Heinrich Zille - Kinder der Strasse

Kinder der Strasse

Zum 150. Geburtstag des Berliner Zeichners und Malers Heinrich Zille (1858-1929) zeigen das Berliner Stadtmuseum und die Akademie der Künste seine sozialkritischen "Milljöh"-Studien. Eine Hommage.
Tagelöhner, Trinker und Ganoven:Heinrich Zille und seine "Milljöh"-Studien

"Rückenansicht", August 1901

"Nee, Zille, det kann ick nich lesen, det müssen Sie schon selber tun", soll der entnervte Max Liebermann protestiert haben, als er 1924 anlässlich der Aufnahme Heinrich Zilles in die Preußische Akademie der Künste an der Entzifferung des handschriftlich verfassten Lebenslaufs scheiterte.

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Die Zeichnungen und Druckgrafiken des 1858 geborenen Lithografen hingegen schätzte nicht nur der progressive Akademiepräsident sehr, sondern auch Künstlerkollegen und Freunde wie Käthe Kollwitz, August Gaul oder Ernst Barlach. Für einige bürgerlich-konservative Zeitgenossen war die Aufnahme des "Abort- und Schwangerschaftszeichners" in die heiligen Hallen der Akademie zwar ein Skandal, aber das juckte den ungemein populären Zeichner zu diesem Zeitpunkt nur herzlich wenig. War es doch seit jeher das Problem seiner Kritiker wie seiner Bewunderer, Zille zu eng mit seinem Gegenstand, dem sprichwörtlichen "Milljöh" zu identifizieren.

Denn die unterprivilegierten Stadtmenschen seiner Zeit waren sein Lebensthema: die schwangeren Arbeiterfrauen, die Tagelöhner, Trinker und Ganoven, die Zille in den Arbeiterbezirken beobachtete und belauschte, um sie anschließend in seinem umfangreichen zeichnerischen, grafischen und fotografischen Oeuvre zu verewigen.

Selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, verließ ihn nie die soziale Sensibilität, die seine Bilder heute zu wertvollen Zeugnissen macht. Umso mehr, als sich derzeit kaum eine andere Stadt so schwer mit ihrer Erinnerungskultur tut wie Berlin. Auch deshalb ist die Initiative des Kurators und Zille-Forschers Matthias Flügge zu begrüßen, im 150. Geburtsjahr des Berliner Ehrenbürgers am Ort seines großen Triumphs einen neuen, unnostalgischen Blick auf Zilles Werk zu werfen und seine Relevanz für die Gegenwart zu unterstreichen.

Erstmals soll im Akademiegebäude am Pariser Platz und dem Stadtmuseum im Ephraim-Palais der Versuch unternommen werden, alle von Zille verwendeten Medien miteinander in Beziehung zu setzen. Vielleicht werden so die Korrespondenzen zwischen seinen Zeichnungen, Grafiken und Fotografien deutlich. Die Schwierigkeit, Zilles Handschrift zu entziffern, bleibt aber wohl bestehen.

"Heinrich Zille – Kinder der Straße"

Vom 11. Januar bis 2. März 2008 in der Stiftung Stadtmuseum Berlin; 11. Januar bis 24. März 2008 in der Berliner Akademie der Künste. Weitere Stationen: Lindenau-Museum Altenburg, 6. April bis 8. Juni 2008; Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, 22. Juni bis 31. August 2008. Katalog: Schirmer/Mosel Verlag, 29,80 Euro.
http://www.stadtmuseum.de/