Michelangelo – Zeichnungen - Frankfurt

Intensiv schauen, Besonderheiten erkennen

Die Besucher des Städel-Museum haben die Gelegenheit, Feinheiten und Besonderheiten der Zeichnungen des Renaissancemeisters Michelangelo zu erkennen – und zu lernen, sie von Werkstattarbeiten und Kopien zu unterscheiden.

Die Alten Meister haben es den Kunsthistorikern von heute nicht eben leicht gemacht. Vor allem bei den Papierarbeiten sind Signaturen und Datierungen äußerst rar. Stammt also eine Zeichnung von des Meisters eigener Hand? Oder entstand sie unter Beteiligung der Werkstatt oder der Schüler? Handelt es sich gar um das eigenständige Werk eines begabten Schülers? Oder um eine Kopie? All diese Unwägbarkeiten machen es den Experten heute schwer, ein Kunstwerk eindeutig zuzuordnen. Auch der große Michelangelo Buonarotti (1475 bis 1564) macht da keine Ausnahme.

Vor allem seine Zeichnungen hat der Renaissancemaler nie signiert, zu allem Überfluss hat er vor seinem Tod etliche verbrannt. Außerdem hatte er eine Werkstatt und viele Assistenten und Schüler. Deshalb ist es "heute bei vielen erhaltenen Blättern nicht einfach zu bestimmen, ob sie tatsächlich eigenhändig sind oder ob es sich um Kopien oder Nachahmungen anderer Künstler handelt", heißt es in einer Ausstellungsankündigung des Frankfurter Städel-Museums.

Das Institut geht in der Ausstellung "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen" der Sache auf den Grund. Das Blatt "Groteske Köpfe und weitere Studien", eine um 1524/25 mit roter Kreide gefertigte Zeichnung, gab den Anstoß. Die Zeichnung kam im 19. Jahrhundert als originale Michelangelo-Zeichnung ins Frankfurter Haus. Seither wurde die Urheberschaft immer wieder bestätigt, wurde aber auch in Frage gestellt. "Zuletzt wurde sie von einigen Experten erneut Michelangelo zugeschrieben", verkündet das Haus. Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf dieses Blatt, sondern widmet sich dem Problem generell.

Das Städel kann dabei zum einen auf einen hervorragenden Bestand an eigenen Zeichnungen zurückgreifen, deren Grundstock vor allem von Johann David Passavant (1787 bis 1861), Inspektor der Galerie der Sammlungen des Städels, gelegt hatte. Hinzu kamen kostbare Leihgaben unter anderem des British Museum in London, der königlichen Sammlungen von Schloss Windsor oder der Casa Buonarotti in Florenz.

Die Ausstellung biete "verschiedene Möglichkeiten des unmittelbaren visuellen Vergleichs, um den Besuchern Gelegenheit zu einer eigenen Auseinandersetzung mit dieser Frage vor originalen Werken zu geben". Sie lade, so heißt es, "zum intensiven Schauen ein und bietet den Besuchern die Möglichkeit, vor den Originalen Feinheiten, Unterschiede und Besonderheiten zu erkennen und die 'Spuren' eines Gedankenprozesses, der vor fast fünfhundert Jahren stattgefunden hat, zu 'lesen'".

Um den Besuchern zu helfen, wurde die Ausstellung didaktisch aufbereitet: Den einzelnen Abteilungen sind erklärende Texte und auch vergleichende Abbildungen hinzugefügt. Außerdem hat Ausstellungskurator Martin Sonnabend einen Videofilm zum Thema gedreht, in dem die ganze Problematik anschaulich geschildert wird.

"Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen"

Termin: bis 7. Juni, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main. Katalog: "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen"; Autor: Martin Sonnabend, Vorwort von Max Hollein, 173 S., 78 farbige Abbildungen, Städel Museum, Frankfurt am Main, 2009, 29,90 Euro
http://www.staedelmuseum.de/sm/index.php?StoryID=598

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