Rituals of Rented Island - Whitney Museum

Das ganze Leben war ein Drama

Es waren anarchische Zeiten: Die Stadt war pleite, Künstler brachen Regeln und schrieben Geschichte. Eine Ausstellung im Whitney Museum zeigt vergessene Performancekunst aus den siebziger Jahren als ein Stück New Yorker Kunstgeschichte.

"Rented Island", gemietete Insel, nannte der Performance-Künstler Jack Smith Manhattan. Whitney-Kurator Jay Sanders übernahm die Wortschöpfung des 1989 gestorbenen Künstlers für den Titel seiner Ausstellung über ein besonderes Kapitel der New Yorker Kunstgeschichte in der Zeit von 1970 bis 1980, dem bislang niemand große Beachtung geschenkt hat.

Die Stadt New York war damals pleite und fiel auseinander. Das brachliegende SoHo war das Epizentrum des Avantgarde-Theaters. Performances fanden in Privat-Lofts oder Ladenfronten statt. Jack Smith vereinte in seinem Theater künstlerische Ideen mit Privatem. Das ganze Leben war ein Drama, das Stoff für Inszenierungen lieferte. Theatermacher wie Robert Wilson und Richard Foreman brachen die Regeln. Künstler verbanden Tanz, Musik, Film, Comedy, Malerei, Objektkunst und Einflüsse wie das Fernsehen bei experimentellen Performances, die nicht nur um die eigene Psyche kreisten, sondern die verlorenen Illusionen der Hippie-Ära reflektierten und eine Reaktion auf die Ängste, Zwänge und Auswüchse der Gesellschaft waren.

Laurie Anderson trug Schlittschuhe, die in Eisklötzen steckten und schmolzen, während sie Violine spielte. Yvonne Rainer ließ autobiografische Elemente in ihre Tanzchoreografien einfließen. Michael Smith verstörte als gewickeltes Riesenbaby, Julia Heyward redete über von Gott gesandte fleißige Arbeitsbienen. Und das Kipper-Kids-
Duo ließ die Hosen runter, um mit chaotischen, gewaltvollen Performances soziale Rituale zu kommentieren. "Die Ästhetik des Theaters war keine Illustration von etwas, sondern dem Leben gleichwertig. Der Zündpunkt oder die Explosion der Situa­tion, in der wir, die Schauspieler-Gastgeber, und die Zuschauer-Gäste lebten", erklärte Stephan Balint, Mitbegründer der Gruppe Squat, die in einer Performance Ulrike Meinhof als Außerirdische, die Andy Warhol töten will, auferstehen ließ.
In den achtziger Jahren wurde SoHo kommerzialisiert. In einem Loft zu leben war zu einem Lifestyle geworden. Künstler wurden und werden heute mehr als je zuvor von Smiths Insel vertrieben. Was bleibt, sind die verborgenen Geschichten von damals, die kollektiv im Gedächtnis der Künstler abgelegt sind, so Kurator Sanders. Mit seiner liebevoll inszenierten Ausstellung beschwört er die alten anarchischen Zeiten herauf, ohne der Nostalgie zu verfallen. Sanders grub Aufführungen von 20 Künstlern aus, die er mit Filmen, Fotos, Plakaten, Notizen, Requisiten, Objekten und Nachbauten der Performance-Orte zum Leben erweckte. Einige der Künstler wurden berühmt. Die Stars der Ausstellung sind jedoch all die vergessenen Namen wie Theodora Skipitares oder Sylvia Palacios Whitman. Sanders liefert ein kleines, wildes Stück New York, das großen Einfluss auf die unaufhaltsam wachsende Kunstwelt hatte und auf das man mit Wehmut zurückblickt.

Rituals of Rented Island: New Psychodrama – Manhattan, 1970–1980

Termin: bis 2. Februar 2014, Whitney Museum of American Art, New York

Der Katalog zur Ausstellung kostet 30 Dollar.
http://whitney.org/

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