Christo – sein Leben, seine Arbeit

Der Überzeugungskünstler

Das größte Unglück wäre für ihn, seine Augen oder seine Frau zu verlieren. Im November 2009 starb mit Jeanne-Claude eine Hälfte des Künstlerpaares, doch Christo machte weiter. Und auch mit 80 Jahren denkt er gar nicht daran aufzuhören.
Der Überzeugungskünstler

Christo, 1995 vor dem verhüllten Reichstag in Berlin

Wenn Christo von seiner Arbeit spricht, spricht er immer noch von "wir". Fast sechs Jahre nach dem Tod seiner Partnerin Jeanne-Claude sieht sich der Künstler immer noch als Teil eines Paares, als etwas Unvollkommenes, der das Gemeinsame aber zu Ende führen muss. Dabei scheint der in Bulgarien geborene Amerikaner agil wie nie, sprüht vor Ideen und Begeisterung und denkt nicht einmal ans Aufhören in einem Alter, in dem andere längst Rentner sind: Am Samstag wird der Verpackungskünstler Christo 80 Jahre alt.

"Warum soll ich aufhören? Ich liebe meine Arbeit doch", sagt er in seinem Atelier in Südmanhattan. "Und es gibt doch noch so viel zu tun." Er spricht mit einer Begeisterung, die jeden Fünfzigjährigen
jung erscheinen lassen könnte – und hat gerade mal eben ein Projekt dazwischengeschoben. "Weil es sich mit 'Over The River' und 'Mastaba' so hinzieht, wollte ich einmal etwas schnelles machen, was sich rasch verwirklichen lässt." Mal eben so ein Kunstprojekt, das wieder – das lehrt die Erfahrung – Millionen auf der ganzen Welt faszinieren wird.

Er will keine Steuergelder, auch keine Sponsoren

Bei "Over The River" soll ein Fluss in Colorado über fast elf Kilometer abgedeckt werden, "Mastaba" wird eine Pyramide in Abu Dhabi aus 400 000 Ölfässern. Die Ideen für beide Projekte sind Jahrzehnte
alt. "Floating Piers" begann dagegen vor einem Jahr, und in einem Jahr soll es fertig sein. Dann werden zwei Inseln im oberitalienischen Iseosee für 16 Tage mit orangefarbenen Pontonbrücken verbunden sein, über die man spazieren oder an denen man mit dem Boot anlanden kann. Christo-Projekte bestehen vor allem aus Lebensgefühl.

Und sie kosten Millionen. Geld, wovon der Steuerzahler nicht einen Cent bezahlt, und auch Sponsoren will Christo nicht. "Ich will frei sein, ganz und völlig frei sein", sagt er. Als die Russen 1956 den
Prager Aufstand niederschießen, versteht er die Signale und flieht, versteckt in einem Güterzug. Staaten- und mittellos schlägt er sich durch Paris und macht Auftragsporträts ("die Prostitution der Kunst") von reichen Franzosen. Eine Auftraggeberin hat eine Tochter, die mit feuerroter Mähne, großer Klappe und blitzgescheitem Denken auffällt.

Sein Meisterstück: die Verhüllung des Berliner Reichstags

Doch diese Jeanne-Claude ist schon versprochen, und als sie wenig später heiratet, ist sie schwanger – dummerweise von dem mittellosen Bulgaren, der sich Künstler nennt, weil er Konservendosen einpackt und bemalt. Der betrogene Ehemann findet nach zwei Wochen Ehe die Türschlösser ausgewechselt. Auf die Frage, was los sei, antwortet Jeanne-Claude: "Dein Schlüssel passt nicht mehr in mein Schloss."

Das Glanzstück
Ein Jahrhundertprojekt: Sturm und Regen zum Trotz gelang die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes. Die Architektur ist zur Plastik, das Monument deutscher Geschichte zum Mythos geworden

Reichlich haben die beiden nur die Empörung der Familie, Schulden – und viele Ideen. Sie ergänzen sich perfekt: Er ist der brillante Künstler voller Kreativität, sie die begnadete Organisatorin, die dafür sorgt, dass aus den gemeinsamen Ideen reale Werke werden. Denn beide wollen mehr. Wollen Innovativeres. Wollen Größeres. Als erstes Projekt verhüllen sie in Köln einen Fässerstapel, 1969 eine Küste in Australien und ein Jahr später ziehen sie einen Vorhang durch ein Tal der Rocky Mountains. Christo wird zum Weltstar.

Doch eigentlich ist es ein Paar und so treten sie 1995 auch auf, als sie eines ihrer Meisterstücke verwirklichen: die Verhüllung des Berliner Reichstags. Wie zuvor bei den mehr als 3000 Sonnenschirmen in Kalifornien und Japan, wie später bei den 7503 Toren im New Yorker Central Park – die beiden sind ein Weltereignis. Und trotzdem: Nach ein paar Tagen ist alles wieder weg.

Christo und Jeanne-Claude vor ihren Gates
Nach 26 Jahren realisierten Christo und Jeanne-Claude endlich ihr Traumprojekt »The Gates« im Central Park, und ganz New York lag ihnen zu Füßen. Wie 7532 flatternde Sonnensegel aus gehetzten Großstädtern kindlich-staunende Flaneure machten

"Die Vergänglichkeit ist Teil des Projekts, ein besonders wichtiger sogar", erklärt Christo mit einem Lächeln. Zu oft wurde er gebeten, seine Kunstwerke ein paar Tage länger oder gar ganz stehen zu lassen. Fast schüchtern, aber unbeirrbar schüttelt er dann den Kopf.

Die größte Skulptur der Welt
Aus über 400 000 Ölfässern plant Christo in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine riesige Skulptur zu errichten. Mit art sprach er über das Projekt, das nach Jahrzehnten der Planung bald realisieren wird