Alicja Kwade - Förderpreis für Skulptur

Kritik durch minimale Merkmale

Mit 29 Jahren hat Alicja Kwade den diesjährigen Piepenbrock-Förderpreis für Skulptur gewonnen. Ihren ersten Kunstpreis bekam sie bereits im vergangenen Jahr – allerdings für ihre Fotografien. Die in Polen geborene Künstlerin arbeitet in Berlin. Sie hat viele Fragen an und über die Welt und verarbeitet diese in ihren Skulpturen, Fografien und Videoarbeiten. Im art-Interview erklärt sie, wieso es momentan einfach ist, Kunst zu machen und wieso man trotzdem aufpassen muss, nicht einfach ausgetauscht zu werden.
"Staunen inspiriert mich":Alicja Kwade über Eltern, Erfolg und Europaletten

Alicja Kwades "Kohle (Union 666)", 2008, besteht aus Kohlebriketts und Blattgold

Frau Kwade, erinnern Sie sich noch daran, warum Sie Kunst studieren wollten?


Alicja Kwade: Das klingt jetzt zwar ganz klassisch, aber mein Vater hatte früher eine Galerie. Deshalb bin ich schon früh mit Kunst konfrontiert worden und wurde fast schon dazu getrimmt permanent zu zeichnen. Nach dem Abitur wollte ich dann unbedingt in eine große Stadt. Ich habe kurz zwischen Design und Kunst gezögert – aber eigentlich war der Entschluss von Anfang an klar.

Aber es war schon Ihr eigener Wunsch?


Absolut. Meine Eltern wollten mich eher dazu überreden, Lehramt oder Architektur zu studieren.

Sie waren Meisterschülerin in einer Bildhauerklasse, arbeiten aber auch mit vielen anderen Medien, wie Fotografie oder Film? Warum wollen Sie sich nicht festlegen?


Im Grunde gehe ich von einer Idee aus, die mich fasziniert, und versuche dann die klarste Lösung zu finden. Eine Fotografie ist nicht nur eine Fotografie, sie kann auch durchaus eine Skulptur sein – auch ein Video kann eine Skulptur sein. Das lässt sich nicht so leicht abgrenzen, und es ist mir auch nicht wichtig.

Sie arbeiten viel mit Fundstücken. Was fasziniert Sie an Alltagsgegenständen?


Es gibt schon wahnsinnig viele tolle Erfindungen, man muss sie nur finden und neu sortieren oder leicht verändern. Fundstücke haben schon eine eigene Geschichte. Bei den Uhren, mit denen ich arbeite, versuche ich oft die Gebrauchspuren beizubehalten. Man sieht eindeutig, welche in den zwanziger oder in den fünfziger Jahren modern waren. Es sagt auch viel über die Zeit aus, in der sie entstanden sind.

Ihre Arbeit "Palette" ist eine alte Europalette, die in neuem Glanz erstrahlt. Wie kam es zu dieser Idee?


Das war ein glücklicher Zufall. Bei einem gemeinsamen Einkaufsausflug entdeckte mein Vater die Palette und dass sie aus Mahagoni war. Wir haben sie dann zusammen nach Hause geschleift und überlegt, was man damit machen kann. Dann kam uns die Idee, sie zu restaurieren.

Jetzt haben Sie den "Piepenbrock Förderpreis für Skulptur 2008" gewonnen. Ein Teil des Preises ist eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin. Wie fühlt sich das an?


Gut! Der Raum mit seinen ungefähr 960 Quadratmetern ist riesig. Ich hatte zunächst richtig Angst davor, weil ich noch nie in so einem großen Raum ausgestellt habe. Für meine Arbeiten ist das aber großartig, weil man jeder einzelnen ihre Aura lassen kann. Außerdem hat man natürlich einen größeren Fokus: Viel mehr Menschen sehen meine Arbeit, die ich sonst gar nicht erreichen würde.

In der Jury saß auch Ihre Professorin Frau Christiane Möbus, bleibt da ein schales Gefühl zurück?


Gar nicht. Das war eher ein total witziger Zufall. Sie war vorher noch nie in dieser Jury. Als mein Name fiel, fand sie das toll und hat dann auch für mich gestimmt – die Nominierten wurden aber in keinster Weise von ihr initiiert. Da kann ich also ein reines Gewissen haben.

Mit dem Preis ist auch eine Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin (UdK) verbunden. Was planen Sie? Und was können Sie besser als Ihre eigenen Professoren?


Ich habe mich noch nicht damit auseinandergesetzt. Mein Alter ist natürlich ein Vorteil. Ich bin 29 und die Studenten sind um die 25 Jahre alt. Der Abstand zwischen uns ist wesentlich geringer als zu den anderen Professoren. Ich habe die Universität erst vor drei Jahren verlassen, und dadurch sind für mich die ganzen Probleme, die man beim Einstieg in den Kunstbetrieb hat, besser nachvollziehbar.

Wenige Künstler schaffen diesen Einstieg – und noch weniger können von ihrer Kunst leben. Wie schwer ist es wirklich?


Ich sehe das gar nicht pessimistisch. Wenn man mit dem Studium beginnt, gibt es da 45 Leute – und von denen selektieren sich schon während der ersten Semester zwei Drittel heraus. Am Ende bleiben die übrig, die sich wirklich dahinter klemmen. Klar, es ist totales Engagement nötig und Risikobereitschaft. Aber ich kenne viele, die – zwar mehr schlecht als recht – durchkommen.

Ist ein Kunststudium eigentlich heute überhaupt noch zeitgemäß um Künstler zu werden?


Es ist gut zu studieren. Ich glaube aber nicht, dass es nötig ist das Studium abzuschließen oder fünf Jahre zu studieren. Man kann auch nur ein oder zwei Jahre studieren, das kommt auf die persönliche Reife an. Wichtig finde ich auf jeden Fall den Austausch mit den anderen Studenten. Was man von Professoren lernt, ist eine Strukturierung der Gedanken. Man muss sich selbst klar machen, was man möchte, bevor man es anderen antut. Aber die Praxis, einfachste Dinge wie: Wo kann ich etwas machen lassen? Wo krieg ich Material billiger her? Wo gibt es Geld für ein Projekt? Welche Galerie ist gut und welche schlecht? All diese tausend kleinen Fragen werden dann doch eher von Freunden beantwortet.

Gab es Momente, in denen Sie sich gewünscht hätten, etwas anderes studiert zu haben?


Nein, nie! Momentan hat man aber echt Glück, weil jetzt der Kunstmarkt so groß ist. Verblüffenderweise überleben auch viele kleinere Galerien, und es wird viel gekauft. Aber auch wenn es jetzt gerade einfach ist, ist das Geschäft kurzlebig. Man ist austauschbar.

Wie findet man da seinen Platz? Was tut man gegen die Austauschbarkeit?


Eine Auseinandersetzung damit bringt nichts. Man muss einfach an sich glauben und machen und sich nicht von äußeren Einflüssen oder Moden irritieren lassen. Das Schlimmste ist, wenn man auf eine Welle aufspringt, weil es gerade gut läuft. Denn wenn die Welle vorbei ist, ist man auch Geschichte.

Ist es ein gutes Gefühl, von der Kunst leben zu können?


Klar, ich habe bis November letzten Jahres nebenher gejobbt, da ist das jetzt schon ein anderes Gefühl. Man hat den Kopf frei für das, was man eigentlich tun möchte.

Ihr Werk "Bordsteinbrillianten" zeigt normale Straßenkiesel, die wie Diamanten bearbeitet wurden. Worum ging es bei dieser Arbeit und woran üben Sie Kritik?


Ich erhebe nicht gerne den Zeigefinger, aber sicher – es ist schon kritisch zu sehen. Für mich geht es dabei nicht um den Veredelungsprozess, es geht darum, diese komischen gemeinsamen Vereinbarungen zu betrachten, die es auf der Welt gibt. Güter wie Diamanten oder Gold dienen in keinster Weise dem Überleben, sondern funktionieren wirklich nur durch ihre Äußerlichkeit und Rarität. Es ist so abstrus, welchen materiellen Wert so etwas hat. Ich drücke meine Verwunderung darüber aus, dass diese Zustände so reibungslos funktionieren.

Sollten junge Künstler kritisch sein?


Sie sollten nicht kritisch sein wollen – das ist das Tödliche. Mit Absicht kritische oder politische Kunst zu machen, finde ich immer schwierig, weil die oft nur das wiederholt, was man schon aus den Medien kennt. Man kann auch durch minimale oder formale Merkmale kritisch sein. Außerdem kann man auch sehr gute und für die Menschheit wichtige Kunst machen, ohne kritisch zu sein.

Was inspiriert Sie?


Ein Staunen. Ich lese viele unterschiedliche Bücher, die sich mit Wissenschaft beschäftigen, mit Phänomenen, mit allem, was es auf der Welt gibt. Das Staunen und die Hilflosigkeit, die ich gegenüber diesen Zuständen und der Unerklärlichkeit des Ganzen habe, inspirieren mich.

"Alicja Kwade – Von Explosionen zu Ikonen"

Termin: bis 24. August, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin.
http://www.hamburgerbahnhof.de/

Mehr zum Thema im Internet