Liam Gillick - Deutscher Pavillon

Ich sehe das Ganze als europäischer Künstler

Nicolaus Schafhausen, zum zweiten Mal Kurator des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale von Venedig, hat sich für den britischen Künstler Liam Gillick entschieden. Im großen art-Interview spricht Gillick jetzt das erste Mal über seine Nominierung – und erklärt, warum er die Idee des "curating by passport" für lächerlich hält.

Warum haben Sie sich als britischer Künstler dazu bereit erklärt, den deutschen Pavillon in Venedig zu bespielen?


Nicht zum ersten Mal wird im Bereich zeitgenössischer deutscher Kunst ein Künstler aufgefordert, die Dinge zu überdenken. Mir fällt kein anderer künstlerischer Auftrag ein, der wie dieser so einfach und so kompliziert zugleich ist.

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Aber wenn Sie den Pressetext genau ansehen, fällt Ihnen eine sehr präzise Formulierung auf. Es heißt dort "Liam Gillick im Deutschen Pavillon". Ich maße mir nicht an, zu glauben, ich könnte Deutschland repräsentieren, darum wurde ich nicht gebeten, und den Versuch werde ich nicht unternehmen. Natürlich sieht sich auch kein anderer zeitgenössischer Künstler als Repräsentant einer Nation im strengen Sinne. Als Künstler arbeitet man immer in speziellen Kontexten. Ich sehe das Ganze aus der Perspektive eines europäischen Künstlers, der auf einer erweiterten Bühne agiert. Das deutsche Kunstumfeld hat mich einiges gelehrt. Zum Beispiel die Pflichten zu hinterfragen, die wir alle als Europäer haben, oder von vornherein festgelegte kulturelle Definitionen zu kritisieren. Meine Arbeit ist in dieser komplexen, weitläufigen und kritischen Umgebung gereift. Und nun werde ich mit einer weiteren Reihe von Fragen konfrontiert. Die Bestimmungen haben sich wieder einmal verlagert. Ich bin mir sicher, dass die vielschichtige intellektuelle Bildungsszene in Deutschland strapazierfähig genug ist, anzuerkennen, dass andere Leute innerhalb dieses Einflussbereiches agieren, und das soll diese Einladung reflektieren. Es ist beachtlich, wie sehr Venedig trotz Belehrungen in der Vergangenheit für Großbritannien, Frankreich und Deutschland ein Schauplatz nationaler Projektion bleibt. Aber der deutsche Pavillon war in vielen Dingen richtungsweisend. Ich betrachte meine Einladung als eine Fortführung des Wunsches und als Aufforderung, die Grenzen kultureller Repräsentation zu erweitern.

Was können Sie als britischer Künstler zum deutschen Pavillon beitragen?


Ich sehe mich nicht als britischen Künstler. Die ganze Idee des "curating by passport" ist lächerlich und hat keine ernsthaften Fürsprecher. Sicher ist es interessant zu wissen, woher jemand stammt, und dann gemeinsame Vorstellungen zu beleuchten. Ich bin sehr stolz auf meine irischen Wurzeln, das wird in meiner Arbeit sichtbar, wurde aber bisher nie erwähnt. Trotz allem habe ich eine starke Verbindung zu Deutschland. Alle meine Arbeiten, ob für Japan oder New York, wurden jahrelang in Berlin produziert, und eine meiner Hauptgalerien befindet sich ebenfalls in Berlin. Wenn Sie meine Biografie anschauen, sehen Sie, dass ich mehr in Deutschland als anderswo ausgestellt habe.
Das kritische Umfeld und die Arbeit deutscher Künstler hatten einen tiefgreifenden Einfluss auf meine eigene Praxis. Das heißt allerdings nicht, dass ich ein pseudo-deutscher Künstler bin. Ich kann lediglich meine Arbeitsmethodik nach Venedig bringen und versuchen, eine Diskussion fortzuführen, die für mich in den frühen 90er Jahren mit dem Beginn meines Arbeitslebens einsetzte. Ich habe ein beständiges, langjähriges und vielschichtiges Verhältnis zu Nicolaus Schafhausen wie auch zu anderen deutschen Kuratoren. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, aber argumentieren aus unterschiedlicher Perspektive. Wir möchten unsere gemeinsame Arbeit fortsetzen, dieses Mal eben in Venedig anstatt in Stuttgart, Frankfurt oder Rotterdam. Ich war immer skeptisch gegenüber nationalistischer Ansichten zu künstlerischer Urheberschaft. Ich bin ein engagierter Europäer mit der festen Überzeugung, dass dies eine Gelegenheit ist, neue Fragen über kulturelle Identität zu formulieren, da ja Europa angeblich an gewisse Schranken und Grenzen stößt. Schafhausen und ich planen für das kommende Jahr eine Reihe von Diskussionen in Deutschland und im Ausland. Meine Verpflichtung ist es jetzt, meine Arbeit fortzusetzen: mit neuer Gewichtung und neuer Problematik. Ich wurde eingeladen. Ich habe die Einladung angenommen. Viele Fragen bleiben noch vom Kurator zu stellen. Und hoffentlich kann im Gegenzug auch das Werk einige neue Fragen aufwerfen.

Glauben Sie, dass Ihre Berufung in den deutschen Medien kontrovers diskutiert werden wird? Wie werden Sie auf mögliche Kritik antworten?


Ich erwarte eine kritisch-bewusste Reaktion. Nichts weniger. Ich kann meine eigenen Antworten nicht vorhersagen, aber ich befasse mich gern mit Fragen aller Art. Nicolaus Schafhausen und ich nehmen diese Entscheidung nicht auf die leichte Schulter. Ich glaube, er ist fest entschlossen, in Venedig eine einfache Schranke zu durchbrechen und eine Handlungsweise zu finden, die die Komplexität des Terrains heutiger europäischer Kultur wiederspiegelt.

Sie nennen ihr Projekt "Die Zukunft verhält sich immer anders". Was genau meinen Sie damit?


Der Titel ist optimistisch, das ist klar. Aber er ist gleichzeitig zutiefst skeptisch. Es ist ein Arbeitstitel. Möglicherweise ist es lediglich der Titel der Presseankündigung. Er ist ein relativistisches Statement. Aber er richtet sich auch gegen die Auffassung, dass wir in plangesteuerten Abläufen gefangen sind. Er unterstreicht den Aspekt meiner Arbeit, der untersucht, wie Zukünftiges vorhergesagt wird und dann zusammenbricht.

Wissen Sie schon, was Sie zeigen werden?


Bisher ist nichts entschieden.

Der deutsche Pavillon hat Verbindungen mit der Nazizeit. Wird das bei Ihrer Installation eine Rolle spielen?


Es wird nicht das erste Mal sein, dass ich in einer geschichtsträchtigen Umgebung arbeite. Ohne äußerstes Bewusstsein für den Bezugsrahmen kann ich gar nicht funktionieren. Auf der anderen Seite ist dies nicht der Moment für didaktische Erläuterungen offensichtlicher geschichtlicher Zusammenhänge. Es wird keinen Versuch geben, Vergangenes zu verstecken; es wird aber auch keinen Versuch geben, dem Publikum darzulegen, was es schon weiß.

Ihre Kunst ist gleichzeitig intellektuell und spielerisch. Wie würden Sie sie beschreiben?


Mich interessiert die Kluft zwischen den ziemlich undurchsichtigen gesellschaftlichen Räumen, die in relativistischer Umgebung entstehen. Ich arbeite an der Diskrepanz zwischen der Flugbahn des zeitgenössischen Denkens und einer formalistischen Haltung, die den Modernismus kritisch sieht. Aber Sie drücken das prägnanter aus.

Sehen Sie Ihre Teilnahme in Venedig als eine Art Höhepunkt ihrer Karriere als Künstler?


Zum Glück oder leider denke ich nie mit Bezug auf meine Karriere über die Dinge nach. Das ist jetzt ein Moment in einer Matrix aus zusammenhängenden Projekten. Der Gedanke in Venedig auszustellen eröffnet eine Reihe damit verbundener komplizierter Fragen. Es ist ein Unterschied, ob man in einem Länderpavillon oder einem leer stehenden Gebäude neben dem Bahnhof ausstellt. Dieses außerordentliche Angebot anzunehmen bedeutet, ich kann nicht im britischen Pavillon ausstellen. Das ist eine klare Entscheidung. Es ist keine karrierebezogene Geste.

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