Daniel Josefsohn - Kunstverein Hamburg

Ich kann mit vielen Eisenbahnen spielen

Daniel Josefsohn ist einer der wenigen Wahnsinnigen unter den deutschen Fotografen, ein Chaoskreativer, Berufsrabauke und irrer Flummi, der von Idee zu Idee springt, getrieben, rauschhaft, intuitiv und impulsiv. Der Hamburger Kunstverein widmet ihm nun eine erste Einzelausstellung. art sprach mit Josefsohn über Kunst, Skateboard und das Judentum.
"Ich kann mit vielen Eisenbahnen spielen":Josefsohn im Kunstverein Hamburg

Daniel Josefsohn: "½ wild ½ child", 2009

Herr Josefsohn: Mit welchen Worten sollte ein Porträt über Sie beginnen?

Daniel Josefsohn: Ich hätte gerne ein Zitat von Martin Kippenberger: "Uhu ist lecker, Pattex schmeckt auch."

Warum?

Ich liebe Kippenberger. Er ist eines meiner großen Vorbilder.

Warum fotografieren Sie eigentlich?

In einem anderen Interview habe ich geantwortet: Ich habe nichts Besseres zu tun. Früher bin ich Skateboard gefahren, das war mein Leben. Das konnte ich von morgens bis abends machen – und dazwischen habe ich geschlafen. Das gleiche mache ich jetzt mit der Fotografie und generell kreativer Arbeit. Ich mache ja auch Videos, ein Parfüm, Objekte und auch einen Spielfilm habe ich schon im Kopf. Ich arbeite nicht singular-medial.

Sind Sie eigentlich Autodidakt?

Ich bin kompletter Autodidakt. Also mein Bauch ist der Autodidakt.

Aber wie kam es zu Ihrer Affinität zum Medium Fotografie?

Ich hatte einen Bänderriss. Das war das Ende meiner Skateboard-Karriere. Da habe ich mir überlegt, was ich machen soll. Nach Israel zum Militär? Nein. Jemand hat mir dann Geld geliehen, und so habe ich mir eine Kamera gekauft. Lustigerweise beginnt meine Ausstellung am 1. Mai 2010 und am 1. Mai 1989 habe ich mir meine erste Kamera gekauft.

Zunächst haben Sie für die Werbung gearbeitet und dann viel für Magazine fotografiert. Warum hat es so lange gedauert, bis die Kunst sie entdeckt?

Ich wollte nie in einer Galerie oder Institution hängen, wo Modefotografie, Fotogalerie oder so ein Quatsch draufsteht. Ich wollte nicht in diese Schublade. Ich bin schon sehr stolz, dass ich jetzt in den heiligen Hallen des Kunstvereins ausstellen darf, auf so eine Location mit so einem Renommee habe ich lange gewartet. Auch Wim Wenders dreht Werbefilme. Aber keiner kreidet ihm das an. Aber versuchen Sie mal als Magazin- oder Werbefotograf in die Kunst zu kommen. Das ist unmöglich! Und ich persönlich habe meine Werbefotografie auch immer als Kunst verstanden. Ich mach ja saugerne Werbung. Aber geile, geile Werbung! Meine neue Kampagne "½ wild ½ child" für das Modelabel Herr von Eden hat beim LeadAward gerade Gold gewonnen – da kommt sogar der Slogan von mir. So sollte zuerst auch die Ausstellung im Kunstverein heißen. "½ wild ½ child" ist auch ein wenig mein Lebensmotto.

Jetzt ist der Titel "Alles wird gut Mutter". Warum haben Sie Ihre Ausstellung Ihrer Mutter gewidmet?

Damit ist nicht meine Mutter gemeint, sondern die Mutter meines Kindes. Und es hat auch was Jüdisches. Die Mutter im Judentum ist eine heilige Institution. Oh, mein Gott, Mutter! So ist das gemeint. Aber das war auch spontane Sache. Ich arbeite meist sehr intuitiv. Hauptsache, die Idee ist gut. Das haben mir meine Mentoren in den Schädel tätowiert.

In der Werbung ist die Idee ja das höchste Gut. Es scheint, als ob das auch in Kunst immer wichtiger werden würde.

Das ganze Leben sollte eine gute Idee haben. Ich bin ja auch furchtbar faul. Aber positiv faul. Ich denke einfach länger darüber nach, wie’s einfacher geht. Peter Saville, einer meiner Mentoren, hat mir immer gesagt: Keep it simple, Daniel! Natürlich bin ich ein 24-Stunden-Workaholic. Aber in dieser Kreativszene kann ich mich wie früher mit dem Skateboard austoben. Das ist Leidenschaft, und die kann ich 24 Stunden lang betreiben. Deshalb kann ich auch sagen, dass ich noch nie in meinem Leben gearbeitet habe.

Ihre Porträtbilder deutscher Politiker sehen schon mehr nach Arbeit aus.

Nein. Die haben drei Sekunden gedauert. Drei! Mir bringen Politiker immer sehr viel Spaß, weil die nie Zeit haben und ich dann auch nicht. Das geht so schnell! Politiker und Filmstars, die haben nie Zeit, und alles nervt die, deshalb muss man sehr schnell sein. Man muss schnell eine gute Idee haben. Verdammt schnell – sonst ist es nämlich vorbei.

Noch eine Frage zu Ihrer jüdischen Identität. Ich habe das Gefühl, dass sie Ihre Wurzeln wie ein Schutzschild vor sich her tragen. Und Sie damit auch mehr Narrenfreiheit haben.

Die habe ich auch. Das ist meine Art mit dem Scheiß-Sechs-Millionen-Holocaust umzugehen. Ich bin ja nun mal hier in Deutschland. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum meine Eltern zurück nach Deutschland gekommen sind. Ich an deren Stelle wäre es nicht. Damals 1961.

Trotzdem leben Sie auch noch in Deutschland.

Ja, aber ich bin hier aufgewachsen. Ich wusste mit sechs Jahren noch nicht, dass sechs Millionen Juden hier ermordet wurden. Und dann hatte ich hier schon mein Leben.

Das ist also eine Form von Vergangenheitsbewältigung?

Irgendwie muss man damit ja schon ein bisschen Späßchen machen, oder?

"Jude sein ist wie eine geile Schwuchtel zu sein", haben Sie auch einmal gesagt. Wie meinen Sie das?

Genau so! Randgruppen-Luxus!

Sind Sie eigentlich gläubig?

In fremden Städten oder zu Feierlichkeiten gehe ich immer in die Synagoge. Ich mag das. Ich bin schon mehr zu dem jüdischen Ufer gekommen, seit mein Vater gestorben ist und ich ihn in Israel beerdigt habe.

Und ernähren Sie sich auch koscher?

Nein, Quatsch! Ich liebe Schweinebraten! Ja, logo!

Wären Sie gerne der neue Zentralrat der Juden?

Ne! Da müsste ich noch einmal in die Schule bei denen gehen.

Schade, ich wollte schon fragen, was Ihre erste Amtshandlung wäre.

Mich beschneiden zu lassen! Nein, so was kann ich nicht. Ich denke eher global: Deshalb haben wir – Mark Buxton, Tetjus Tügel, CL, Susanne "Rauschi" Raupach, Carsten Nicolai und Henning Kaiser – auch das Parfum entwickelt: "MoslBuddJewChristHinDao". Damit wir uns endlich riechen können.

Bei vielen Fotografien und Projekten habe ich das Gefühl, dass Sie nicht wirklich eine Schamgrenze oder Hemmschwelle haben.

Ne, habe ich nicht! Wofür? Warum? Sollte es Tabus in der Kunst geben? Ich glaube nicht! Dafür ist die Kunst doch da. Wo gibt es denn sonst noch mehr Freiräume? Höchstens noch in der "Politik".

Wird bei Ihnen nicht alles zu einer trashigen, bizarren Popkultur-Mixtur? Kann man überhaupt den Wahnsinn der Welt noch steigern?

Der Ansatz von unserem "Unifaith"-Parfüm hat ein wichtiges Anliegen, das steht für eine klare Linie. Das ist doch nicht bizarr und poppig. Das ist total straight.

Ich meinte auch eher Ihre Bilder.

Ich kann einen dicken Joint rauchen, auf dem Bett rumspringen und oben die Decke bemalen. Aber ich kann auch ganz straight was machen. Ich kann eben mit vielen Eisenbahnen spielen. Ich bin nicht nur Fotograf, ich kann auch Regisseur, Parfümeur oder sonst irgendwas sein. Ich kann mich meistens in jeden Scheiß reinfummeln. So schlimm ist es nicht.

Letzte Frage: Wenn Sie irgenwann sterben, was sollte auf Ihrem Grabstein stehen? Welcher Song sollte bei Ihrer Beerdigung laufen und wo würden Sie gerne beerdigt werden?

In Israel. Wenn ich morgen in die Kiste springen müsste, würde ich mir den Song "Don’t believe the hype" von Public Enemy wünschen. Und auf dem Grabstein soll stehen: "Uhu ist lecker, Pattex schmeckt auch."

"Alles wird gut Mutter"

Termin: 1. Mai bis 30. Mai, Kunstverein Hamburg
http://kunstverein.de/