Pipilotti Rist - "Pepperminta"

Videoinstallationen sind wie Gedichte, Filme sind wie Romane

Der erste Spielfim der berühmten Videokünstlerin Pipilotti Rist wird zur Zeit in ausgewählten Schweizer Kinos gezeigt
Interview:Pipilotti Rist spricht über ihren ersten Kinofilm

Pipilotti Rist

Pipilotti Rist, "Pepperminta" ist Ihr erster Kinofilm. Bisher kennen wir Sie von Video-Installationen. Was hat Sie motiviert, sich dem Kino zuzuwenden?

Zunächst einmal ist ein Kinofilm für mich auch eine Installation. Sie hat aber sehr rigide Bedingungen: Es gibt nur eine Leinwand, die Zuschauer setzen sich zur selben Zeit hin und gehen dann alle gemeinsam wieder aus dem Kino. Und sie schauen alle in dieselbe Richtung. Meine Aufgabe ist es, sie 80 Minuten beim Geschehen zu halten. Dazu brauche ich eine Dramaturgie.

"Pepperminta"-Trailer

Worin unterscheidet sich das von einer Installation?

In der Kunst weiß ich nicht, wann jemand hereinkommt und hinausgeht. Eine Installation besteht aus zwei, drei Szenen, während ich in dem Film 72 habe. Der Kunstbetrachter ist weniger an autoritäre Gesten gewohnt, dass er sich anderthalb Stunden vorschreiben lassen würde, wo er hinschauen soll. Er will eher selber bestimmen können, wie lange er ein Bild anschaut.

Worin unterscheiden sich Kino und Kunst bei der Produktion?

Um in einem Film eine Geschichte zu erzählen, brauche ich ein Team von Fachleuten, die jeden einzelnen Aspekt im Blick haben. Chris Niemeyer hat mit mir das Drehbuch geschrieben, Anders Guggisberg und Roland Widmer komponierten die Filmmusik, die auch auf einer CD vertrieben wird, Pierre Mennel ist ein sehr erfahrener Kameramann, Su Erdt ist eine engagierte Szenenbildnerin, dazu kommen noch viele weitere, die die Produktion getragen haben. Ohne sie alle wären die einzelnen Teile auseinandergefallen. In der Kunst arbeite ich dagegen mit viel bescheideneren Mitteln. Da sind auch die Budgets kleiner.

Was hat "Pepperminta" gekostet?

Das Budget liegt bei etwa 3,7 Millionen Franken. Das meiste davon wurde für Löhne ausgegeben.

Und was hat Sie gereizt, zehn Jahre lang an einem Kinofilm zu arbeiten?

Die Idee ist so alt, wirklich angefangen habe ich mit dem Film aber vor gut vier Jahren. Ich wollte mich erzählerisch und technisch entwickeln. Das Kino war für mich der einzige Weg, mich in neue Regeln zu begeben.

Pepperminta's Farbenlehre

War die Kunst für Sie ausgereizt?

Nicht ausgereizt. Ich arbeite ja weiterhin mit Begeisterung in Museen und Sammlungen. Aber die Filmsprache des Kinos ist komplexer als die der Videokunst. Letztere lebt oft von der Atmosphäre des Nichtprofessionellen, das Unabhängigkeit verströmt. Wenn man genau hinschaut, trifft das teilweise zu, teilweise ist es einfach Pseudoromantik. Künstler haben oft gar nicht die Möglichkeit zu vielschichtigen Erzählungen, weil ihnen die Ressourcen und die professionellen Mitarbeiter fehlen. In der Architektur gibt es ein ähnliches Phänomen. Da heißt es immer: Der Modernismus ist das Schönste, aber wenn wir ehrlich sind, können wir das Verschnörkelte auch gar nicht mehr bezahlen. In der Videokunst sagt man: Wir sind gegen die Narration, wir wollen nur Einzeiler verfilmen. Dabei haben wir oft gar nicht die Mittel, komplexere Geschichten zu erzählen. Ich kann als Videokünstlerin kein Filmteam engagieren. Für mich ist eine Installation wie ein Gedicht und ein Film eine Erzählung oder ein Roman.

Sind Videokünstler demnach die schlechteren Filmer?

Man kann nicht alle über einen Leisten schlagen, sondern muss jedes Werk für sich anschauen. Als Videokünstlerin muss ich meine Ideen eingrenzen auf einen bestimmten Radius. Darin kann ich dann sehr professionell sein. Wenn ich dagegen diese Grenzen nicht akzeptiere und beispielsweise eine ironische Fernsehshow machen will, bleibt das Niveau vermutlich sehr bescheiden – es sei denn, alle arbeiten gratis. Videokunst hat einfach ihren eigenen Bereich, den darf ich nicht mit dem Kino verwechseln. Und Kunst, die ironisch sein will, sollte mindestens so professionell sein, wie das, was sie ironisiert. Es gibt zweifellos tolle Videokünstlerinnen, die mich begeistern.

Ihr Film "Pepperminta" erzählt die phantastisch-märchenhafte Geschichte einer jungen Frau. Welches Anliegen verfolgen Sie damit?

Der Film hat wie viele meine Arbeiten eine exorzistische Tendenz. Mir geht es darum, Mut zu machen, den menschlichen Radius zu vergrößern, eine Flucht nach vorne anzutreten. Der Film weist darauf hin, dass die Hindernisse, die wir uns vorstellen, in Wirklichkeit meistens viel kleiner sind. Ich bin gegen Selbstzensur, ich will nicht, dass wir vorwegnehmen, was ge-nehm ist und was nicht, dass wir die Angst stark werden lassen, dass die anderen uns auslachen könnten und wir uns deshalb immer mehr einschränken.

Eine Installation kann die Dinge in der Schwebe halten, ein Film muss seine Geschichte eindeutiger erzählen. Besteht da nicht die Gefahr, dass sie zu naiv für Erwachsene wird?

In "Pepperminta" klappt nicht jedes Vorhaben der Protagonisten. Wenn es am Ende gut ausgeht, ist das auch ein Traum von der Illusion, das Leben im Griff zu haben. Das Leben mit seinen Schicksalsschlägen ist oft grausam genug. Wenn wir dichten und Kunst machen, schaffen wir uns oft einen Trost. Leid und Ungerechtigkeit kenne ich zur Genüge, die will doch nicht verdoppeln. Ich habe seit jeher bewusst darauf verzichtet, meine Kunst auf das Ungerechte und Traurige zu fokussieren. Wenn man das sehr wohl heftig existierende Glück nie zeigt, kann das auch eine Anbiederung sein. In unserer Gesellschaft wirkt es gelegentlich sogar kokett: Man zeigt dann, was für eine tiefgründige, kritische Person man ist. Das gibt es schon in durchaus gelungenen Beispielen zur Genüge, das muss ich nicht mehr machen.

Welche Wirkung soll der Film auf die Zuschauer haben?

Wenn sie ein wenig den Brustkasten öffnen, tief durchatmen und selbstbewusster in die Welt schauen, würde mich das sehr freuen.

Welche Rolle spielt das Menstruationsblut dabei, das die Hauptakteure im Film trinken, um Kraft zu gewinnen?

Blut spielt in vielen Mythen und Geschichten eine große Rolle. Wir sind leider daran gewöhnt, es vor allem im Zusammenhang mit Verletzungen zu sehen. Ich verstehe mich dagegen als Teil einer Tradition von Künstlerinnen, die Blut für eine Symbolik der Schöpfungskraft nutzen und ein neues Verständnis herbeiführen wollen.

Das hat im Film etwas Kultisches, Sakrales. Warum?

In "Pepperminta" wird ein Kult erfunden. Er ist für sich genommen nicht ganz ernst gemeint, sondern weist symbolisch darauf hin, dass die Kulte und Rituale, die wir pflegen, auch ganz anders sein könnten, dass wir frei sind, welche wir behalten und welche wir neu erfinden wollen. Es könnte ja sein, dass ein Stadtviertel Raketen steigen lässt, wenn ein Mädchen die Periode bekommt, statt nur am Nationalfeiertag. Kulte entwickeln sich. Wir gehen ins Museum und schauen Kunst an; dass sich jemand die Zeit nimmt, die Hektik des Alltags zu verlassen und vor Kunstwerken über die Welt und sich nachzudenken, ist ein Kult, der an den lebenswichtigen Sonntagsbesuch in der Kirche von früher denken lässt.

"Pepperminta"

Ein Film von Pipilotti Rist/ Musik-CD zum Film erschienen bei Scheidegger & Spieß, 29,90 Euro
http://www.pepperminta.ch/?page_id=16#at