Junge Kunst am Kap - Reisetagebuch Südafrika III

Trash-Rockoper, Kuhfelle und eine Matadorin

Unsere Autorin Camilla Péus reist von Kapstadt nach Johannesburg und besucht, exklusiv für art, sieben Künstler, deren (exotische) Namen man sich merken sollte. Außerdem: Szenen aus dem neuen, spannenden Kunstkosmos mit Berichten über Ateliers, Galerien, Performance-Festivals und Ausstellungen. Teil III: Ankunft in Johannesburg.
Trash-Rockoper, Kuhfelle und eine Matadorin:Reisetagebuch Südafrika – Teil III

Zander Blom: Aus der Serie "The Travels of Bad"

Johannesburg, Parkhurst, 9 Uhr

An meinem Hotelzimmerschlüssel baumelt ein "Panic Button". Wer ihn 30 Sekunden lang gedrückt hält, alarmiert sämtliche Sicherheitsteams im Umkreis des B&B. Auch Elektrozäune, Hunde und automatische Tore gehören zur Ausstattung aller Häuser in dem grünen Vorort Parkhurst. Bis zum Einbruch der Dunkelheit könne man zu Fuß um den Block ins nächste Café laufen, sagt die Inhaberin des Hotels, danach allerdings nur noch im eigenen Auto oder mit dem Taxi.

Johannesburg ist das Gegenteil von Kapstadt: Kaum ein Weißer lässt sich auf den Highways der Acht-Millionen-Stadt blicken. Zugleich werden überall Häuser, Straßen und Stadien für den World Cup im Juni gebaut und erneuert. Eigens für die WM hat Johannesburg das "Rapid Transit System" eingerichtet, einen topmodernen Bus-Shuttle, der auch die Stadien Soccer City und Ellis Park anfährt. Und am Fernsehturm klebt schon ein riesiger Fußball.

Hillbrow, 10 Uhr

Hillbrow gilt als kriminellstes Viertel Johannesburgs, dicht bevölkert, mit vielen arbeitslosen Immigranten. In jüngster Zeit versucht die Regierung mit massivem Einsatz von Sicherheitsmannschaften und Überwachungskameras die Gewalt in den Griff zu bekommen. Inmitten dieses Molochs liegt wie eine Insel die Johannesburg Art Gallery, kurz "JAG". Als sie 1915 von der Frau eines reichen Minen-Magnaten eröffnet wurde, war der "Joubert Park" noch die Gartenoase des Ausstellungshauses. "Heutzutage würde jedoch niemand mehr mit Handtasche, Mobiltelefon und Kamera durch die Rosenrabatten laufen", sagt Rashma Chhiba, die indische Kuratorin der Museumsenklave mit Werken von Marlene Dumas, William Kentridge, Penny Siopsis und Gerard Sekoto. 1940 war er der erste schwarze Maler, dessen Werk hier ausgestellt wurde. Da ihm jedoch wegen seiner Hautfarbe der Eintritt verwehrt wurde, schlich er sich als Putzmann verkleidet zu seiner eigenen Eröffnung.

Doch das JAG fördert auch Karrieren junger Künstler. Nandipha Mntambo ist eine von ihnen. Die Künstlerin, die in Swasiland als Tochter eines Priesters aufwuchs, kam mit fünf Jahren nach Johannesburg. Heute lebt sie in Kapstadt, unterrichtet aber momentan an der Johannesburger Uni und kommt gerade aus Dänemark, wo ihre Werke in der Ausstellung "The good old days" im Aarhus Art Building gezeigt werden. Sie begrüßt mich unterkühlt, ihre Augen versteckt eine Louis-Vuitton-Sonnenbrille. Erst gestern wurde ihre Arbeit aus fünf Kuhfellen gehängt. Sie inspiziert ihr Werk. Alles korrekt installiert. Langsam taut sie auf.

"Wie ein Mann auf der Jagd, suche ich mir meine Beute selbst aus"

Ihre Kuhfellarbeiten hinterfragen die Stereotypen afrikanischer Frauen. "Sie sind glänzend und weich, aber zugleich haarig und abstoßend", sagt sie und nimmt die Sonnenbrille ab. Die Künstlerin dreht die traditionelle Rollenverteilung um: "Wie ein Mann auf der Jagd, suche ich mir meine Beute selbst aus, präpariere sie, und schütze mich mit ihrer Haut". Dabei formt sie das nasse Fell um Gipsabdrücke ihres Körpers herum und lässt es trocknen bis es starr ist. "So behalte ich die Kontrolle darüber wie ich repräsentiert werde." Nandi, wie sie sich nennt, wollte eigentlich Kriminalmedizinerin werden – nachdem sie eines Morgens auf dem Schulweg eine in Stücke gehackte schwarze Frau auf der Straße sah. Doch nach einigen Studienjahren entschied sich die heute 28-Jährige doch für die Kunst, schickte ihr Portfolio an die UCT University of Cape Town und wurde angenommen.

Auch für ihre neueste Arbeit "Série Ukungenisa, Praça de Touros" betritt sie eine Männerdomäne: In einer stillgelegten Arena in Maputo, Mozambique, wo die Portugiesen während der Kolonialzeit Stierkämpfe bejubelten, tritt sie als Matadorin in die Manege. In traditioneller Tracht kämpft sie dort gegen einen Feind, der sich niemals zeigt. Die Schrittabfolge studierte sie mit einer Koreografin ein – "nachdem mich während einer Portugalreise keiner der Stierkämpfer, die ich aufgesucht habe, unterrichten wollte", sagt Nandipha Mntambo und tippt eine SMS in ihr iPhone.

Das Wohnzimmer wurde zur Bühne für die Trash-Rockoper

Brixton, 14 Uhr

In schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt öffnet Zander Blom die Tür zu seinem Chaos-Wohnatelier. Im Moment ist es allerdings für Zanders Verhältnisse – abgesehen von den Helloween-Skeletten an der Decke, den Stapeln von Moleskin-Skizzenbüchern und Zeitschriftenausrissen und dem mit Farbtuben überhäuften Schreibtisch – extrem ordentlich. Der 28-jährige Südafrikaner hat die Wände im Wohnraum, die er normalerweise als Malgrund für seine Installationen nutzt, weiß übergestrichen. Gerade wartet Zander Blom, der sich bisher vor der reinen Malerei fürchtete, auf eine Lieferung 2 x 2 Meter großer Leinwände. Er zieht an einer Zigarette und küsst seine bildhübsche Freundin Dominique Chieminais, auch eine Künstlerin, die sich in Leggings und zerschnittenem T-Shirt auf dem Sofa rekelt. "Ich wandle das Studio gerade in ein echtes Maleratelier um", sagt er. "Vielleicht stehe ich hier bald knöcheltief in Farbe wie einst Francis Bacon."

Fest verankert in Südafrikas Kunstbusiness ist Zander Blom schon. Gerade wechselte er zur Michael Stevenson Gallery, nahm an dem "Red Bull House of Art"-Workshop in Sao Paulo, Brasilien teil, wurde in der Berliner Galerie Kuckei + Kuckei in der Ausstellung "Why not?" gezeigt und wird 2011 mit einem Stipendium der Fountainhead Residency nach Miami reisen. Seine Karriere startete mit der Serie "The Drain of Progress" – noch ohne Galerie-Unterstützung. In einer Ecke seines Wohnzimmers arrangierte er über vier Jahre lang konstruktivistische Assemblagen. Er beklebte die Stuckwand mit bunten Pappdreiecken, webte ein Dickicht aus Papierstreifen und malte abstrakte Muster. Dann fotografierte er jeden Arbeitsschritt und zerstörte ihn wieder. Irgendwann zeigte er die ersten Bilder der Johannesburger Rooke Gallery. Die lieferte einen Vorschuss in Cash – und Zander Blom machte weiter.
Seine zweite Serie ist radikaler: Das Wohnzimmer wurde zur Bühne für die Trash-Rockoper "The Travels of Bad", Duzende wilder Rauminstallationen, in denen dicke Stoffwürste wie Geschwüre wuchern, neonfarbene Mega-Moskitos angreifen, E-Gitarren klirren und Haie mit Gummiflossen ihre Kreise drehen. Die Szenen sind keinesfalls nur kreative Ausbrüche eines wütenden Kids, sondern beinhalten komplexe Philosophien und Fantasien. Zander Blom bastelte eine Kunst-Satire, die den Einfluss exotischer Kulturen auf europäische Maler wie Henri Rousseau und Paul Gauguin ironisch betrachtet. Wer genau hinsieht, erkennt die versteckten Anspielungen auf die Gemälde der Künstler. Auch der Werkkatalog der Serie ist wie ein Bühnenstück komponiert, komplett mit Prolog, Epilog, einer eigens von Zander Blom eingespielten Rock-CD – und einem Gitarrenchip.