Salvador Dalí - Paris

Dalí dada, Dalí gaga, Dalí -Total

Revolutionäres Genie oder peinlicher Selbstdarsteller: Kein Künstler des 20. Jahrhunderts hat so kontroverse Reaktionen ausgelöst wie der spanische Surrealist Salvador Dalí. Zeit für eine Rehabilitation. Hier sechs gute Gründe, warum er heute noch wichtig ist!
Dalí dada, Dalí gaga:Ehrenrettung von Salvador Dalí

Dalí mit seinem Ozelot, 1965

1. Weil er auch politisch hintergründige Bilder gemalt hat

Salvador Dalí hat viele Ikonen geschaffen, allen voran "Die Beständigkeit der Erinnerung" – jenes endlos kopierte Bild mit den wie überreife Camemberts zerfließenden Uhren, das heute im New Yorker MoMA hängt.

Aber auch andere Bilder wie "Der Schlaf", "Die brennende Giraffe", "Metamorphose des Narziss" oder "Leda Atomica", eine von unzähligen Huldigungen an seine Frau Gala, haben ihren festen Platz im kollektiven Bildergedächtnis. Weniger bekannt ist, dass längst nicht alle seine Bilder verrätselt-autobiografische Sexualfantasien zum Inhalt haben. Dalí hat auch politisch-düstere Visionen gemalt.

Das frappierendste Zeugnis für seine Auseinandersetzung mit dem politischen Zeitgeschehen ist das Bild "Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen – Vorahnung des Bürgerkriegs". Dalí malte es im Frühjahr 1936, also noch vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, und ließ keinen Zweifel daran, dass er sein Land auf einen blutigen, zerstörerischen Machtkampf zusteuern sah. Zwei grotesk verrenkte Figuren mit falsch zusammengesetzten Gliedern haben sich in einer harschen Landschaft ineinander verkeilt. Die Extremitäten wirken wie versteinert, eine Hand presst brutal eine weibliche Brust. "Guernica", Picassos Protest gegen den Bürgerkrieg und das Bild, das heute gern als universelle Anklage gegen menschlichen Hass und Kriegsgräuel gedeutet wird, entstand erst ein Jahr später. Zudem zeigte Dalí schon damals eine desillusionierte, von der Politik generell angewiderte Haltung – eine Position, die erst aus heutiger Sicht richtig nachvollziehbar wird.

2. Weil er als Multimedia-Künstler Filmgeschichte schrieb

Ende der zwanziger Jahre planen zwei junge spanische Künstler in Paris ein bahnbrechendes Filmprojekt. Schon die Requisitenliste klingt vielversprechend: eine nackte Frau, ein paar Seeigel, eine Männermaske ohne Mund, vier Esel im Zustand der Verwesung, vier Konzertflügel, eine abgeschnittene Hand, lebende Ameisen, ein frisches Kuhauge. Die Sachen werden unter Mühen besorgt. Nur bei den Eseln müssen die Avantgarde-Filmer Abstriche machen. Statt vier, gibt es nur zwei Kadaver. So beginnt die Zusammenarbeit zwischen Salvador Dalí und Luis Buñuel. Die beiden kennen sich aus Studientagen in Madrid. Dalí hat mit seinen vermeintlich anstößigen Gemälden gerade erst das spanische Kunst-Establishment brüskiert und ist aus der Akademie geflogen.

Gemeinsam entwickeln sie das Drehbuch für "Ein andalusischer Hund", einen surrealistischen Film, in dem nichts rational, logisch, psychologisch oder kulturell erklärbar sein soll. Der Streifen wird in ein paar Tagen abgedreht. Erst die Montage macht aus den zusammenhanglosen Bildern schockierende Albtraumvisionen: Ein Mann schärft ein Rasiermesser, eine Frau sitzt auf einem Stuhl, jemand zieht ihr die Augenlider auseinander, eine Wolke zieht über den Mond, ein Rasiermesser schlitzt das Auge auf. Die schockierende Eröffnungssequenz gilt bis heute als Schlüsselszene der Filmgeschichte, die auch 94 Jahre später nichts von ihrer drastischen Wirkung eingebüßt hat. Zudem demonstriert der Film perfekt das Prinzip des Surrealismus, nämlich unbewusste Ängste und Begierden auf überraschende Weise sichtbar zu machen. Dalí notiert später: "Der Film drang wie ein Dolch in das Herz von Paris. An einem einzigen Abend machte unser Film ein Jahrzehnt pseudo-intellektuellen Nachkriegs-Avantgardismus zunichte. Diese Gemeinheit, die man konkret abstrakte Kunst nennt, fiel uns tödlich verwundet vor die Füße. Es war kein Platz mehr in Europa für die manischen Rechteckchen von Herrn Mondrian."

Immer wieder setzt Dalí Film und Trickfotografie für sich ein. In den USA entwickelt er gemeinsam mit Starregisseur Alfred Hitchcock Filmsequenzen für den Psychothriller "Spellbound" (1945). Die hypnotische Traumszene mit zerschnittenem Vorhang, fliegenden Augen und einem Mann ohne Gesicht ist heute Kult. Auch mit Trickfilm-Mogul Walt Disney arbeitet er an einem fantastischen Film, "Destino", der erst nach seinem Tod vollendet wird. Und in den sechziger Jahren perfektioniert er für das neue Massenmedium Fernsehen die Rolle des Künstlerkomikers, der mit Filmen wie "Chaos and Creation", eine Koproduktion mit dem Fotografen Philippe Halsman, abstrakte Kunst anhand von Schweinen und Motorrädern erklärt. 1964 dreht Dalí auch mit dem Dokumentarfilmer Jonas Mekas einen Kurzfilm in New York, in dem er das Model Veruschka von Lehndorff mit Rasierschaum besprüht.

3. Weil er Happening und Performance-Kunst erfunden hat

Langbeinige Vamps mit Rasiercreme einzuschäumen war nicht die einzige Performance-Aktion des katalanischen Künstlers. Eher schon war das der selbstironische Schlussakkord einer lebenslangen Begeisterung für körperbetonte theatralische Inszenierungen – meist mit Dalí als Hauptdarsteller. 1936 erschien er in London zu einem Vortrag über Präraffaeliten, Harpo Marx und Geister in einem Taucheranzug mit Bleischuhen, Glasglocke auf dem Kopf und zwei russischen Windhunden an der Leine – eine Aktion, bei der er fast erstickt wäre, weil seine Frau und ein befreundeter Sammler nicht wussten, wie sie den luftdichten Helm wieder öffnen sollten. Als der Künstler endlich leichenblass aus dem Taucheranzug befreit wurde, klatschte das Publikum Beifall. Sie hatten die panischen Befreiungsversuche als geniale Dalí-Aktion gedeutet.

Eines der spektakulärsten Happenings veranstaltete Dalí 1939 zur Weltausstellung in New York. In einem korallenähnlichen Pavillon inszenierte er seinen "Traum der Venus". Die Besucher schritten durch gespreizte Frauenbeine ins Innere und bestaunten leichtbekleidete Schönheiten in begehbaren 3-D-Environments und barbusige Nixen, die im Aquarium einen tranceähnlichen Wassertanz aufführten. Der Pavillon wurde zur Sensation. Nur der Künstler war nicht zufrieden. Man hatte ihm untersagt, der riesigen, Botticelli nachempfundenen Venus, die über dem Eingang prangte, einen Fischkopf aufzusetzen. Aus Protest ließ Dalí seine "Unabhängigkeitserklärung der Fantasie und Erklärung der Rechte des Menschen auf Verrücktheit" vom Flugzeug tausendfach auf die ignoranten New Yorker abwerfen. Auch in den fünfziger und sechziger Jahren experimentierte er immer wieder mit performativen Methoden, etwa wenn er Gemälde herstellte, indem er Flamenco-Tänzer mit farbbestrichenen Füßen auf Leinwänden tanzen ließ oder mit einem Gewehr auf Lithoplatten schoss, und aus den so entstandenen Druckvorlagen Bilder schuf. Im Dezember 1959 startete er einen New-York-Besuch in einem begehbaren, transparenten Plastikei, seinem "Ovocipede" – als visionärer Vorläufer des in den sechziger Jahren populären Plastiksphären-Designs.

4. Weil an ihm ein fantastischer Designer verloren gegangen ist

Dalí interessierte sich brennend für Architektur und Design, lehnte aber die in den zwanziger, dreißiger Jahren von der Avantgarde favorisierte Bauhaus-Ästhetik als arm und unsinnlich ab. Stattdessen propagierte er eine überspannte, zwischen Futurismus, Jugendstil und Barock oszillierende Formensprache. Zwar blieb er in erster Linie Maler, doch bereits während der frühen Jahre in Paris entwarf er allerlei fantastische Möbel und Objekte. Zum Beispiel Sessel, die nach den Körperumrissen des Käufers aus Bakelit geformt werden sollten oder mit Sprungfedern versehene Schuhe zur Erhöhung der Freude des Zufußgehens. "Ich hatte eine Serie absolut unerwarteter Badewannenformen von ausgefallener Eleganz und überraschender Bequemlichkeit entworfen – sogar eine Badewanne ohne Badewanne: Sie bestand aus einer künstlichen Wasserhose, in die man hineintrat, und gebadet wieder herauskommt", lamentiert Dalí in seiner Autobiografie.

"Es war immer wieder die gleiche Geschichte. Die Leute sagten, die Sache sei zwar theoretisch interessant, könne jedoch unmöglich verwirklicht werden." Mit der Avantgarde-Schneiderin Elsa Schiaparelli entwarf er immerhin ein paar surrealistische Kleider und für den britischen Sammler Edward James das berühmte rote "Lippensofa". Die meisten seiner Design-Erfindungen wurden jedoch nie produziert – auch weil er seiner Zeit meilenweit voraus war. Mittlerweile ist nicht nur im Design die dogmatische Bauhaus-Strenge einer amorphen "Everything goes"-Mentalität gewichen. Neue Produktionsverfahren erleichtern das Herstellen ausgefallener Blob-Designs. Höchste Zeit also für die ultimative Dalí Home Collection. Als erstes Stück würde sich der filigran gebogene Stuhl mit schlanken Frauenfüßchen aus seinem Gemälde "Frau mit Rosenkopf" von 1935 anbieten. Oder die "Nasenkommode" aus seiner verblüffenden Installation "Das Gesicht Mae Wests, das man als Apartment nutzen kann".

5. Weil er der geistige Vater von Warhol, Koons und Rauch ist

Mit seinen sorgfältig komponierten Rätselbildern nahm Dalí künstlerische Strategien der Postmoderne vorweg. Er plünderte hemmungslos Motive aus Zeit- und Kulturgeschichte, mixte High und Low, Renaissance und Manierismus, Religion und Sex. Zudem experimentierte er mit neuen Medien, baute optische Täuschungen in seine Bilder ein, spielte mit Rasterpunkten und verwendete Holografie. Auch was den Starkult angeht, war er den zeitgenössischen Kollegen voraus. Lange bevor Andy Warhol seine "Factory" gründete, versammelte Dalí um sich herum schon einen schillernden Hofstaat aus hippen Bewunderern und Mitarbeitern, darunter übrigens auch Isabelle Dufresne, die später unter dem Namen Ultra Violet bei Warhol Karriere machen sollte.

Der Erfinder der Pop Art jedenfalls ließ keinen Zweifel daran, dass ihn die PR-Strategie des Spaniers und dessen radikale Vermarktung seiner "Marke" inspiriert hatten. Dazu gehört auch der ikonische Trademark-Look. Bei Dalí war es der hochgezwirbelte Bart, der wie eine Sinuskurve vor seinem Gesicht zitterte, bei Warhol die platinblonde Perücke. Mit Jeff Koons, einem anderen, in medialer Inszenierung geübten Künstler, teilt Dalí den eisenharten Selbstverwirklichungstrieb und den künstlerischen Größenwahn, der sich auch durch temporäre Rückschläge nicht ersticken lässt. Wobei Dalís schmutzig-skurrile Fantasien auch heute noch um einiges verstörender wirken als Koons’ auf Hochglanz polierte Ballonhündchen. Oder um es ganz konkret zu machen: Dalí malte einen voyeuristischen Greis in kotverschmierten Unterhosen und drapierte einen lebenden Hummer auf dem Unterleib einer nackten Frau. Koons größter Triumph ist es, seinen metallenen Spielzeughummer im Barockpomp Versailles zu präsentieren. Dem Leipziger Maler Neo Rauch wiederum dürfte Dalís exaltierter Exhibitionismus ziemlich fremd sein.

Aber in Rauchs absurden Bilderfindungen, den weichen, ausdruckslosen Figuren und den zerfließenden Interieurs finden sich unübersehbare Parallelen zum surrealistischen Universum des spanischen Künstlers. Verdächtig oft stützen sich Rauchs Protagonisten auf Stöcken auf. Krücken tauchen auch in Dalís Werk immer wieder auf. Mal stützen sie ein teigiges Gesicht, mal eine skelettierte Venus, mal eine grotesk verlängerte Pobacke. Sie stehen für Halt und Gegendruck, für verbotenes Tasten und morbid-erotisches Verlangen, aber auch metaphorisch für das Abstützen eines vom Zusammenbruch bedrohten Systems. Vielleicht auch deshalb hat Dalí bei öffentlichen Auftritten den Gehstock als ein zusätzliches Markenzeichen eingeführt – sein Zepter, Zeigestock und Stützpfeiler gegen den unaufhaltsamen Wandel der Zeit.

6. Weil seine Bildtitel die abgedrehtesten der Kunstgeschichte sind

Humor und Ironie sind feste Größen in der Gegenwartskunst. Dennoch verlässt die Künstler heutzutage jeglicher Humor, wenn es um die Benennung ihrer Werke geht. Wenn nicht ganz "Ohne Titel", werden Bilder meist nur nüchtern nach Entstehungsort oder vorherrschender Farbe benannt. Vorbei die Zeiten, als leidenschaftliche Ironiker wie Martin Kippenberger oder Sigmar Polke ihren Werken augenzwinkernd bedeutungsvolle Namen gaben. In Dalí hatten sie einen großartigen Vorläufer, dem es nie eingefallen wäre, ein Bild "sin título" zu belassen. Statt seine fantastischen Einfälle kaputt zu analysieren, zum Schluss ein surrealistisches Gedicht aus Dalí-Titeln: Der Mann mit dem kränklichen Teint, der dem Rauschen des Meeres lauscht / Der große Masturbator / Schwalbenschwanz /Das Rätsel der Begierde – Meine Mutter, meine Mutter, meine Mutter / Herbstlicher Kannibalismus / Entwöhnung von der Möbelnahrung / Schwäne, die Elefanten spiegeln / Der Chemiker von Ampurdan auf der Suche nach dem absoluten Nichts / Jugendliche Jungfrau, von den Hörnern ihrer eigenen Keuschheit autosodomisiert / Halluzinogener Torero / Traum, ausgelöst vom Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen / Endloses Rätsel.

Dalí

Ausstellung: bis 25. März, Centre Pompidou, Paris

23. April bis 2. September, Museo Reina Sofía, Madrid

Katalog (in Französisch) 384 Seiten, 450 Abb., 49,90 Euro

Literatur: Dalís Autobiografie "Das geheime Leben des Salvador Dalí", Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstag, Schirmer/Mosel Verlag, 2004