Kampnagel Sommerfestival 2013 - Hamburg

Barrieren der Wahrnehmung sprengen

Die Grenzen zwischen Kunst, Tanz, Musik und Theater sind fließend geworden. Das zeigt auch der Fokus des Internationalen Sommerfestivals 2013 im Hamburger Kampnagel, wo bis zum 25. August aktuelle Crossover-Strategien zu erleben sind.

Ein Festival-Höhepunkt ist die Uraufführung "Dark Material", eine Kooperation zwischen dem amerikanischen Choreografen Jeremy Wade, der experimentellen US-Band Xiu Xiu und der polnisch-deutschen Künstlerin Monika Grzymala. Es beginnt mit der Zerstörung eines Bildes, aus der andere Bilder hervorgehen.

Stück für Stück reißt Grzymala schwarze Klebebänder, die sie zuvor als schwebende Verflechtung an der Bühnenwand emporwachsen ließ, von der Fläche ab und ballt sie zu einem amorphen Bündel. Ein Mann (Jeremy Wade) und eine Frau (Maria F. Scaroni) betreten den Raum, schmiegen sich aneinander, weichen zurück: ein ständiges gegenseitiges Austarieren zwischen Anziehung und Abstoßung, inniger Verschlungenheit und Auseinanderstreben. Am Rand der emotional aufgeladenen Arena erzeugen Jamie Stewart und Shayna Dunkelmann elektronisch und mit diversen Instrumenten einen Sound, der wuchtig und filigran zugleich in den Körper dröhnt. Die innere Spannung des Klangs greift die konträren Bewegungen der Tanzenden auf, die Grzymala in Licht- und Raumzeichnungen verwickelt und zuletzt sogar der Boden unter den Füßen wegzieht.

Die Linien, die Grzymala anfangs entfernt, kehren als dunkle flirrende Bänder zurück. Sie werden von der Künstlerin im Luftstrom einer Windmaschine in wandelbare Formen gebracht, oder leuchten im Schein eines Projektors als Schattenrisse momenthaft auf. Die abstrakt-konkrete, gefühlsstarke Tour de Force entzieht sich allen Festlegungen. "Dark Material" ist das erste gemeinsam realisierte Projekt des amerikanischen Extremtanz-Choreografen Jeremy Wade, dem in wechselnder Besetzung unter dem Indie-Band-Label Xiu Xiu agierenden kalifornischen Musikers Jamie Stewart und der in Berlin lebenden polnisch-deutschen Künstlerin Monika Gryzymala, Jahrgang 1970, international mit organisch wuchernden "Raumzeichnungen", generiert aus Klebestreifen und anderen ephemeren Stoffen, bekannt geworden. Die Hamburger Kunsthalle zeigt aktuell eine Auswahl ihrer Arbeiten in der Ausstellung "Mono Meros" (bis 25. August).

"Dark Material" (8. bis 11. August), koproduziert mit dem Donaufestival Krems, ist eine von fünf Uraufführungen beim Internationalen Sommerfestival 2013 in der Kampnagel Kulturfabrik in Hamburg. Seit den achtziger Jahren ist das Kulturzentrum Kampnagel alljährlich Schauplatz eines Festivals von überregionaler Reichweite mit experimentellen Tanz- und Theaterkompanien aus aller Welt. Der neue künstlerische Leiter des Sommerfestivals András Siebold (geboren 1976, zuvor Leitender Kampnagel-Dramaturg) hat den Fokus in diesem Jahr gezielt auf interdisziplinäre Produktionen gerichtet, die jenseits von Kategorisierungen an den Schnittstellen zwischen Performance, bildender Kunst, Tanz, Musik und Theater oszillieren.

Ein Thema des Festivals 2013 ist das Spiel mit verschiedenen Realitäten und mit der Verschränkung von Fiktion und Wirklichkeit: ein Sujet, das Christian Jankowski in seinen Auseinandersetzungen mit Medienbildern hintersinnig und mit grandioser Komik variiert hat. Seine Ausstellung "100% Realismus" ist für die Dauer des Festivals im Kampnagel-Zentrum zu sehen. Die Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw hat auf dem Kampnagelgelände eine architektonische Stadtvision samt "Kanalphilharmonie" aus Rohholz entwickelt, das dem Publikum als vielfältig nutzbare Bühne dient.

Im Rahmen des Hamburger Festivals zeigt sich auf unterschiedlichsten Ebenen, wie durchlässig die verschiedenen künstlerischen Gattungen geworden sind. Und vor allem auf welchen Wegen sich diese heute gegenseitig befruchten. Fluxus-Pionierin Yoko Ono, die am 10. August beim Festival gastiert, fungiert dabei als eine Art Schirmherrin interdisziplinärer Aktivität. Während bei der Kooperation zu "Dark Material" Monika Grzymala ihre Praxis, mit der Zeichnung in den Raum zu gehen, durch ein zusätzliches Live-Moment und die Interaktion mit den anderen Beteiligten erweitert, sprengt der französische Choreograf Xavier Le Roy mit der Performance "Retrospective" (2012 für die Antoni Tapiès Foundation in Barcelona entwickelt) die Formate des Theaters und der Kunstausstellung.

Während der Festivaldauer läuft seine "Retrospective" in der Maria-Lassnig-Schau in den Hamburger Deichtorhallen. Hier werden Besucher zu Auslösern eines performativen Geschehens, das das übliche Zeit-Raum-Empfinden aushebelt. Das libanesische Künstlerduo Rabih Mroué und Lina Saneh (Teilnehmer der documenta13, 2012) führt in der semi-dokumentarischen Performance-Installation "33 Rounds and a Few Seconds" (15. bis 17. August) die gegenwärtige politische Situation im Libanon äußerst beklemmend vor Augen. Anrufbeantworter-Messages oder Facebook-Einträge lösen hier als zweite mediale Wirklichkeit die Akteure im Raum ab: ein intensives, unter die Haut gehendes Szenario der Abwesenheit und der Ohnmacht.

Das russische Künstler-Kollektiv Chto Delat? (Was nun?, Philipp Otto Runge Stipendiaten der Hamburger Kunsthalle) erarbeitet gemeinsam mit Studierenden aus verschiedenen europäischen Ländern im Rahmen der "Real World Academy" (9./10. August) eine Aufführung mit dem Titel "A Learning Play" (17. August). Kunst wird dabei, ganz im Sinne der Fluxus-Vorreiter, zur lebenshaltigen Aktionsform und somit ein potenzielles Mittel gesellschaftlicher Veränderung.

Internationales Sommerfestival 2013

bis 25. August,
Kampnagel,
Hamburg
http://www.kampnagel.de/internationales-sommerfestival/