Israel - Kunstszene

Träume im Gelobten Land

Die Kunstszene Israels manövriert ständig zwischen Konflikt und Normalität. Jahrzehntelang vom Rest der Welt ignoriert, finden heute immer mehr Künstler der Region internationale Beachtung. art sprach in Tel Aviv mit Kuratoren und Galeristen und stellt sechs wichtige Gegenwartskünstler vor.
Politik und Poesie:Ein Lagebericht aus Isreals Künstlerateliers

Friedliche Besetzung: In Israel erobern junge Künstler wie Yael Bartana (hier ein Still aus dem Film "A Declaration", 2006) neues Terrain

Galit Eilat trägt eine Stofftasche der Riwaq-Biennale durch Tel Aviv. Ein unauffälliger schwarzer Beu­tel, in dem allerdings ein fundamentales politisches Bekenntnis steckt: eine Solidariätsbekundung der israelischen Kuratorin mit ihren palästinensischen Kollegen, die in Ramallah und den umliegenden Autonomiegebieten die Riwaq-Biennale organisiert haben.

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Eilat nahm als Gast teil und organisierte im Anschluss auf israelischer Seite eine Konferenz, zu der sie nun ihrerseits die Palästinenser einlud: "Rücken an Rücken" fan­den beide Veranstaltungen statt, wo eine gemeinsame Ausstellung nicht möglich war. Denn eine Solida-ritätsbe­kundung mit palästinensi­schen Künstlern mag für einen Israeli so leicht wie eine Leinentasche sein – eine offizielle Zusammenarbeit mit Israelis ist von Seiten der Palästinenser nicht gern gesehen.

So ist man bereits mitten drin im Konflikt. Dabei wollte man eigentlich von Dialogbereitschaft und Öffnung berichten. Von einer aufbruchslustigen Kunstszene, die voller Engagement auf Vernetzung und Austausch setzt, von umtriebigen Galeristen und erfindungsreichen Kuratoren. Von einer weltoffenen Stadt wie Tel Aviv, in der jeder zweite optimistisch von "Normalisierung" spricht. Zum Beispiel Ido Bar-El: "Die Produktionsbedingungen für Künstler haben sich normalisiert", sagt der Maler und Leiter der Kunstfakultät der Bezalel Kunst- und Designakademie in Jerusalem. "Und natürlich ist die junge Generation in Israel mit schweren Konflikten konfrontiert. Aber die Welt ist offener geworden – zumindest für sie." Immer liegen Konflikt und Normalisierung nah beieinander – in Israel allerdings wohl noch näher als in anderen Teilen der Welt.

Bar-El, in dessen Atelier sich heute die bemalten Leinwände stapeln, hat seine Karriere unter erschwerten Bedingungen verfolgt. "Hier gab es bis vor wenigen Jahren eine kleine, aber dichte Szene, praktisch ohne Absatzmarkt. Sie fühlte sich Europa zugehörig, hat aber nicht richtig dazugehört. Wir waren wie vom Rest der Welt entkoppelt." Als Erben eines jahrtausendealten weitgehenden jüdischen Bilderverbots, untereinander verbunden durch "Trauma, Trauer, eine gemeinsame Melancholie", aber auch schlicht durch bescheidenere finanzielle Mittel. Und so weltoffen man im Geiste auch immer gewesen sein mag, das Kunstschaffen hat sich in Israel immer und dabei oft wider Willen im bewegten Fahrwasser offizieller Politik befunden.

Der Kunstmarkt gedeiht in Tel Aviv mittlerweile wie in London, Berlin oder New York

Nicht nur ist seit Gründung des Staates vor 60 Jahren alles Leben im Land von Kämpfen bestimmt: von Israel mit seinen arabischen Nachbar­staaten, von jüdischen Siedlern mit vertriebenen Palästinensern, von einzelnen Bevölkerungsgruppen unter­einander, die hier aus aller Welt zusammengekommen sind. Mit wechselnden Regierungen haben Künstler auch das Interesse an ihrer Kunst kommen und gehen sehen. So kann Bar-El etwa von einer langfristig für 2002 geplanten Retrospektive in Skandinavien berichten: Unmittelbar nachdem eine Reihe von palästinensischen Selbstmordattentaten und israelischen Vergeltungsschlägen die Weltöffentlichkeit polarisiert hatte, wurde die Ausstellung von Seiten der Organisatoren unkommentiert wieder abgesagt.

Eine "Normalisierung der internationalen Wahrnehmung israelischer Kunst" schrieb sich daher auch Irit Mayer-Sommer aufs Programm, als sie 1998 26-jährig aus Zürich nach Tel Aviv kam. "Zeigen, dass es hier nicht nur Bomben und Politik, sondern eine eigenständige Kunstszene gibt", wollte die Enkelin eines Schweizer Kunstsammlers und eröffnete die Galerie "Sommer Contemporary". Im Erdgeschoss einer Stadtvilla am prächtigen Rothschild Boulevard gelegen, stellt sie heute eine Art Schaltzentrale für internationale Kunstkontakte dar.

Mayer-Sommer trägt die junge israelische Kunst auf alle wichtigen Messen, erschließt ihr in Zusammenarbeit mit Galerien wie Sadie Coles, Nathalie Obadia, Lehmann Maupin oder Eigen + Art viel beachtete Plattformen und neue Märkte, lädt aber auch Kunststars wie Wolfgang Tillmans oder Rineke Dijks­tra nach Tel Aviv ein, um vor Ort Projekte zu realisieren. Sie tragen ihre Bilder von Israel in die Welt zurück und helfen so, die verengte Wahrnehmung zu korrigieren. Viel zu wenige Kunstinteressenten kämen immer noch aus freien Stücken in die Stadt, beklagt Mayer-Sommer, selbst der Kuratoren-Jetset internationaler Biennalen mache nach wie vor einen Bogen um Israel: "Und wenn die kommen, dann ganz zum Schluss. Wenn sie noch ein, zwei politische Künstler brauchen."

Doch auch das Publikum vor Ort wurde in hartnäckiger Vermittlungsarbeit für die Qualitäten der lokalen Kunstproduktion sensibilisiert. Und der Kunstmarkt gedeiht in Tel Aviv mittlerweile wie in London, Berlin oder New York. Er bedient Großsamm­ler wie Amos Schocken, den Herausgeber der liberalen Zeitung "Ha’aretz", der bereits in dritter Generation seine Redaktionsräume mit kritischer israelischer Kunst ausstattet, oder auch den Unternehmer Doron Sebbag, dessen Sammlung mit internationalen Stars von Damien Hirst über Mona Hatoum bis zu Sigalit Landau glänzt. Kaufkräftige Jungsammler hat darüber hinaus auch die israelische Hightechindustrie hervorgebracht. Mit der "Fresh Paint 01" eröffnete im März in Tel Aviv eine von den wichtigsten Galerien mitgetrage­ne erste Messe für junge israelische Kunst. "Die lokale Szene", so Mayer-Sommer, "hat sich professonalisiert."

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen art-Ausgabe 5/2008.

Ausstellungen

"Real Time: Art in Israel 1998–2008", Israel Museum, Jerusalem, bis 30. August; "Eventually We’ll Die – Young Art in Israel of the Nineties", Herzliya Museum, 3. Mai bis 9. August; "Access to Israel I & II – Israelische Gegenwartskunst", Jüdisches Museum, Frankfurt/Main, 15. Mai bis 31. August (Teil 1), 11. September bis 16. November (Teil 2); "Overlapping Voices – Israeli and Palestinian Artists", Essl-Museum, Wien/Klosterneuburg, 16. Mai bis 26. Oktober; "The White City of Tel Aviv – Tel Aviv’s Modern Movement", Architekturzentrum, Wien, bis 19. Mai; "Dani Karavan – Retrospektive", Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 1. Juni
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