Rohkunstbau - Schloss Sacrow

Deutschland, ein Nebelmärchenland

Früher hat der DDR-Zoll hier Spürhunde trainiert, heute ist Kunst zu sehen: Im Schloss Sacrow, gelegen zwischen Potsdam und Berlin, findet in diesem Sommer zum 14. mal das Festival "Rohkunstbau" statt. Obwohl das Konzept etwas angestrengt wirkt, lohnte sich ein Besuch im Grünen

Die Berliner fahren gern ins Umland in die Datsche. Und sie inszenieren Kunst gern in den pittoresken Ruinen, Brachen, Baulücken und vergessenen Orten ihrer Stadt. Das „Rohkunstbau“-Festival bietet nun schon seit 14 Jahren die Kombination beider Kulturtechniken: Kunst erobert leer stehende Gebäude, nur eben in der brandenburgischen Provinz.
Auch in diesem Sommer reist man – so das Wetter es zulässt – wieder busweise ins Grüne, um Kunst im Verein mit einem Bad im See und ausgesuchten abendlichen Performances zu konsumieren. Nur der Ort ist in diesem Jahr ein anderer. Das Schloss Groß Leuthen im Spreewald, wohin das Festival seit seinen Anfängen in einer Rohbauhalle gezogen war, ist verkauft und der neue Besitzer zeigte kein Interesse daran, sich beim Sonnenbaden von Berliner Kunstpilgern auf die Terrasse gucken zu lassen. Die Veranstalter um den Augenarzt Arvid Boellert, der sich den Rohkunstbau als 20jähriger Student ausgedacht hat, mussten sich auf die Suche nach einem neuen Schauplatz machen – leer stehend, aber eben nicht allzu roh, denn trocken und warm muss es die Kunst ja haben.

So findet der 14. Rohkunstbau nun im Schloss Sacrow zwischen Berlin und Potsdam statt, und das ist keine schlechte Wahl: Es ist zwar deutlich kleiner als das Schloss Groß Leuthen, aber gut zu erreichen und reizend gelegen, am Jungfernsee mit Blick über die Havel bis zur Glienecker Brücke, wo einst die DDR und die BRD Agenten austauschten.
Schloss Sacrow lag im Sperrgebiet, der ostdeutsche Zoll hat hier seine Spürhunde trainiert. Während des Nationalsozialismus, hatte das Schloss einem Forstbeamten gehört, der Göring zur Jagd einzuladen pflegte. Die Nazis renovierten die barocke Architektur des Schlosses kaputt, die NVA ruinierte danach die Gartenanlagen – dabei waren sie immerhin vom Gartenbauer der preußischen Kaiser Linné angelegt worden, und der Romantiker de la Motte Fouqué hatte sich im 18. Jahrhundert von ihrem Liebreiz inspirieren lassen.

So sind der historischen Referenzen genug, und ein Festival wie der Rohkunstbau, das ortsspezifisch arbeitet, stürzt sich natürlich mit Freude auf die widersprüchliche Aura des Ortes. Am explizitesten tut dies Julian Rosenfeldt in seiner vierteiligen Videoinstallation „The Ship of Fools“. Auf einer Leinwand kläffen penetrant die Schäferhunde, daneben beschallt eine Wagner-Arie dramatisch eine Caspar-David-Friedrich-Landschaft, die nicht nur (Kunst-)Nebel, sondern sogar einen bemützen Betrachter in Rückenansicht bietet. Ein proletarischer Wiedergänger dieses romantischen Subjekts taucht daneben auf, als Glatzkopf mit tätowiertem Nacken, der, gleichfalls in lyrischer Rückenansicht aufgenommen, in den dunstigen See stapft. Und der Mann auf der vierten Leinwand erwartet ein Schiff, aus dem plötzlich zahllose Deutschland-Flaggen euphorisch geschwenkt werden wie zu Zeiten der Fußball-WM.
Rosenfeldt hat in Sacrow selbst gedreht, und sein filmisches Porträt des Nebelmärchenlandes Deutschland ist eines der zentralen Werke der Ausstellung geworden.

Eine andere gelungene, wenn auch im Vergleich geradezu minimalistische Reaktion auf den Ort hat Ayse Erkmen geliefert: Sie hat in der zentralen Eingangshalle eine zarte, durchscheinende Wand wie aus Spitze gezogen, die beim näheren Hinsehen aus vorgefertigten weißen Plastik-Ornamenten zusammengesteckt ist. Durch diesen romantischen Schleier blickt man nun durch die symmetrischen Fenster in den wiederhergestellten Barockgarten und ist gleichzeitig in einer imaginären Vergangenheit und in der schnöden Baumarkt-Gegenwart.

Erkmens weißer Schleier führt nebenbei zum Thema, das sich der britische Kurator der Schau Mark Gisbourne gestellt hat: Während der drei Jahre, die die Bundeskulturstiftung das Festival fördert, gibt die Trikolore-Filmtrilogie des Polen Krzysztof Kieslowski das Motto ab, und nach den „Drei Farben Blau - Freiheit“ 2006 folgt in diesem Jahr „Drei Farben Weiß“ mit der Tugend der Gleichheit. Eine inhaltliche Vorgabe, die Gisbourne interessanterweise über weite Strecken formal interpretiert. Gleichheit in der Kunst kann so die Auseinandersetzung mit Monochromie bedeuten: Dann landet man bei Gerhard Richter, dessen „Fingermalerei“, das älteste Werk in der Ausstellung, erforscht, wie aus dem Gleichen, dem Grau, durch die Berührung des Fingers das Andere, das Muster, entsteht. Gleichheit findet sich auch in allen seriellen Strukturen, in den Gitter-Mustern zum Beispiel, wie sie die strukturalistischen Architektur-Fotografien des Finnen Ola Kolehmainen zeigen. Und geradezu perfekt setzt Thomas Rentmeister das Thema um: Er hat eine Wand aus gefalteter Hotelwäsche aufgeschichtet, in die er wie als ornamentale Auflockerung Zuckerstückchen, Tampons und Wattestäbchen geschoben hat: Viele Farben weiß, dazu eine Parade von Alltagsdingen, die für alle gleich sind. Auch Candice Breitz ist beim Thema Gleichheit das Hotelzimmer eingefallen: Sie hat Spiegel aus Hotelzimmern mit Fotos ebendieser Zimmer überzogen und darauf Texte von Popsongs gemalt, die sie vor solchen Spiegeln unter der Dusche singt. Popsongs als Erfahrungs-Surrogate, von vielen geteilt, aber doch emotional ganz persönlich aufgeladen.

Allerdings hält dieser thematische Faden die Ausstellung nicht an jeder Ecke zusammen. Warum zum Beispiel soll man bei den drastischen Zeichnungen und Gemälden des Israeli Marco Shani mit homosexuellen Sexszenen in Armee-Umfeld unbedingt an Kiewslowskis „Drei Farben Weiß“ denken, und was genau haben sie mit Sacrow zu tun? Und ist nicht jede Abstraktion irgendwie gleich? Die Gleichheit, die Geschichte, der Ort, die Farbe Weiß, das sind einfach etwas zu viele Referenzen für zehn Künstler in einem kleinen Schloss. Wenn es dem Rohkunstbau gelingt, sich auch für kommende Ausgaben im Schloss Sacrow festzusetzen, sollte er sich inhaltlich etwas weniger vornehmen, sonst droht noch die typische Folgeerscheinung so mancher intellektueller Brachen-Eroberung: die diskursive Verrenkung. Dann lieber etwas entspannter in die Havel hüpfen.