Radar - Rik Reinking

Rik Reinking über Rudolf Reiber

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: der Hamburger Sammler, Händler und Kurator Rik Reinking, 32, über den Frankfurter Künstler Rudolf Reiber.
Radar: Rudolf Reiber:Rik Reinking über seinen Lieblingskünstler

"Mehr Licht": Rudolf Reiber entfernte in jedem Wolkenkratzer das 13. Stockwerk

Wen ich momentan auf dem "Radar" habe: Rudolf Reiber. Er ist derzeit noch relativ unbekannt und hat auch noch keine Galerievertretung. Seine Arbeiten verfolge ich aber schon seit längerem. Erstmals aufgefallen ist er mir 2005 bei der "Fraktale IV" im Berliner Palast der Republik mit seiner Videoinstallation "The Drive", in der er uns mit seiner aus drei Projektionen bestehenden Installation in die freie Natur zu einer Jagdgesellschaft einlud, die jedoch nie zum Schuss kommt. Indem er die Erwartungshaltung des Betrachters nicht erfüllt, treibt er die Spannung bis ins Unerträgliche.

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Strecken Teaser

Im letzten Jahr stellte Reiber im Haus der Kunst in Brno und München aus und war auf der 10. Biennale in Istanbul vertreten. Gerade erscheint sein umfangreicher Katalog "Blast of Silence", der einen ersten Überblick über sein Werk ermöglicht.

Rudolf Reiber ist 1974 in Frankfurt am Main geboren und hat in Stuttgart studiert. Sein Werk umfasst sowohl Videos, Installationen als auch Fotoarbeiten. Seine Arbeiten verbinden aber auch zeichnerische und skulpturale Ansätze. Will man sein Wek verstehen, muss man die Parameter Raum, Zeit und Leere mit einbeziehen.

So schliff er für seine Arbeit "Ohne Titel"(2004) die Prägung einer Ein-Euro-Münze über Monate von Hand soweit herunter, bis nur noch eine glatt glänzende Scheibe übrig blieb. Hierdurch entzog er dem Metall zwar seinen gesellschaftlichen Sinn und raubte dem Staate einen Euro, was aber bleibt, ist eine durch die langwierige Arbeit entstandene Projektionsfläche, in der sich der Betrachter wiedererkennt.

Die Fotoarbeit "Mehr Licht" zeigt die Skyline Frankfurts. Nicht zu erkennen ist, dass Reiber in jedem Wolkenkratzer das 13. Stockwerk entfernte, das ja tatsächlich in Hochhäusern aus Aberglaube oft nicht existiert, um eingedenk der letzten Worte Goethes der Innenstadt "mehr Licht" zu verschaffen.

Für seine Arbeit "Dark Matter" (2007) ging er ähnlich vor. Ausgangspunkt war eine Fotografie des Sternenhimmels von Thomas Ruff. Rudolf Reiber löschte in mühsamer Arbeit mittels Retuschiertusche jeden der 52 873 Sterne einzeln aus und schuf so eine schwarze Fläche, die den Noch-nicht-Weltraum vor dem "Big Bang" zeigt. Entstanden ist ein schwarzes Rechteck.

Dies zeigt Reibers Haltung zur Revolte: Jemand, der gegen das System arbeitet, aber nicht wie Robert Rauschenberg, mit dem Wunsch nach Zerstörung, sondern vielmehr, um etwas zu reparieren.

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