Schmerz - Ausstellung in Berlin

Dumpf, pochend, stechend, stark

„Schmerz“ – so lautet der knappe Titel der Ausstellung, für die sich der Hamburger Bahnhof und das benachbarte Medizinhistorische Museum der Charité erstmals zusammengetan haben.
Hamburger Bahnhof und Charité –:widmen sich dem Thema Schmerz

Verstümmeltes Pferd vor eigelegten Organen: Berlinde de Bruyckeres "Speechless Grey Horse" (2004).

Es ist ein ehrgeiziges Unterfangen, wie man es von beiden Häusern noch nicht kannte: Mit der gleichberechtigten Präsentation von rund 100 Exponaten aus Kunst und Wissenschaft nähert sich die Schau dem schwer zu fassenden Phänomen, das am stärksten doch in seiner eigenen, dumpf-pochenden, stechenden, brennenden Sprache spricht.

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Strecken Teaser

Die Ausbeute der Recherche in den eigenen Depots, in medizinhistorischen Archiven und anderen öffentlichen, privaten und firmeneigenen Sammlungen, erweist sich als beachtlich und muss wohl eher als das Ergebnis schwieriger Auslesearbeit begriffen werden. Denn vieles – das zeigt die Ausstellung – hat mit Schmerz zu tun: Da ist die christliche Ikonografie und ihre zentrale Metapher des gemarterten Körpers, welche ganz am Anfang des Rundgangs im Hamburger Bahnhof steht. Den Mittelteil bestimmen die mannigfaltigen schmerzgeprägten Beziehungen, die der Mensch von Geburt an mit seiner Umwelt eingehen muss, um sich in der Gesellschaft zu behaupten. Am Ende geht es im Medizinhistorischen Museum der Charité um die schmerzzentrierte Kultur des medizinischen und pharmakologischen Sektors, die sich in Patientenbriefen, der Pilleninstallation der Künstlergruppe Pharmacopoeia und vor allem in den historischen Organpräparaten der eindrucksvollen Sammlung des Ausnahmemediziners Rudolf Virchow zeigt.

Und auch wenn die Ausstellungskuratoren Annemarie Hürlimann und Daniel Tyradellis von der „Praxis für Ausstellungen und Theorie“ und die Museumschefs Eugen Blume (Hamburger Bahnhof) und Thomas Schnalke (Medizinhistorisches Museum der Charité) ihr Thema mehr didaktisch als poetisch interpretieren: Die schönen und überraschenden Momente finden sich dort, wo die Ausstellung ihr thematisches Korsett sprengt und Arbeiten zeigt, die sich auf den ersten Blick nicht ohne weiteres an die Themenleiste nageln lassen. Dazu gehört etwa die Videoarbeit „Brontosaurus“ (1995) von Sam Taylor-Wood, in welcher eine sehnige Männergestalt zur Musik von Samuel Barbers „Adagio for Strings“ in Zeitlupe eine höchst grazile wie verletzlich wirkende Choreografie zwischen Techno und Ballett vollführt. Oder die kabinettartige Installation „Cell VII“ (1998) der französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois, die in ihrer architektonischen Form Assoziationen auslöst, vor allem in Richtung der mit Schmerz verbundenen Ängste und Zwänge.

Es sind dann auch solche Werke, die das fragile Gleichgewicht der Ausstellung zwischen Kunst und Wissenschaft retten: Fast schien es so, als könne selbst das Francis-Bacon-Triptychon nichts gegen den matten Glanz der zu Hunderten aufgereihten medizinischen Instrumente und den schönen Grusel pathologischer Feuchtpräparate ausrichten.

Info

Die Ausstellung "Schmerz" läuft noch bis zum 5. August

im Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwart
Invalidenstraße 50–51 · 10557 Berlin
Telefon (+49 30) 397834-11
Fax (+49 30) 397834-13
E-Mail hbf@smb.spk-berlin.de

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