Lyon - Biennale

Nach allen Regeln der Kunst

Die Kuratoren haben ihre globale Vernetzung genutzt und einen schlüssigen Parcours entwickelt. Dabei verleihen gerade die Verstöße gegen das kuratorische Prinzip der 9. Lyon-Biennale ihren Sinn, findet art-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel
Strippenzieher und Spielverderber:Strippenzieher und Spielverderber:

Michel Houellebecq "Le monde n'est pas un panorama", 2007, Szenenbild der Verfilmung des Romans "Die Möglichkeit einer Insel", Skulpturen von Rosemarie Trockel und Thea Djordjaze, Hintergrundbild von Rem Kolhaas

Den schönsten Moment der diesjährigen Biennale von Lyon erlebt der Besucher in einer Saalflucht des von Renzo Piano erbauten Musée d’ Art Contemporain. Mit einem Kopfhörer ausgerüstet durchläuft er mehrere nahezu leere Räume, denen der französische Choreograf Jérôme Bel jeweils ein Stück populärer Unterhaltungsmusik zugedacht hat. Edith Piaf macht den Anfang mit "La Vie en rose", dann intonieren in einem mit schwarzen Tuch verhängten Raum die Rolling Stones "Paint it black", ehe vor einem überdimensionierten Spiegel die Heulboje James Blunt ihr "You’re beautiful" schluchzt, den nervtötenden Sommerhit des letzten Jahres. Widerwillig oder amüsiert, der Besucher fühlt sich angesprochen. Leise lächelnd, offen feixend und in lockerem Tanzschritt füllt er mit seinen ganz privaten Erinnerungen und Gefühlen zu Paul Ankas "My Way" den leeren Raum, und wenn im letzten Saal große Fenster den Blick auf die Parkanlagen von Lyons Cité Internationale freigeben und Louis Armstrong dazu "What a Wonderful World" gurgelt, dann ist diese Biennale zum Glücksfall geworden, dann hat eine einfache Idee mit simpler Umsetzung und Produktionskosten gegen Null für ein kleines Wunder gesorgt.

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Im internationalen Ausstellungsbetrieb der weltweit bestimmt 100 Biennalen ist Lyon mit seinen gerade mal 60 Künstlern an vier Orten eher ein Zwerg, ein Außenseiter, ein Kinderspiel – und just dieses Spielerische ist das Leitmotiv der neunten Biennale, deren künstlerische Leiter, Stéphanie Moisdon und Hans-Ulrich Obrist, keine Künstler, sondern Kommissare ausgewählt haben. Anstelle kuratorischer Visionen begnügten sie sich damit, eine simple Spielregel zu erfinden: 48 mehr oder weniger prominente Ausstellungsmacher, Kritiker und Theoretiker, von Daniel Birnbaum über Susanne Pfeffer bis Hou Hanru, wurden gebeten, jeweils einen Künstler zu benennen, der ihrer Meinung nach charakteristisch ist für das "noch namenlose Jahrzehnt", wie der Ausstellungstitel es nennt, die Jahre 00, die erste Dekade des dritten Jahrtausends nach Christus.

Gleich nach Bels "The Show must go on" gelangt man in ein abgedunkeltes Kuriositätenkabinett: In großen Glasvitrinen haben Rosemarie Trockel und Rem Kolhaas für den Schriftsteller Michel Houellebecq vier Szenenbilder für dessen derzeitige Verfilmung des Romans "Möglichkeit einer Insel" ein. Ein Grizzly zerfleischt das Baby einer Neanderthalerin, ein Wolf heult mit blutiger Schnauze den Triumph über ein soeben gerissenes Rehkitz in die Nacht, eine zeitgenössische Oma knabbert im Rollstuhl Kekse. An ihrer Seite vertritt ein ausgestopfter Bruder von Houellebecqs Hund Clément das wilde Tier in Salonformat, der Sprung von der Steinzeit in die Gegenwart ist nicht ohne Instinktverlust vonstatten gegangen. Das ist ein Beispiel für die dunkle Seite des Lyoner Spiels: ein mit viel Lametta und Ironie entworfener Theaterzauber zum Thema Dekadenz, die Geschichte der Menschheit als Puppenstube.
Ist es Zufall, dass Jérome Bel und Houellebec nicht bildende, sondern tanzende, schreibende, filmende Künstler sind? Dass sie just zu jenem Dutzend VIP-Teilnehmer gehören, die nicht der Spielregel gehorchend von Unterkommissaren verantwortet werden? Und vor allem: Dass sie nicht Teil jenes Netzwerks des globalen Kunstbetriebs sind, das vor allem der 39jährige, heute in London lebende Schweizer Obrist beherrscht und bespielt wie derzeit kein anderer Kurator?
Die diesjährige Biennale von Lyon dient nicht, sie bedient sich dieses Netzwerks souverän wie keine andere Ausstellung des Kunstjahres 2007. Anstatt wie die Kuratoren der Documenta oder der Biennale von Venedig auf kulturtouristischen Kurzreisen willkürlich Positionen ausserhalb der gängigen Westkunst zu suchen, nutzen Moisdon und Obrist ihre globale Vernetzung, indem sie die kuratorische Verantwortung an lokale Kompetenz abtreten. Das Ergebnis hätte eine in ihre Einzelteile zerfallende Schau der Beliebigkeit werden können, hätten die beiden nicht mit all ihrer langjährigen Erfahrung als Ausstellungsmacher einen intelligenten und schlüssigen Parcours zusammengestellt, der völlig unterschiedliche künstlerische Positionen einer Dekade präsentiert, die nicht mehr oder noch nicht durch Bewegungen, Stile oder nationale Schulen definiert werden kann.

Dieser Parcours beginnt in La Sucrière mit einem Reisefilm der Chinesin Cao Fei, die zusammen mit drei Freunden den Fluss Yu entlang gewandert ist. Ihre Begegnungen, Stationen, Impressionen werden in einem Zelt projiziert, das sich den Eingangbereich mit den konzeptuellen Fotos der in Berlin lebenden Annette Kelm, fliegenden Gärten des Argentiniers Tomas Saraceno und aus pornografischen Fragmenten bestehenden weiblichen Ikonen von Thomas Bayrle teilt. Er endet mit "Clamor" von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla, einer betonierten Bunkerlandschaft, aus der martialische Marschmusik und Durchhaltefanfaren tönen. Allesamt leichtfüssige Arbeiten in einem nicht immer sofort nachvollziehbaren, aber organischen und spielerischen Nebeneinander, das eigentlich nur dann versagt, wenn einzelne Künstler zu gehaltsträchtig präsentiert werden. Etwa der Ire James Coleman mit seiner statischen Videoarbeit "Untitled" von 1998, oder Nymphenporträtist David Hamilton, dessen neuere Arbeiten auf den Weichzeichner verzichten und mit ihrem krassen Kindersex nicht einmal mehr als Kunstgewerbe für den Wandkalender taugen.
Das den Besucher einbeziehende Schattenspiel der Inderin Shilpa Gupta, die Hollywood-Ästhetik kurzschließenden Videos von Una Szeemann, das sexuell aufgeladene Strandidyll mit schwarzem Kohlestaub des Kaliforniers Christian Holstad sind einige der Höhepunkte des Lyoner Kunstspiels. Und die Retrospektive des Franzosen Pierre Joseph, der junge Kollegen eingeladen hat, seine Arbeiten aus den neunziger Jahren neu zu interpretieren: ein weiterer gelungener Verstoß gegen das kuratorische Prinzip. So verleihen intelligente Spielverderber autoritären Spielregeln erst ihren eigentlichen Sinn. Besser könnte man im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends die Funktion von Gegenwartskunst kaum definieren.

9. Biennale de Lyon

Termin: bis 8. Januar 2008. Orte: La Sucrière, Fondation Bullukian, Musée d’Art Contemporain, Institut d’Art contemporain de Villeurbanne. Katalog: 28 Euro

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