Spuren des Heiligen - Centre Pompidou

Vom Nichts ins Reich der Götter

Eine Pariser Schau begibt sich ins Labyrinth künstlerischer Wahrheitssuche. "Traces du Sacré" provoziert mit Werken von Damien Hirst, Bruce Nauman und Edvard Munch.
Vom Nichts ins Reich der Götter:Im Labyrinth künstlerischer Wahrheitssuche

Selten wurde in Paris eine Ausstellung schon im Vorfeld so misstrauisch beäugt wie "Traces du Sacré" (wörtlich "Spuren des Heiligen") im Centre Pompidou. Insgesamt 350 Werke von der Romantik bis heute sollen die Auseinandersetzung nicht mit dem Geistigen, aber dem Geistlichen in der Kunst hervorheben – für das cartesianische Frankreich, das nicht erst seit Marcel Duchamp aller Metaphysik präzise Konzeptualisierung und formale Reflexion vorzieht, ein eher heikles Thema.

Denn es gilt, die Geschichte der Moderne und selbst der angeblich rein rationalen Abstraktion als spirituelle Wahrheitssuche zu lesen, als Reaktion der Künstler auf Tod und Maschinenherrschaft, Genozid und existenzielle Verarmung. Kurz: auf die Gegebenheiten des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie konnte es von Kandinskys vergeistigten Kompositionen zur geometrischen Radikalisierung eines Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian kommen, von den Farbfeldern Mark Rothkos zur blutigen Vergeistigung eines Hermann Nitsch?

Dank der Suche nach der Wahrheit hinter den Bildern, antworten die Kuratoren Jean de Loisy und Angelika Lampe. Und konsequent beginnt ihre Ausstellung mit einem Paukenschlag, nämlich der Bankrotterklärung jüdisch-christlicher Religion. Dem vermeintlichen "Nada" Goyas, einer Gravur aus der Serie "Schrecken des Krieges", das ein Skelett zeigt, ist Bruce Naumans Neon-Definition des Künstlers als Suchendem gegenübergestellt: "Der wahre Künstler hilft der Welt durch die Sichtbarmachung mystischer Wahrheiten" (1967).

Edvard Munch neben Caspar David Friedrich und Damien Hirst

Darüber thront Edvard Munchs Abbild des Philosophen des Nichts, Friedrich Nietzsche. Dann führen zwei deutsche Romantiker vom Nichts ins Thema der Götter, die sich aus dem Staub gemacht haben: Ruinenlandschaften von Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus stehen im Zwiegespräch mit dem monochromen Tryptichon "Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt" aus dem Jahre 2006, bestehend aus schwarzem Teer.

Das Werk stammt von Damian Hirst. Ein überraschender, aber durchaus schlüssiger Sprung: Denn hat nicht gerade das Enfant terrible der zeitgenössischen Kunstszene immer wieder betont, dass auch für ihn alle Kunst vor allem eines ist: Auseinandersetzung mit dem Tod?

Hintergründiger Humor beim Thema Apokalypse

Diese kuratorische Spitzfindigkeit, thematische Kapitel wie Sehnsucht nach dem Unendlichen, Apocalypse oder Der neue Mensch jeweils mit einer zeitgenössischen Arbeit enden zu lassen, sorgt in so viel Vergeistlichung für willkommene Irritationen, manchmal sogar hintergründigen Humor. Etwa bei Maurizio Cattelans "Him", einem knienden Hitler in Kindgestalt; oder wenn der französische Aktionskünstler Adel Abdemessed Nietzsches Aufforderung zu Himmelfahrt und Emporschwingen der Herzen wörtlich nimmt, indem er sich von einer Gruppe von Freunden immer wieder an die Museumsdecke werfen lässt, um diese zu bekritzeln.

Besonders gelungen auch das Kapitel Absolutes, wo in der noblen Nachbarschaft von Mondrians "Komposition mit zwei Linien", einem "Schwarzem Quadrat" Malewitschs und Brancusis minimaler Skulptur "Der Vogel im Raum" der in Paris lebende Niele Toroni die rechte obere Wandecke mit blauen Abdrücken des Pinsels Nr. 50 bemalt, Just in Sichtweite von Sigmar Polkes berühmtem Bild "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen".

Eindrucksvoll aber nie theatralisch

Nur selten gezeigte Meisterwerke von Otto Dix, Joseph Beuys oder Ad Reinhardt wechseln ab mit echten Entdeckungen. Etwa drei großformatige Kompositionen der schwedischen Malerin und Anthroposophin Hilma Af Klint, die bei ihrem Tod 1944 verfügte, ihre rund tausend hinterlassenen Gemälde dürften zwanzig Jahre lang nicht gezeigt werden, weil die Welt noch nicht reif für sie sei. Die in Paris gezeigten, deutlich vom Spiritismus beeinflussten Bilder stammen teilweise aus dem Jahr 1907 – als von großen Revolutionären der Abstraktion wie Kupka oder Kandinsky noch wenig zu hören und zu sehen war.

Eindrucksvoll, aber nie theatralisch inszeniert, mit hellblauen Wänden, sphärischen Raumenbögen und dem sakralen Zwielicht der Medienkunst, schlägt die Ausstellung einen labyrinthischen Bogen durch das zwanzigste Jahrhundert, das erste, in dem eine Gesellschaft glaubte, ohne Ewigkeit leben zu können. Die gezeigte Kunst kämpft gegen den Verlust nicht der Religion, sondern des Glaubens. Des Glaubens an eine Unsichtbare, das hinter den Bildern liegt. Oder in ihnen entsteht – wie in der wunderbaren Filmarbeit von Pierre Huyghe "One Million Kingdoms" (2001), in dem die Figur des Manga-Mädchen Ann Lee durch eine sich aufbauende Berglandschaft geht, deren Gipfel die graphische Übersetzung sind der euphorischen Ausrufe des Astronauten Neil Armstrong bei seinen ersten Schritten auf dem Mond.

"Traces du Sacré – Spuren des Heiligen"

Termin: bis 11. August im Centre Pompidou, Paris. Anschließend ab 19. September im Haus der Kunst, München.
http://www.centrepompidou.fr

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