Dieter Roth - Stuttgart

Let's kill some minutes!

Dieter Roth begnügte sich nicht mit Ölen oder Aquarellen. Seine Kunst war lebhafter - im wahrsten Sinne des Wortes. Er nutzte Schimmel und Fäulnis, um seine Werke entstehen zu lassen

Eigentlich wollen Sie über Kunst reden. Aber Dieter Roth muss "erst mal pinkeln gehen." Danach aber soll es um seine Kunst gehen, versprochen. Aber bevor die Interviewerin überhaupt eine Frage stellen kann, kommt schon die nächste Störung: "Ich leg mich mal einen Moment hin."

Die Interviews, die Dieter Roth führte, waren legendär. Er betrachtete sie selbst als Kunstaktion und manchmal zogen sich die Gespräche über Tage hin. "Unterhaltungsmusik" nannte Roth sie. Im NORD, der Außenspielstätte des Schauspiels Stuttgart, bekommt man einen ersten Eindruck davon, wie die Gespräche mit dem Mann liefen, dem der Un-Sinn so wichtig war wie der Sinn: Dieter Roth. Die Kunstwelt kennt Roth, 1930 geboren und 1998 gestorben, in erster Linie als den Schöpfer von Schokoladen- und Schimmelobjekten, bei denen Roth Motten und Fäulnis sein künstlerisches Werk vollenden ließ. Aber Dieter Roth schrieb auch zeitlebens. Er behauptete sogar, dass ihm das "Sätzebilden", wie er das Schreiben nannte, wichtiger als die Bildende Kunst sei.

"Hirnbonbon" nennt sich das Theaterstück im Stuttgarter NORD, das eintaucht in den literarischen Kosmos von Dieter Roth, der die Sprache konsequent abklopfte und durchleuchtete, um ihre Absurditäten herauszukitzeln. In amüsanten, manchmal auch penetranten Spiralen umkreist er Formulierungen und Gedanken und nimmt die Sprache dabei gern allzu wörtlich. "Let's kill some minutes", sagen die Schauspieler im NORD und schleudern energisch Tücher auf den Boden. Aber auch wenn sie die Zeit noch so vehement tot schlagen, es bleibt doch immer welche übrig.
Auf der Bühne steht eine Art Käfig, in dem sich die Möbel stapeln - in Anlehnung an Roths Arbeitsräume. Ein dampfender Misthaufen in der Bühnenmitte erinnert daran, dass Roth als Bildender Künstler kein Material zu nieder war. Er war ein besessener Sammler, der Zeitungsschnipsel, Restaurantquittungen und Zigarettenkippen aufhob, gebrauchte Filtertüten und Lebensmittelreste für seine vergänglichen Materialbilder verwendete oder Stroh und Hasenköttel zu der Kleinplastik "Karnickelköttelkarnickel" presste.

Er war ein besessener Sammler

Die Inszenierung von Christiane Pohle vermittelt allerdings wenig von dem Universalkünstler Roth, sondern konzentriert sich auf einige wenige Texte, die dann etwa von einer Schauspielerin vorgetragen werden, die wie eine Stewardess so lang in die verschiedensten Richtungen weist, bis alle Orientierung verloren ist. Die Schauspieler bewältigen die oft endlos wiederholten und nur minimal variierten Textfragmente virtuos. Sie ziehen gekonnt hinein in die irrwitzigen Erzählungen wie die von Friedemann, der plötzlich auch Friedebert, Friedrich, Fritz oder wahlweise Frida heißt und immer wieder "aus dem Büro hinaus in seine eigene Abteilung stürmt und eilt", weil es eine Explosion gegeben hat, eine "Dynamitexplosion", eine "Dynamitsprengung".

40 Bände umfassen Dieter Roths gesammelte Werke, die noch längst nicht aufgearbeitet sind. Denn auch wenn Roth sich immer bemühte, in der literarischen Welt Beachtung zu finden, wurden seine Texte bestenfalls im Kontext seiner bildnerischen Werke rezipiert, sodass es noch viel zu entdecken gibt. "Hirnbonbon" ist allerdings nicht mehr als ein Appetizer, der eine Ahnung gibt von Roths literarischen Strategien und Fantasien, die mitunter so irrwitzig sind, als seien sie im Rausch entstanden, dabei aber doch oft philosophische Tiefe besitzen. So sinniert Roth ausgiebig über das Ich, das an einem Fluss entlanggeht. Es kommt jemand entgegen, der dem Ich erst den rechten Nasenflügel abschneidet, dann das rechte Ohr und schließlich noch ein Auge. Wo aber ist das Ich jetzt? "Bin ich hier bei mir?", sinniert Dieter Roth. Oder dort drüben bei Nase, Ohr, Auge?

Hirnbonbon

Dieter Roth am Staatstheater Stuttgart
http://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/hirnbonbon/

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