Joan Jonas - In Transit 08

Für mich ist nichts jemals einfach

Sie ist eine der Ikonen der New Yorker Avantgarde-Kunst. Ende der sechziger Jahre gehörte Joan Jonas zu den Künstlern, die aus Tanz, Installation und Video eine neue Art der Kunst, das Happening entwickelten. Aus dieser Aktionskunst, meist unter Beteilgung des Publikums, entstand die Performance. Das Ritual war ihr Thema, Feminismus ein Anliegen. Vier Mal wurde Jonas zur Documenta nach Kassel eingeladen. Jetzt kommt die mittlerweile 73jährige Künstlerin nach Deutschland zurück: Im Berliner Haus der Kulturen der Welt eröffnet sie am 11. Juni das Performing-Arts-Festival "In-Transit" mit ihrer großen theatralen Performance "The Shape, the Scent, the Feel of Things".
"Nichts ist jemals einfach":Das Interview mit der Künstlerin Joan Jonas

Beim Berliner Festival "In Transit" zeigt Joan Jones ihre Performance "The Shape, the Scent, the Feel of Things", die in den Jahren 2004 bis 2007 entstanden ist

Ende der sechziger, Anfang der Siebziger Jahre haben Sie Kunstgeschichte geschrieben, als eine der ersten Künstlerinnen, die mit Performances arbeiteten und dabei noch das neue Medium Video mit einbezogen. Wie kam es zu diesem Schritt in die neue Kunstform?


Ich hatte als Bildhauerin angefangen, war aber sehr unzufrieden mit meinen Skulpturen – das Objekt reichte mir nicht. Dann sah ich ab Mitte der Sechziger in New York die ersten Happenings, mit Tänzern. Das war genau das, was ich tun wollte: mit Sound, Bewegung, Raum und Zeit arbeiten.

Wie kam Video dabei ins Spiel?


Ich hatte mich früher schon für Film als Medium interessiert. 1970 reiste ich nach Japan und kaufte einen Portapak, das erste transportable Videogerät. Mit Video konnte ich ohne umständliches Entwickeln Filme machen, allein in meinem Atelier. Außerdem fand ich sofort die Möglichkeit der Closed Circuit Installation mit Kamera und Monitor faszinierend: wenn die Zuschauer sehen, wie das Bild entsteht, wenn verschiedene Zeitebenen sich überlagern können. Auch heute noch ist Video dazu da, dem Werk eine weitere Realitätsebene hinzu zu fügen.

Was waren ihre Themen damals?


Schon bevor ich mit Performance begonnen habe, war ich sehr interessiert am Mythos und seiner Rolle in der Kunstgeschichte – in der alten griechischen Kunst, oder bei den Chinesen. Und ich beschäftigte mich viel mit Ritualen anderer Kulturen. Meine Performances waren dann ein Versuch, das Ritual in meine Gegenwart zu transferieren.

Was war ihr Verhältnis zu dem großen Schamanen aus Deutschland, zu Joseph Beuys?


Als direkten Einfluss kann man Beuys für mich nicht bezeichnen – ich habe seine Arbeit erst 1972 kennen gelernt, als ich meinen eigenen Ansatz bereits entwickelt hatte. Aber wahrscheinlich kommt man fast automatisch auf das Ritual, wenn man sich mit Performance beschäftigt. Ich habe Beuys dann sehr geschätzt, und es gibt viele Ähnlichkeiten. Allerdings repräsentiert er etwas, was ich nie repräsentieren könnte.

In welchem Sinn?


Seine Bedeutung für Deutschland war sicher einzigartig: Sein Verhältnis zur deutschen Kultur, zur Geschichte, zum Krieg. Beuys wollte die Gesellschaft heilen, mit Kunst. Aus der Sicht der Anthropologie haben Rituale immer eine spezifische Funktion – Initation, Gemeinschaftsbildung, Verarbeitung von Trauer, Exorzismus.

Was war das Ziel Ihrer neuen Kunst-Rituale? Wollten Sie die Gesellschaft ändern?


Ich meine Ritual nicht in dem Sinne wie ein Ritus zum Regenmachen oder so. Und ich wollte niemals irgendetwas ändern. Mein Ziel war, dem Publikum eine bestimmte Erfahrung zu ermöglichen. Ich wollte die Wahrnehmung selbst thematisieren: Wie sieht man etwas aus der Ferne, zum Beispiel. Mein eigentliches Thema war wahrscheinlich die Frage, wie Kunst entsteht.

Gleichzeitig ist ihre erste große Videoarbeit von 1970, Organic Honey, einer der Klassiker der feministischen Kunst geworden.


Ja, es ging um spezifisch weibliche Bildwelten und wie die aussehen könnten. Feminismus war damals ein wichtiges Thema.

Heute nicht mehr?


Die Situation der Frauen ist heute eine komplett andere. Für meine Generation war der Feminismus eine brennende Frage. Es gab keine weiblichen Lehrer in den Kunsthochschulen und so weiter. Die jungen Frauen waren wütend, ihre Energie hat die Bewegung losgetreten. Jetzt bekommen Frauen viel mehr Anerkennung. Die Frage, wie Frauen repräsentiert werden, zieht sich sicherlich wie ein roter Faden durch mein Werk – aber das Stück "The Shape, the Scent, the Feel of Things" zum Beispiel, das ich hier in Berlin zeigen werde, handelt nicht vom Feminismus.

Wovon handelt es?


Es geht um den Kunsthistoriker Aby Warburg. Der hatte Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika Rituale der Hopis gesehen und sie Jahrzehnte später zum Thema eines Vortrags gemacht, den er vor seinen Ärzten in einem Schweizer Sanatorium hielt, wo er sich von einem Nervenzusammenbruch erholte. Ich selbst habe in den sechziger Jahren auch mal einen so genannten Schlangentanz bei den Hopi gesehen, was mich sehr beeindruckt hat – so wie mich Warburgs Vortrag bewegt hat. Das Stück handelt nun davon, wie ich sozusagen über den Umweg der Warburg-Lektion in diese Erfahrung aus den Sechzigern wieder hineintrete.

Sind Sie selbst als Akteurin zu sehen?


Ja. Ich habe es von Anfang an genossen, Akteurin meiner Performances zu sein. Vielleicht muss ich mich irgendwann zurückziehen, aber noch bin ich froh, dass ich auf der Bühne stehen kann.

Das Genre der Performance ist heute durchgesetzt. Ist es heute einfacher für Sie als früher?


Nein. Ich werde zwar häufiger eingeladen, ich kann kompliziertere Arbeiten realisieren und bin sehr dankbar für all die Unterstützung, die ich bekomme. Ich bin froh, dass ich noch arbeiten kann, in meinem Alter. Aber einfacher ist es deswegen nicht. Ich arbeite härter als früher. Es ist eine große Anstrengung, eine Arbeit zu schaffen, die funktioniert, die interessant ist, die bedeutsam ist und innovativ. Außerdem: Für mich ist nichts jemals einfach.

"In Transit 08 – Singularities | Einmaligkeiten. Performing Arts Festival"

Termin: 11. Juni bis 21. Juni. Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Die Performance von Joan Jonas, "The Shape, The Scent, The Feel of Things", findet am 11.6., 12.06., 13.06., und 14.06. jeweils um 20 Uhr statt.
http://www.hkw.de/de/programm2008/intransit08/_intransit08/intransit08_detail.php