Europop / Pop Art - Zürich / Stuttgart

Die Europäer schlagen zurück

Das Kunsthaus Zürich zeigt den bahnbrechenden europäischen Beitrag zur Pop Art, die Staatsgalerie Stuttgart lenkt den Blick auf die Menschendarstellung des Pop
Cola, Comics und blonde Darlings:Zwei Ausstellungen würdigen europäische Pop Art

In Stuttgart zu sehen: "Hunt for the best", 1965 von Mel Ramos

Auf dem Sofa räkelt sich eine Blondine. Davor schwingt der Bodybuilder-Gatte im Höschen das Racket. Im Hintergrund macht sich die Tochter über die Treppe davon. Die Collage "Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?" ("Was ist es nur, was das Zuhause von heute so anders, so ansprechend macht?") spielt mit einer Fülle kunsthistorischer Bezüge und macht sie zur Kulisse für die neue Körper- und Warenwelt.

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Als der Brite Richard Hamilton sie 1956 herstellte, zeichnete Andy Warhol noch Schuhe, und Roy Lichtenstein träumte vermutlich noch nicht einmal von den blonden Darlings, die er ein paar Jahre später auf seinen Comic-Bildern Tränen vergießen ließ. Gleichwohl gilt die Pop Art als uramerikanische Erfindung, mit der das Land sich vollends von Europa emanzipierte.

Dass dies so kam, hat zunächst einmal historische Gründe. Gleich ob Elvis Presley, die Cola oder Kunst – was nach dem Zweiten Weltkrieg aus Amerika kam, hatte den Geruch des Siegers, erzählte von unbegrenzten Möglichkeiten und der Unbekümmertheit des naiven Blicks einer noch jungen Kultur. Das war im al­ten, gerade zerbombten Europa fast un­widerstehlich. Umso mehr, als in den Wer­ken der Pop Art die Bildwelt der Mas­senmedien von der Werbung bis zum Kino plakativ ins Bild gesetzt wurde. Tom Wesselmann malte seine "Great American Nudes" in der Tradition der Pin-ups, Roy Lichtenstein Comics und Andy Warhol Coca-Cola-Flaschen und Dollar-Scheine.

Dass Francis Picabia schon in den dreißiger Jahren Pin-ups gemalt hatte, dass der Be­griff "Pop Art" zuerst in England geprägt wurde, spielte keine Rolle mehr. Auch nicht, dass Dada, die Surrealisten und vie­le andere Künstler aus dem Weltkriegs­europa in die USA emigriert waren und die Kunstszene dort auf die Höhe der Zeit gebracht hatten.

Gegen den Hegemonieanspruch der amerikanischen Kunst

Gegen die Vergesslichkeit und den nonchalanten Hegemonieanspruch der amerikanischen Kunst treten nun zwei Ausstellungen an, die den europäischen Initialbeitrag zur Pop Art würdigen. Das Kunsthaus Zürich rückt mit 80 Werken, die zwischen 1950 und 1970 von Künst­lerinnen und Künstlern aus über zwölf Ländern geschaffen wurden, den "Euro­pop" ins Zentrum, konfrontiert ihn mit ausgewählten Amerikanern und schließt eher eigenständige Phänomene wie den Nouveau Réalisme in Frankreich als "Vor­läufer" mit ein.

Dabei räumt Kurator Tobia Bezzola von vornherein ein, dass sich auf der for­malen und stilistischen Ebene keine grif­figen Unterschiede gegenüber den ameri­kanischen Pop-Künstlern definie­ren lassen: "Einen genuinen Europop gibt es nicht." Unterscheiden lassen sich da­gegen Haltungen und Einstellungen. Eu­ropäer sind eher "sophisticated", lieben Ironie, das Spiel mit Ambivalenzen und Subversion, gelegentlich auch die Ag­gression, während bei Amerikanern eine staunen­de affirmative Haltung gegen­über der Bildwelt der Massenmedien vor­herrscht. Skepsis auf der einen, Bewun­derung auf der anderen Seite des Atlantik. Warhol malt die Coca-Cola-Flasche als Symbol einer universellen Konsumkultur, Wolf Vostell zeigt sie auf einem zerrissenen Plakat als "Décollage".

In der Stuttgarter Staatsgalerie ist europäisches Selbstbewusstsein verhal­tener artikuliert. Die aus der Londoner National Potrait Gallery übernommene Ausstellung "Pop Art Portraits" re­habi­li­tiert die Menschen­darstellung als Königs­genre des Pop und versammelt wichtige Werke der maßgebenden Künst­ler beider Kontinente. Andy Warhol, der die Gattung mit Polaroid und Siebdruck revolu­tionierte, ist zusammen mit Peter Blakes Beatles-Bildern von 1962 zu sehen. Auch Europa hat mit den Pilzköpfen aus Liver­pool den westlichen Lifestyle ge­prägt. Das ist auch eine politische Aus­sage.

"Europop / Pop-Art-Porträts"

Termine: 15. Februar bis 12. Mai, Kunsthaus Zürich; 23. Februar bis 8. Juni, Staatsgalerie Stuttgart. Kataloge: Europop, DuMont Verlag, zirka 39,90 Euro; Pop Art Portraits, Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro.
http://www.kunsthaus.ch

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