Hubschrauberkunst - Interview

Hubschrauberkunst ist nicht aufzuhalten

Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz: Ob Skulptur Projekte, MoMA oder Versailles – dort, wo die Kunst die Massen anlockt, stößt man immer wieder auf Helikopter. Das Fluggerät ist in der Gegenwartskunst omnipräsent. art sprach mit dem Berliner Autor und Hubschrauber-Forscher Heinrich Dubel über die Gemeinsamkeiten von Leonardo da Vinci, einer toten Kuh über Berlin und der Kunst des Critical Art Ensembles auf der Documenta 13 in Kassel.

Herr Dubel, einen Tag vor der Eröffnung ging die documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev mit einem Hubschrauber in die Luft, um die Schere zwischen arm und reich zu erfahren.

Das ganze war eine Kunstaktion der Gruppe Critical Art Ensemble. Was macht den Helikopter für diese Art von Kunst so attraktiv?

Heinrich Dubel: Nicht nur erlaubt der Hubschrauber überhaupt erst, die Dimension des Reichtums zu überschauen, also die Schere zwischen Arm und Reich, die in der Installation dargestellt wurde, visuell zu erfassen, von einer erhöhten Warte aus. Nein, die erhöhte Warte, das Über-den-Dingen-stehen, die – im Wortsinn – Erhabenheit, auch Abgehobenheit, das sind Erfahrungen, die der Normalsterbliche gewöhnlich nicht kennt, die in der Sphäre des Reichtums jedoch alltäglich sind.

Anwohner beschwerten sich über die Documenta-Helikopterkunst in einem lokalen Anzeigenblatt: Dadurch würden nur "unnötig viele Schadstoffe freigesetzt" und "wir Bürger durch diesen wahnsinnigen Lärm geschädigt". Ist der Hubschrauber tatsächlich für die Kunst geeignet?

Sicher, den ganzen Tag Hubschrauberlärm vor der Haustür ist nicht unbedingt angenehm. Andererseits sagt die Beschwerde ja schon, was fehlt: Kunstverständnis. Schade, dass der Anwohner nicht rübergekommen und an einem Flug teilgenommen hat. Vielleicht hätte er die Kunst ja mit anderen Ohren gehört. Ich denke nicht, dass der Hubschrauber als Element der Aktionskunst gefährdet ist. Solange jemand solche Flüge finanziert, die benötigten Genehmigungen vorliegen und ein Pilot bereit ist, das Steuer zu übernehmen, ist die Hubschrauberkunst kaum aufzuhalten.

Was war das erste Helikopter-Kunstwerk, dem sie begegnet sind?

Die erste Arbeit, die ich als Helikopter-Kunstwerk wahrgenommen habe, war "Kite" von Robert Rauschenberg. Da geht es um die militärische Einmischung der Vereinigten Staaten in die Angelegenheiten anderer Länder. Neben das US-Wappentier setzt Rauschenberg einen Vertol H-21. Ich war fasziniert davon, wie spielerisch es Rauschenberg gelang, das Hubschrauberimage aufzuladen mit so unterschiedlichen Zuschreibungen wie Angst, Bedrohung, Patriotismus.

Das war also Kritik am Militarismus. Verkommt der Helikopter in der Gegenwart zum Kunstspektakel-Instrument?

Das hat er eigentlich schon hinter sich, wenn man Musikvideos als Kunsterzeugnisse betrachten möchte. In den 1990er Jahren gab es kaum ein Musikvideo, in dem es millionenschweren Rappern noch ausreichte, ein halbes Dutzend Luxuslimousinen aufzufahren. Es musste immer auch ein Hubschrauber dabeisein. Das reflektierte eine Tendenz, die in der sozialen Wirklichkeit zu beobachten war, wo derjenige, der es sich leisten könnte, nicht mehr mit dem Auto aufs Land fuhr, sondern den Hubschrauber nahm. Was man auch als Präambel zu der Hubschrauberaktion des Critical Arts Ensemble lesen kann.

Sie beschäftigen sich seit den achtziger Jahren mit der Technik- und Kulturgeschichte des Hubschraubers – inwiefern lassen sich in der Kunst verschiedene Ansätze im Umgang mit dem Gerät unterscheiden?

Zunächst ist der Hubschrauber selbstverständlich Motiv. Das kann politisch-emblematisch aufgeladen werden, wie bei Rauschenberg. In Deutschland hat Wolf Vostell Ähnliches gemacht, mit dem Hubschrauber als Chiffre für die US-Kriegsmaschine gegen Vietnamkrieg und Militarismus gemalt. Das geht bis heute so weiter. Allerdings kann das Hubschraubermotiv auch ganz anders aufgeladen werden.

Eine fantastische Zeichnung von Sabine Moritz, die an das Leitmotiv des allsehenden Jägers aus Joseph Loseys "Figures in a Landscape" erinnert, war gerade für den Faber-Castell-Preis nominiert. Da sehe ich Vereinzelung, Flucht, das Ausgeliefertsein. Es sind so viele bildende Künstler, bei denen sich das Motiv findet, unmöglich, die jetzt alle aufzuzählen. Vielleicht noch etwas zu Christiane Baumgartner. Sie hat eine schöne Maschine, die von einem New Yorker Heliport aus startet, in einem Holzschnitt verarbeitet. Hier kontrastiert das Motiv, der ultramoderne Helikopter, mit einer "veralteten", jedoch innovativ verwendeten Technik, eben dem Holzschnitt. Die Spannung, die das erzeugt, ist außerordentlich.

Der Helikopter bietet sich doch sicher auch für Skulptur und Installationskunst an?

Natürlich. Michael Sailsdorfer hat vor dem Marta Herford einen alten russischen Hubschrauber auf ein Podest gestellt und die Arbeit "Hoher Besuch" genannt. Und nicht nur dort. Überall, wo er kann, stellt er einen lackierten Hubschrauber auf und nennt die Skulptur "Hoher Besuch". Paola Pivi ist mit ihrer Idee, dem Mozart in Salzburg einen Westland Wessex vor die Füße zu legen, am Widerstand der Bürger gescheitert. Leider. Im Moment steht eine spektakuläre Arbeit von Joana Vasconcelos, ein mit Blattgold und Straußenfedern veredelter Bell 47, im Schloss in Versailles, auch wieder ein Kommentar auf die Maschine als Luxusobjekt. Dann der hölzerne Helikopter in Vreden, der, angetrieben von einem Wassermühlrad, die Art und Weise kritisiert, in der historisierende Nachbauten – in diesem Fall die Wassermühle – Geschichtlichkeit vortäuschen. Dann hängt im MoMA eine Bell 47. Das war der erste privat lizensierte Hubschrauber nach dem Zweiten Weltkrieg und lange Jahrzehnte der meistproduzierte Hubschrauber. Sein Erfinder Arthur Young war Mathematiker, Poet und Künstler. Das geht in die Richtung, die Maschine selbst bereits als das Kunstwerk zu sehen.

Finden sie das berechtigt?

Immerhin stammt das Wort Helikopter von Leonardo da Vinci. Die Skulptur kann allerdings auch ein kinetischer, nichtfliegende Hubschrauber sein, wie etwa Panameronkos Gummihubschrauber. In Österreich baut ein junger Künstler namens David Moises all die kleinen Hubschrauber nach, die die Amerikaner in den 1960ern zu entwickeln versucht haben. In diesen Arbeiten ist der Hubschrauber immer konkret und abstrakt zugleich. Er repräsentiert einen Gegensatz, der im auch im Alltag, also in seiner physikalischen Existenz, innewohnt. Der Hubschrauber will nicht fliegen, heißt es, er will auseinanderfliegen.

Fehlt nur die Aktionskunst ...

Tatsächlich wird auch der echte, aktive, also der fliegende Hubschrauber Teil von Kunstwerken. Arbeiten oder Aktionen, die im Gedächtnis bleiben, in denen der fliegende Hubschrauber Teil eines Gesamtkunstwerkes war, sind Ayse Erkmens Skulpturenflüge in Münster, HA Schults Opelspektakel in Köln oder Flatz, der – inspiriert von seinen Jugenderinnerungen – eine tote Kuh über einer Baustelle in Berlin abwirft.

Die Flatz-Kuh, 2001 abgeworfen über dem Prenzlauer Berg, rief nur geteilte Begeisterung hervor. Wie war ihre Haltung zu der Aktion?

Dem Konzept gegenüber war ich offen, das stimmte. Und ich freute mich auf eine Kunstaktion mit Hubschrauber gleich bei mir um die Ecke. Die Umsetzung fand ich dann weniger gelungen. Etwas schlampig sogar. Das Spektakel löste einfach nicht das Versprechen einer Bildgewalt ein, dass der Künstler gegeben hatte und das eigentlich auch von den wochenlangen Attacken der Boulevardpresse mit befördert wurde. Die Fotomontagen in den Zeitungen, die gegen die Aktion polemisierten, waren nachher die bessere Kunst.

Heinrich Dubels Hubschrauberblog:

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Das Buch
http://helikopterhysteriezwo.blogspot.de/

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