Ceal Floyer - Berlin

Bonsaibaum mit Falltür

Ceal Floyer lässt Filzstifte auslaufen, sammelt beschriebene Zettel und nimmt die Spaziergangmetapher von Paul Klee wortwörtlich: Neue Arbeiten der britischen Konzeptkünstlerin in einer großen Einzelschau in den Berliner Kunst-Werken.

"Tinte auf Papier", "Ink on Paper", heißt ei­ne Arbeit von Ceal Floyer, die genau das zeigt: Tinte auf Papier. Eine branchenübliche Materialangabe, die die in Berlin und London lebende Künstlerin allerdings wörtlich nimmt: Sie hat schlicht Filzstifte zu kreis­runden Flecken auslaufen lassen, die sie im Ausstellungsraum nach Farben geordnet demonstrativ nebeneinander hängt.

"Pen on Paper", eine wandfüllende Installation, die Floyer, 41, nun neben weiteren neuen Arbeiten in den Berliner Kunst-Werken zeigt, führt den Ansatz von "Ink on Paper" mit einer neuen Wendung weiter: Sie versammelt über Jahre zusammengetragene Zettel, wie sie in Schreibwarenläden zum Ausprobieren von Stiften ausliegen. Kunden haben schnell "Hallo" oder den eigenen Namen geschrieben, kritzeln spontane Schlangenlinien und abstrakte Schraffuren hin. "Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht", hat Paul Klee gesagt – hier führen Leute massenhaft Stifte spazieren.

"Taking a Line for a 5 Minute Walk" nannte Floyer 2008 eine Arbeit, mit der sie Klees Spaziergangmetapher noch einmal wörtlich nahm: Mit einem Linienmarkierwagen fixierte sie auf dem Boden der Kunst-Werke einen fünf-minütigen Rundgangspfad. Und wie bei Klee die Linie einen "Spaziergang um seiner selbst Willen" absolviert, konstruiert Floyer mit ihren Skulpturen und Installationen selbstbezügliche Kreisläufe, mit denen sie das Denken in tautologische Zirkel schickt.

In ihrer Arbeit "Scale", für die die Künstlerin 2007 den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst erhielt, baute sie eine Treppe aus Lautsprechern, die das Allernächstliegende abspielten – Schritte auf einer Treppe nämlich. Und in "Construction" (2006) beschallte ohrenbetäubender Baulärm einen – fern jeder Baustelle – gähnend leeren Raum.
Sichtbare Dingwelt und abstrakte Vorstellungen wurden auch in "Overgrowth" (2004, derzeit bei der Venedig-Biennale zu sehen) mit einem einfachen Handgriff gegeneinander gesetzt: Für die Projektion eines Bonsaibaumes hat Floyer den Projektor so weit von der Projektionsfläche weg- gerückt, dass das künstlich klein gehaltene Bäumchen auf seine natürliche Größe angewachsen ist. Je weiter sich das Bild von seinem Ursprung entfernt hat, desto näher ist es somit paradoxerweise wieder an ihn heran gerückt. Und der Boden, den Floyer einem mit ihren auf den ersten Blick so wunderbar leicht zugänglichen Sinnfälligkeiten unterschiebt, entpuppt sich schon wieder als Falltür.

"Ceal Floyer. show"

Termin: 23. August bis 18. Oktober, Kunst-Werke Berlin
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