Jeff Koons - New York

Der fröhliche Künstler

Das Klischee des verzweifelten und lebensmüden Künstlers will nicht so recht zu ihm passen, stattdessen betreibt Jeff Koons Kunst als Lebensphilosophie. art sprach mit dem achtfachen Vater, der gerade mit seinem "Split-Rocker" am Rockefeller-Center und einer großen Retrospektive im Whitney Museum in New York vertreten ist.
Kunst als Lebensphilosophie:Jeff Koons im Interview

Er macht endlich wieder den Flieger: Jeff Koons bei der Präsentation von "Split-Rocker" auf der Rockefeller Plaza, 2000, Edelstahl, Erde, Stoff, Pflanzen, internes Bewässerungssystem, 1135 x 1227 x 1086 cm

Zur Weihnachtszeit wird hier jedes Jahr der berühmte Tannenbaum aufgestellt. Jetzt übernahm Jeff Koons mit seinem zwölf Meter hohen, mit Tausenden von Begonien, Geranien, Petunien oder Ringelblumen bepflanzten "Split-Rocker" den Rockefeller Plaza. Vor 14 Jahren hatte Koons New Yorks berühmten Platz bereits mit seinem Blumen-"Puppy" geschmückt. "Split-Rocker", ein zweigesichtiges Spielzeug-Schaukeltier, begleitet Koons erste große Ausstellung in seiner Heimatstadt: eine 35 Jahre umspannende Retrospektive, die im Whitney Museum eröffnete. Nachdem Koons mit seinem Galeristen Larry Gagosian sein Blumen-Monument eröffnet hatte, nahm er sich Zeit für ein kurzes Interview mit art – und machte seinem Ruf als freundlicher Kunst-Prediger, der sich niemals fassen lässt, alle Ehre.

art: Kompliment, Sie sehen extrem frisch und durchtrainiert für 59 Jahre aus. Mit Ihrer Ankündigung, dass Sie in den nächsten drei Jahrzehnten Kunst machen wollen, scheinen Sie es ernst zu meinen.

Jeff Koons: Ich habe eine Familie mit acht Kindern, sechs davon sind noch jung, für die ich da sein möchte. Und ich möchte wirklich Dinge fertigen, was die härteste Sache im Leben ist. Vor etwa 15 Jahren fing ich an, mir wieder Picasso anzusehen. Mich haben seine Energie und seine späten Werke, die er mit 88 oder 89 fertigte, äußerst bewegt. Sie sind fantastisch. So wundervoll und frei.

Empfinden Sie im zunehmenden Alter mehr Freiheit?

Jeder Mensch kann seine Freiheit in jedem Moment seines Lebens ausüben, ob er 20, 80 oder 90 Jahre alt ist. Das einzige, was uns dabei aufhält, sind wir selbst. Ich glaube, dass die Angst, die uns zurückhält, durch Beurteilungen entsteht. Sobald wir die Urteile beseitigen, schaffen wir auch die Angst ab. Und wir nähern uns dem Zustand der Erkenntnis.

Sie haben häufig gesagt, dass Sie an Kunst glauben. Also ist es eine Art von Religion für Sie?

Ich denke über Kunst mehr spirituell, ich lebe sie philosophisch. Die Kunst ist ein Medium, dass so mühelos viele Wissenszweige zusammenbringt.

Hat die Kunst aus Ihnen einen anderen Menschen gemacht?

Ich denke schon, durch Kunst überschritt ich Erfahrungsgrenzen. Sie half mir, mich zu bilden. Als ich jünger war, konnte ich beobachten, wie meine Freunde keinerlei Interessen entwickelten. Sie machten Witze über mich: Jeff philosophiert schon wieder oder spricht so eigenartig. Dabei war ich durch die Kunst in der Lage, meinen Interessen nachzugehen und einen Dialog mit der Philosophie, Theologie, der Kunstlehre, Psychologie, Physik und Wissenschaft zu haben. Schon als Kind entwickelte ich durch die Kunst ein Gefühl für mich selbst. Sie stellte für mich nicht nur eine Form von Selbstidentität dar, sondern eine Verbindung zur Außenwelt.

Sie betreiben inzwischen ein riesiges Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern und arbeiten mit Larry Gagosian und David Zwirner mit gleich zwei einflussreichen New Yorker Galeristen. Es scheint, als ob Sie Ihr eigenes System am Laufen haben.

Ich schätze die Kunstwelt und all die Leute, die dazugehören. Es ist eine Gemeinschaft. In der Kunst geht es um Großzügigkeit. Darum, Informationen zu teilen und wie wir die menschliche Erfahrung reicher und interessanter gestalten. Früher hatte man Kunsthändler in Paris, in Deutschland, in New York und es gab Künstlern die Gelegenheit, unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt zu bekommen und ein Zusammenspiel mit unterschiedlichen Leuten zu haben. Das versuche ich mir in meiner Welt zu erhalten. Die Galerien heute sind allerdings global.

Aber welcher der beiden großen Kunsthändler vertritt Sie denn nun?

Ich bin bei Larry und David. Es handelt sich um Galerien, zu denen ich sehr enge, persönliche Beziehungen pflege. Es sind großartige Kunsthändler. Ich respektiere beide sehr.

Waren Sie, als Sie "Split-Rocker" 1999 entwarfen, ein anderer Künstler als heute?

Ich denke nicht. Vielleicht ließ ich mich ein wenig dadurch beengen, wie Duchamps Ideen interpretiert wurden. Es ging alles um die Gegenständlichkeit, die äußerlich war. Doch ich realisierte, dass es für mich immer um Selbstakzeptanz gegangen war. Denn sie führt zu Akzeptanz durch andere. Objekte sind die Metaphern dafür.

Hatten Sie Picasso bei Ihrer Arbeit an "Split-Rocker" im Hinterkopf?

Ich dachte an Roy Lichtenstein und Picasso. Sehen Sie, wie kubistisch die Arbeit ist? Ein Auge blickt in diese Richtung, das andere seitlich. Gleichzeitig ist die Skulptur offen wie ein Unterschlupf.

Hat ein Spielzeug Ihres ersten Sohnes Ludwig, den Sie mit Ilona Staller haben, Sie zu der Arbeit inspiriert?

Oh nein. Ich würde sagen, dass er mich zu "Play-Doh" inspirierte, was während der Zeit von "Made in Heaven" und der Trennung von mir und seiner Mutter war. Ich kreierte "Puppy", was ein großer Erfolg war, und dann "Split-Rocker" als zweite Blumenskulptur, die ich 2000 zum ersten Mal im Palais des Papes in Avignon zeigte.

Wollen Sie mit populistischen Arbeiten wie dieser den Menschen Kunst nahebringen, ihr das Elitäre nehmen?

Und die Hierarchien niederreißen. Weil Kunst etwas sein kann, dass die Menschen entmächtigt. Es schüchtert sie ein, sie fühlen sich unwürdig. Sie bringen keine Kenntnisse mit, um teilzuhaben. Also kann jemand Kunst als Gegenmacht einsetzen. Sie kann aber auch als Mittel der Ermächtigung dienen, indem man die Leute wissen lässt, dass die Kunst bereits vollkommen in ihnen steckt. Man muss nichts weiter mitbringen als sich selbst. Das Interesse an der Kunst lässt sich weiter ausdehnen, um mehr Erfüllung im Leben zu finden. Es geht nicht um ein Objekt, das Bedeutung in sich trägt. Es geht um das Individuum, um das Leben.

Jeff Koons – Eine Retrospektive

27. Juni bis 19. Oktober,
Whitney Museum of American Art,
New York
http://whitney.org/Exhibitions/JeffKoons

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