museen und Sammlungen – sakrale wie profane Objekte. Dazu gehören etwa kostbare Handschriften wie die reich ausgestatteten Bremer und Speyerer Evangelistare aus dem Besitz von Heinrich III., meisterliche Beispiele der hochmittelalterlichen Buchkunst und der Elfenbeinschnitzerei, Juwelen wie die Grabkrone Konrads II. oder ein Goldring mit Saphir von Heinrich IV., dazu wertvolle liturgische Geräte, Skulpturen und Bauplastik, alltägliche Dinge wie ein eiserner Helm oder auch Herrscherinsignien, so der aus Holz gefertigte, mit Leder überzogene Reichsapfel.

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Die zentralen Merkmale und künstlerischen Umbrüche der Epoche: ein Schnellkurs zu Malerei und Architektur des Mittelalters

Kuratorin Sabine Kaufmannn sagt über die Ausstellung: "An der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert setzt ein epochaler Wandel ein, dessen Auswirkungen wegweisend für die Herausbildung unserer modernen Identität waren." Die Zeit sei "von bedeutenden geistesgeschichtlich-religiösen Reformen und Umwälzungen geprägt. Das Verhältnis der Macht zwischen Kaiser und Papst wurde neu definiert, geistliche und weltliche Fürsten übernahmen in neuem Maß Verantwortung für das Reich und in den Städten bildeten sich Gemeinden, die um ihre rechtliche und wirtschaftliche Freiheit kämpften."

Die Schau zeigt jedoch nicht nur historische Exponate, sondern nimmt auch moderne Technik zur Hilfe, um geschichtliche Abläufe zu verdeutlichen: Eine virtuelle Rekonstruktion des Speyerer Doms macht erstmals die Baugeschichte dieses mächtigen Bauwerks in allen wichtigen Stationen erlebbar: Die gigantische Baustelle, die Weihe des Doms in seiner ersten Baugestalt, den großangelegten Umbau unter Heinrich IV., die Veränderungen in gotischer Zeit, die Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 und die verschiedenen Maßnahmen zur Wiederherstellung des Doms werden auf dem neuesten Stand der Computeranimation erlebbar gemacht.

Als Ergänzung zur großen Salier-Schau zeigt das Historische Museum die Ausstellung "Des Kaisers letzte Kleider. Rettung der organischen Funde aus den Kaiser- und Köningsgräbern im Dom zu Speyer". Bei den Grabungen im Dom im Jahre 1900 waren aus den Gräbern der Kaiser und Könige zahlreiche Fragmente kostbarer Textilien geborgen worden – prachtvolle Stickereien und kunstvolle Ornamente schmückten einst die Herrscherkleidung. Mit neuesten Verfahren wurden diese fragilen Materialien jetzt in einem Forschungsprojekt des Historischen Museums der Pfalz untersucht und vor allem konserviert.

Das Speyerer Evangelistar

Es ist ein Monument romanischer Buchkunst. Schon sein Einband aus getriebenem vergoldetem Silber, besetzt mit Halbedelsteinen und Gemmen ist eine Meisterleistung der Goldschmiedekunst, seine 17 großformatigen Miniaturen zu biblischen Szenen sowie seine 70 kunstvollen Initialen zeigen, wie hochentwickelt die Buchmalerei im Deutschland des 13. Jahrhunderts war. Um 1220 war es dem Dom zu Speyer gestiftet worden, seinerzeit die größte romanische Kirche der Christen, inzwischen wird es im Tresor der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt.

In der Salier-Ausstellung zählt es zu den kostbarsten Exponaten. Doch aus konservatorischen Gründen darf das Evangelistar nicht während der ganzen Dauer der Ausstellung gezeigt werden. Ab 1. August wird dann eine originalgetreue Wiedergabe des Bandes in der Schau zu sehen sein. Dank neuester 3D-Scanner-Technik – allein der Prunkeinband besteht aus 150 Einzelelementen – war es Digitalisierungsspezialisten Restauratoren und Kunsthandwerkern möglich, für den Quaternio Verlag Luzern ein Faksimile herzustellen.

Die Originalgetreue Reproduktion erscheint in 280 handnumerierten, limitierten Exemplaren. Wer die Kostbarkeit selbst besitzen möchte, wendet sich an den Quaternio Verlag.

Die Salier – Macht im Wandel

bis 30. Oktober 2011. Der Katalog umfasst zwei Bände und ist in der Edition Minerva erschienen. Pro Band kostet er 29,80 Euro, beide Bände zusammen kosten 54 Euro
http://www.museum.speyer.de/Deutsch/Sonderausstellungen/Salier.htm