James Benning - Hamburg

Angst vorm Technikwahn

Eine ambitionierte Ausstellung ist derzeit im Hamburger Kunstverein zu sehen. Mit "Decoding Fear" verhandelt James Benning, der in der Vergangenheit vor allem mit filmischen Arbeiten auf sich aufmerksam machte, die Ambivalenz technologischen Fortschritts.

Insgesamt 16 Briefbomben verschickte der als "Unabomber" bekannt gewordene Ted Kaczynski zwischen 1978 und 1995. Drei Todesfälle sowie die aufwendigste und teuerste US-Polizeiaktion des 20. Jahrhunderts waren die Folge.

Zu seinen Taten getrieben wurde der hochintelligente Mathematikprofessor, der sich bereits in den frühen siebziger Jahren in eine selbsterrichtete Holzhütte in den Wäldern Montanas zurückgezogen hatte, von einer quälenden Technologisierungsangst und der Furcht vor dem Verlust der persönlichen Freiheit. Genau an diesem Punkt setzt "Decoding Fear", die erste institutionelle Einzelausstellung James Bennings in Deutschland, an. In einem dichten Referenznetz verhandelt der US-Amerikaner die Ambivalenz technologischen Fortschritts. Ein Thema, das, wenn auch so alt wie die Maschine selbst, derzeit enormen Aufwind erfährt.

Neben der Person Kaczynskis ist auch Henry David Thoreau, der Archetyp des US-amerikanischen Einsiedlers, Hauptakteur dieses multimedialen Gedankenspiels: Züge repräsentieren das Urmoment der Technologisierung und die Hütten, welche sowohl Thoreau als auch Kaczynski ihrer Zeit in der Einöde zimmerten, dienen als Symbol der Zivilisationsflucht. Eine Nachbildung von Thoreaus Schreibtisch steht neben der konfiszierten Schreibmaschine Kaczynskis. Filmaufnahmen der Hütten, die der Künstler auf seinem eigenen Grundstück nachbaute, wurden mit dem Sound der Originalschauplätze unterlegt. Dieses Spiel mit Replik und Original zieht sich durch die gesamte Schau und wird, indem Benning Bilder diverser Outsider-Künstler abmalt, auf die Spitze getrieben. Das Nebeneinander von Handgeschriebenem, 16mm und digitalem Film sowie verschiedenen Computergenerationen macht technologischen Fortschritt augenscheinlich und erfahrbar. Die Präzision und Komplexität mit der Benning dieses bedeutungsgeladene Netz spinnt, trägt dabei selbst obsessive Züge und so reiht er sich ein in die Linie jener Männer, die ihn primär in ihrer Rigorosität zu faszinieren scheinen. Er spricht deren Motiven eine gewisse Legitimität daher nicht ab und will vor allem Kaczynski weder als Monster verstanden wissen, noch will er dessen Taten heroisieren.

Allerdings droht "Decoding Fear" am eigenen Anspruch zu ersticken. Es ist eine überaus ambitionierte Ausstellung, die dem Besucher neben einem hohen Maß an gedanklichen Transfer- und Eigenleistungen vor allem eines abverlangt – Zeit. Zeit, die das komplexe Konzept braucht um sich zu entfalten, Zeit, die der Durchschnittsrezipient vermutlich kaum aufbringen kann oder will. Fast könnte man sagen, dass das Publikum heute einen Vertrag mit der Kunst eingeht, der weniger zeitlich als örtlich bestimmt ist. Heißt: Eine Schau hat man gesehen, wenn man da war. Ob man sie zur Gänze erfasst hat, bleibt dabei oft zweitrangig. Das mag man bedauern, aber vieles deutet darauf hin, dass "Decoding Fear" hier oft ins Leere läuft. Gescheitert ist die Ausstellung deshalb nicht. Denn zeitgemäßer Inhalt hin, dialektischer Grundgedanke her, was in jedem Fall hängen bleibt, ist die meditative Atmosphäre. Das schwache Licht, wenn auch weniger künstlerisches Konzept als durch die vielen Videos bedingte Notwendigkeit, und die sich aus der Interferenz der kontemplativen Projektionen ergebenden Geräuschkulisse schaffen einen Ort, an dem die Zeiger erheblich langsamer zu gehen scheinen als draußen an der Kreuzung. So manifestiert sich Bennings Protest eben nicht in Bomben, sondern in einer Entschleunigungsmaschine direkt neben dem Hamburger Hauptbahnhof.

James Benning – Decoding Fear

Kunstverein in Hamburg, bis 10.5.2015


Ein Buch zum Thema ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 19,90 Euro
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