Albert Watson - Interview

Ich wurde geboren, um zu fotografieren

Er hat alle großen Film- und Rockstars, Supermodels und Präsidenten porträtiert. Albert Watsons Fotografien gingen um die Welt: Allein für die "Vogue" schuf er hunderte Titelbilder und seine Reisen von Marokko bis Las Vegas sind in zahlreichen Bildbänden verewigt. Das Düsseldorfer NRW-Forum präsentiert ab dem 21. September eine Ausstellung mit Höhepunkten aus seinem umfassenden Werk. art sprach mit dem britischen Starfotografen über seine Wurzeln, seine Wahlheimat New York, den rauhen Norden Schottlands – und Johnny Depp.

Herr Watson, wer ist Albert Watson? Und was macht Ihre Fotografie aus?

Albert Watson: Es ist sehr einfach meine Arbeit zu beschreiben und zu erklären woher sie kommt: Ich war vier Jahre auf einer Kunstschule und habe mich dort auf Grafikdesign spezialisiert. Grafikdesign ist ein wichtiges Element meiner Arbeit. Dort wurde natürlich auch Malerei und Zeichnung gelehrt, ich habe mich aber genauso mit Kunst und Kunstgeschichte beschäftigt.

Danach ging ich auf das Royal College of Art in London und machte dort einen regulären Abschluss in Grafikdesign. Meine dritte und letzte Station im Studium waren drei Jahre auf der Royal College of Art Film School. Also war ich dann auch Regisseur. Meine Arbeit lässt sich fast immer in diese Bereiche einordnen. Entweder gehört sie in den Bereich Grafikdesign oder in den Bereich Film. Ein Großteil meiner Arbeiten ist sehr unterschiedlich. In meiner Ausstellung sieht man Sanddünen in der Sahara, dann etwas aus dem Vogue-Magazin oder ein Portrait von Jack Nicholson. Diese Vielfalt entspringt meinem Filmdenken. Ein Filmemacher wie etwa Stanley Kubrick dreht einen Film wie "2001: Odyssee im Weltraum", und dann inszeniert er sein Kostüm-Epos "Barry Lyndon". Es besteht auf den ersten Blick keine Verbindung – aber natürlich gibt es sie doch.

Im Pressetext zu Ihrer Ausstellung steht, obwohl die Spannweite Ihrer Bilder sehr groß ist, sind diese eindeutig als Albert Watson Fotografien identifizierbar. Was macht diesen Watson-Stil aus?

Meine ersten vier Jahre an der Kunstschule war ich sehr stark von deutscher Kunst beeinflusst. Bei meiner Leidenschaft für Grafikdesign habe, ich die deutschen Grafiker der frühen sechziger Jahre entdeckt. Es gab zu der Zeit das bekannte Avantgarde-Magazin "Twen". Sehr gute Fotografen waren da mit eingebunden. Willy Fleckhaus machte die hervorragenden Grafiken, und Heinz Edelmann, ein brillanter Illustrator, war auch dabei. Das ist derselbe, der den Beatles-Film "Yellow Submarine" gezeichnet hat. Der deutsche Expressionismus, Egon Schiele, Otto Dix, Franz Marc, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Konstruktivismus und Elemente deutscher und russischer Helden- und Ikonenbilder – alles das hat mich wegen meines Grafikdesign-Backgrounds stark beeinflusst. Auch August Sander und wenn man weiter geht, die heutigen Fotografen, Thomas Struth und Andreas Gursky haben mich immer angezogen. In vielen meiner Bilder sieht man diese Einflüsse.

Ihre Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf heißt "Albert Watson – Best Of". Werden wir die ultimative Watson-Retrospektive sehen?

Man wird mein ultimatives Werk bis zum heutigen Tag sehen. Aber ich arbeite immer weiter! Ich bringe ein oder zwei neue Bilder ein, die ich gerade erst fertig gestellt habe und vielleicht neun oder zehn bisher noch nie gezeigte Arbeiten, zum Beispiel aus dem "Las Vegas"-Projekt. Ich habe ganz verrückte Objekte fotografiert: "Hat Blocks", die Hutmacher von etwa 1880 bis 1920 benutzt haben, um auf ihnen Hüte zu produzieren. Das sind sehr exotisch, erotisch, mittelalterlich aussehende Teile. Ich habe eine Menge von diesen "Hat Blocks" gesammelt und habe sie fotografiert. Objekte haben mich schon immer interessiert. Manchmal fotografiere ich mysteriöse Objekte, wie die Grabkleidung von Tutanchamun und Elvis Presleys berühmter goldener Anzug aus den fünfziger Jahren oder einer der NASA-Space-Anzüge, die auf dem Mond waren.

Haben Sie Leidenschaften, die Sie noch nicht realisiert haben?

Was ich sehr gerne machen würde und für das nächste Jahr plane sind – ich bin Schotte – Fotografien von Landschaften in Schottland. Unglücklicherweise haben viele schottische Fotografen die Landschaft romantisiert. Die Fotos sehen dann am Ende so aus wie Postkarten, die man nach Hause schickt.

Sie haben die schottische Landschaft und die rauen Felsformationen ja schon in jungen Jahren fotografiert. Ist dieses Projekt quasi ein Zurückkehren zu Ihren Wurzeln?

Ja, das ist es. Aber ich fühle keine bestimmte Verpflichtung. Ich empfinde den Norden Schottlands einfach als ein unglaublich schönes Land, sehr magisch, sehr leer. Das Wettergeschehen ist für mich sehr hypnotisch und wunderschön. Mir hat mal jemand gesagt, dass ich Stillleben und Landschaften deshalb so liebe, weil es mir einen Ausweg ermöglicht, nicht nur Menschen zu fotografieren. Denn das mache ich jeden Tag.

Haben Sie jemals Bilder gemacht, die Sie niemals zeigen würden?

Ich mache mir keine Gedanken darüber, irgendwelche Bilder zu zeigen oder nicht zu zeigen. Ich wäre glücklich darüber, meine Schnappschüsse zeigen zu können. Aber gerade das ist für mich schwierig geworden, weil das Auge nach so vielen Jahren sehr anspruchsvoll wird, und das kann gefährlich sein. Man hat Eleganz und Differenziertheit und Grafik im Kopf, mit denen man ein Bild einrahmt. Der positive Effekt ist, dass dieses Bild stark wirkt durch einem heroischen, ikonenhaften Touch. Der Nachteil, die Gefahr dabei ist, dass die einfache, naive Qualität verloren geht. So wird auch ein Schnappschuss oft ziemlich anspruchsvoll. Nach jahrelanger Arbeit mit der Kamera läuft man einfach Gefahr, die Spontanität zu verlieren.

Wissen Sie, wie viele Bilder sie geschossen haben?

Es sind wohl zwischen 9,5 und 10 Millionen Bilder.

Die meisten Menschen verbinden Ihren Namen mit Schönheit. Was ist "schön"?

Das, was mich getrieben hat, wofür ich meine Leidenschaft entwickelt habe, ist Fotografie als Ganzes, alles, was Fotografie bewirken kann. Schönheit ist für mich nur ein Aspekt, den ich beleuchte. Ich glaube der Erfolg meiner Arbeiten in der "Beauty-World" ruht in meiner Philosophie, Direktheit und Kommunikation, Ikonologie und Grafik zu vereinen. Schönheit ist für mich einfach etwas, das ich gelernt habe umzusetzen, das mir Spaß gemacht hat.

Video-Interview: Albert Watson

Sie haben die großen Stars fotografiert. Wer war besonders für Sie?

Jack Nicholson und Johnny Depp. Ich fand die beiden sehr einfach zu fotografieren. Johnny Depp wegen seiner Schönheit und weil er viel mehr als nur schön ist. Es gibt eine Menge schöner Männer, aber Johnny Depp hat Charisma und ist ein brillanter Schauspieler. Jack Nicholson, weil er geradezu elektrisiert und außerdem ist er extrem lustig.

Oft werden Sie über Mick Jagger befragt. War die Arbeit mit ihm wirklich so besonders?

Das Interessante bei Mick Jagger ist, dass er 50 Prozent Performer und 50 Prozent Geschäftsmann ist. Er ist sehr geschäftsorientiert. Er hat ja sogar Wirtschaft studiert. Also nimmt er das Geschäft auch sehr ernst, wenn man ihn fotografiert.

Heißt das, Mick Jagger sagt einem, wie man ihn fotografieren soll?

Nein, überhaupt nicht. Und ich hab habe ihn oft fotografiert. Er legt sich ganz in deine Hand. Er will bloß immer wissen, was bei der Geschichte heraus kommt. Wenn er kommt, will er als erstes wissen, was passiert, wie lang das Fotoshooting dauern wird, was alles involviert ist, kurzum: Alles! Keith Richards ist dagegen ganz einfach, ihm ist es gleichgültig, wie das Shooting abläuft.

Sie leben und arbeiten seit Jahrzehnten in New York. Ist New York Ihre Stadt?

Ja, ich glaube schon. New York ist eine sehr harte Stadt, die aber will, dass man sich in ihr wohl fühlt. Es ist sehr schwer sie zu verlassen. Der entscheidende Grund, warum ich New York Los Angeles vorziehe, ist, dass New York einfach viel näher an Europa ist. Jedes Mal, wenn ich zurück nach Europa komme, nach Düsseldorf, Berlin, Paris, London, Rom oder Venedig, finde ich alle diese Städte wundervoll und fühle mich dort wohl. New York ist aber einfach ein Dampfkessel und das mag ich so an der Stadt. Du fühlst dich ständig unter Druck.

Haben Sie eine Wunschliste, wen Sie unbedingt einmal in Ihrem Leben fotografieren wollen?

Es gibt immer Menschen da draußen, die interessant sind und die ich fotografieren möchte. Ich habe so viele Rockstars, Filmstars, Könige, Präsidenten und Staatsoberhäupter fotografiert. Ich bin immer auf der Suche. Aber es kann irgendjemand sein, den ich auf der Straße entdecke, es muss keine Berühmtheit sein.

Was verheißt die Zukunft für Albert Watson – Fotos, Fotos und noch mehr Fotos?

Ja, natürlich! Ich wurde geboren, um zu fotografieren.

"Albert Watson – Best Of"

Termin: 21. September bis 18. Januar 2009, NRW-Forum, Düsseldorf. Außerdem: "Albert Watson Photographien", 22. November bis 17. Januar, Camera Work, Berlin.
http://www.nrw-forum.de/index.php?f_articleId=596

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