Jan Grarup - Kriegsfotografie

Natürlich könnte ich jederzeit erschossen werden

Er war in Belfast und in Ramallah, im Kosovo und in Ruanda – seit zwanzig Jahren fotografiert der 1968 geborene Däne in Kriegs- und Krisengebieten. Für seine einfühlsamen und virtuosen Fotoreportagen, die das Leben der Opfer und Flüchtlinge festhalten, gewann Jan Grarup zahlreiche internationale Preise, wie den "World Press Award" oder das "Unicef Foto des Jahres". Für sein neues Projekt "Darfur – A Silent Genocide" dokumentiert Grarup seit vier Jahren die blutigen Unruhen im sudanesischen Darfur. Sandra Danicke hat den Fotografen in London getroffen – und art präsentiert exklusiv erste Bilder aus dem im Herbst erscheinenden Bildband.
"Natürlich könnte ich jederzeit erschossen werden":Das art-Interview

Aus: Jan Grarup, "Darfur – A Silent Genocide".

Herr Grarup, Sie kommen gerade aus dem östlichen Tschad, wo sich eine Vielzahl von Flüchtlingen aus dem Sudan aufhält. Was war der Grund für die Reise?

Das ist ein Projekt, an dem ich mittlerweile seit mehr als vier Jahren arbeite. In Darfur kämpfen die sudanesischen Regierungstruppen und die Dschandschaweed-Milizen gegen die Rebellentruppen der sudanesischen Befreiungsarmee. Im Zuge dessen haben die Regierungstruppen systematisch Zivilisten ermordet und Dörfer niedergebrannt. Das ist ethnische Säuberung im ganz großen Stil. Als ich Ende 2003 zum ersten Mal nach Darfur kam, war das für mich ein ziemlicher Schock. Ich, meine, ich arbeite jetzt seit zirka zwanzig Jahren als Konfliktfotograf und dachte, ich würde dort etwas zu sehen bekommen, das ich schon gesehen habe. Doch das, was mich dort erwartet hat, war anders.

Inwiefern?

Man kann sich die Masse der Flüchtlinge und ihre Lebensumstände kaum vorstellen. Jenseits der großen Flüchtlingscamps gibt es Hundertausende Menschen ohne Wasser, Essen, ohne jegliche Versorgung. Das sind Orte, zu denen die Hilfsorganisationen keinen Zugang haben.

Weshalb sind Sie dann nicht in den Sudan, sondern in den Tschad gereist?

Vor zwei Jahren haben die Sudanesen aufgehört mir Visa zu geben. Dann habe ich die Strategie geändert und bin statt dessen in den Tschad geflogen, wo es auch ein riesiges Flüchtlingscamp gibt, und bin von dort illegal über die Grenze gegangen. Das habe ich inzwischen achtmal getan. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich der Krieg allerdings über die Grenze ausgebreitet. Das hat eine ziemlich seltsame Situation geschaffen: Es gibt an die 300 000 sudanesische Flüchtlinge in der Grenzregion, und jetzt gibt es zusätzlich mehr als 150 000 Tschad-Flüchtlinge, die hier genauso angegriffen werden wie in Darfur, wo sich insgesamt mehr als eine Million Vertriebene aufhalten. Und was mich wirklich anwidert an der ganzen Geschichte, ist, dass die Vereinten Nationen überhaupt nichts tun. Wir wären in der Lage, das ziemlich schnell zu beenden, wenn die Russen und die Chinesen das nicht blockieren würden. Ich weiß natürlich, warum wir nichts tun, weil wir, die westliche Welt, überhaupt keine ökonomischen Interessen in dem Gebiet haben. China wiederum kauft das Öl und Russland verkauft Waffen.

Sie fotografieren keine Kampfhandlungen, sondern das Schicksal der Zivilbevölkerung.

Mir geht es ja um die Lebensumstände der Menschen. Zum Beispiel diese Frau, der man den ganzen Rücken zerfetzt hat, weil ihre Tochter mit einem Rebellen weggelaufen ist. So etwas sieht man da ständig. Leute, denen die Augen mit Bajonetten ausgestochen wurden, Kinder, die vergewaltigt und zusammengeschlagen wurden, Kinder, die man lebendig ins Feuer geworfen hat. Ich meine, das ist wirklich so schrecklich. Und ich verstehe nicht, dass so etwas so lange weitergehen kann.

Wie gehen Sie mit all dem um? Haben Sie nicht manchmal genug von all dem Leid?

Natürlich habe ich genug davon. Ich war nach dem letzten Besuch einen Monat lang krank. Aber es gibt noch so viele Geschichten, die erzählt werden müssen. Wut ist ein sehr guter Antrieb, und ich fände mich feige, wenn ich jetzt aufhören würde.

Warum haben Sie überhaupt angefangen in Krisengebieten zu fotografieren?

Durch Zufall. Damals war ich in Nordirland, und als ich sah, was da los war, wollte ich es dokumentieren. Dann ging ich nach Rumänien, wegen der Revolution dort, und dann ging es immer so weiter. Wenn man erst einmal involviert bist, kann man nicht mehr zurück. Man macht die Erfahrung, dass es wirklich wichtig ist, diese Geschichten nach außen zu tragen.

Hat sich Ihre Arbeit in all den Jahren verändert?

Allerdings. Ich glaube, am Anfang waren meine Bilder sehr oberflächlich und nicht wirklich wichtig, aber je mehr ich involviert war und persönliche Kontakte hatte, desto tiefer konnte ich in die Geschichten eintauchen.

Was meinen Sie mit oberflächlich?

Als ich in Ruanda war, habe ich unheimlich viele Aufnahmen gemacht, von Leuten, die abgeschlachtet wurden und Flüchtlingen. Die Aufnahmen haben vor allem den Völkermord gezeigt und die ganzen Opfer. Aber sie hatten nicht dieses … Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll … Ich wollte einfach etwas mehr zeigen. Ich wünschte, viel mehr Fotografen und Journalisten würden nach Darfur gehen, obwohl es wirklich schwierig ist. In vielerlei Hinsicht ist es nicht gerade ein sexy Konflikt.

Ein sexy Konflikt?

Ich meine, es gibt viele Orte, die aufregender sind. Afghanistan zum Beispiel. Wenn du momentan 15 Fotografen fragen würdest, wo sie am liebsten hinwollen, würden 13 davon Afghanistan sagen. In Darfur zu sein ist richtig scheiße. Es ist extrem schwierig, dort zu arbeiten. Man muss viele Risiken eingehen, man wird krank, es kann sein, dass man drei Wochen lang kein einziges Bild macht, es hängt alles davon ab, ob man der Lage ist Zugang zu den Gegenden zu kriegen, die sehr abgelegen sind. Man muss schon sehr fixiert sein.

Wie gehen Sie vor? Gehen Sie zu den Leuten hin und fragen "darf ich ein Foto von Ihnen machen?"?

Ich lebe einfach eine zeitlang mit denen, und gucke mir an, wie ihr Leben so ist. Ich lasse mich mit einem Helikopter in einem möglichst abgeschiedenen Dorf absetzen, und habe eine Vereinbarung, dass man mich zwei Wochen später wieder abholt.

Und wie reagieren die Menschen auf Sie? Verstehen die, was Sie da wollen?

Nein. Ich halte mich auch nicht lange damit auf zu erklären, was ich da tue. Ich zeige ihnen ein paar Fotos, die ich anderswo gemacht habe, aber ich erkläre die nicht groß. Die ersten drei Tage lang finden einen die Leute dort total interessant. Danach kümmern sie sich nicht mehr um einen, und man kann anfangen zu arbeiten.

Und wie versorgen Sie sich?

Ich trinke das gleiche Scheißwasser wie alle anderen. Deshalb werde ich auch ständig krank.

Gab es auch Situationen, in denen Sie sich nicht in der Lage fühlten zu fotografieren?

Oh ja! Zum Beispiel letztes Mal, da war dieses Kind, das in einem Zelt verbrannt ist, einfach deshalb, weil es in der Wüste kalt und windig ist, und die Menschen Feuer machen, um sich warm zu halten. Da habe ich denen mein Auto gegeben, um den Jungen ins Krankenhaus zu fahren. Er ist kurz darauf gestorben. Natürlich bin ich involviert. Für mich ist das ja eine persönliche Sache, und ich versuche zu tun, was ich kann. Das Beste, was ich für diese Leute tun kann, ist Fotos machen und sie in London oder Paris oder sonst wo in der Welt zu zeigen.

Viele Ihrer Bilder sind extrem ästhetisch oder sogar poetisch. Ist das nicht ein Widerspruch zu dem, was Sie sehen?

Die Sache ist die: Ich könnte diese Dinge auf eine Art fotografieren, die so grausam ist, dass niemand sie ansehen wollte. Ich verwende Ästhetik, damit Leute sich das angucken. Wenn man einmal ihr Interesse erweckt hat, dann können sie besser mit dem Fakt leben, dass einige Bilder ziemlich grausam sind. Was das angeht, ist einer meiner Helden der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado.

Halten Sie Ihre eigenen Bilder für Kunst?

Nein.

Andere tun das aber.

Klar, es gibt eine Menge Sammler, die das kaufen. Aber ich halte es nicht für Kunst. Für mich ist es Dokumentation.

Wie lebt Ihre Familie mit Ihrem Beruf?

Ich habe drei kleine Kinder zu Hause, und meine Familie ist mir sehr wichtig. Die sind das gewöhnt. Natürlich beschweren die sich, dass ich so viel weg bin. Wenn ich zurückkomme, zeige ich denen die Bilder und erkläre ihnen alles. Sie sollen lernen, dass die Welt wirklich wahnsinnig groß ist und die Dinge nicht überall gleich laufen.

Glauben Sie, Sie werden diese Arbeit noch sehr lange machen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das für den Rest meines Lebens tun werde.

Wie gefährlich ist das eigentlich?

Sehr. Wenn sie mich illegal erwischen, werfen sie mich sofort ins Gefängnis. Da wird überall gekämpft. Natürlich könnte ich auch jederzeit erschossen werden.

Machen Sie sich das klar?

Sicher. Wenn man sich nicht mehr permanent der Gefahr bewusst ist, sollte man aufhören. Denn dann würde man es nicht überleben.

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