Christoph Büchel - Fridericianum Kassel

Kasseler Gepökeltes

Billigdiscounter am Eingang, NPD-Parteienstreit und Stasi-Akten: Der Schweizer Künstler Christoph Büchel thematisiert in Kassel die jüngere deutsche Geschichte – und provoziert damit auf äußerst unterhaltsame Weise.
Mäc-Geiz, Stasi und NPD:Christoph Büchel provoziert in Kassel

Eine zweitägige Politik-Messe, die Büchel für alle 114 zugelassenen deutschen Parteien organisiert hat, wurde zum Skandalon, weil auch die NPD teilnahm: hier ihr Redner mit seinen vier Anhängern

Sie hatten "Erich’s Luxusbad" aus der Produktserie "DDR – Dusch Dich Richtig" schon in der Hand, als die Mäc-Geiz-Verkäuferin laut und vernehmlich "So geht das nicht!" rief. Auch der Rotwein Marke "Rot & Süß", die Waffeln mit Zitronencremefüllung und der Abflussreiniger mussten zurück ins Regal gestellt werden. Kaufen dürfe nur, wer zuvor eine Eintrittskarte erworben hat, erklärte die Discounter-Angestellte dem verdutzten Pärchen, das – angelockt von Werbeaufstellern im Außenbereich – nichts ahnend seine Haushaltsbestände auffüllen wollte. Doch dies, so die Verkäuferin im roten "Mäc-Geiz"-Shirt, sei eine Ausstellung des Künstlers Christoph Büchel.

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Strecken Teaser

Es ist dies nur eine von einer Reihe von Merkwürdigkeiten, die dem Besucher des Kasseler Fridericianums derzeit begegnen. Kaum hat man verdaut, dass offenbar eine Billigmarkt-Kette aus Halle in den Eingangsbereich der Kunsthalle eingezogen ist – im Foyer steht der Kaufhaus-typische Drehweihnachtsbaum im Gigantenformat – wird man mit einer Spielothek konfrontiert. Es folgen ein Fitness-Center, ein Sonnenstudio und das Islam-Zentrum Kassel, derzeit geschlossen.

Im ersten Stock werben ostdeutsche Bundesländer mit Plakaten und Slogans wie "Provinz – einfach genial" um ihre Vorzüge. Nebenan sind die Überreste der ersten deutschen Politikmesse "Politica" zu bestaunen, noch immer gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat. Auch im restlichen Haus ist nichts mehr wie sonst. Der neue Direktor Rein Wolfs hat den Schweizer Provokationskünstler Christoph Büchel eingeladen, der nun unter dem Titel "Deutsche Grammatik" Deutschland als Erlebnispark präsentiert. Hier geht täuschend Echtes mit ausgestellter Realität Hand in Hand.

"Darf Kunst die Opfer rechter Gewalt verhöhnen?"

Die Überraschung: Nicht selten erscheint das Fingierte glaubwürdiger als die Absurdität des wirklich wahren Lebens. So haben etwa die großen Volksparteien CDU, SPD und FDP ihre Teilnahme an der "Politica" nicht etwa abgesagt, weil sie den Saal mit Esoterik- und Spaßparteien wie der "Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands", den "Violetten" oder der von "Titanic"-Redakteuren ins Leben gerufenen "Die Partei" teilen sollten, sondern vor allem aufgrund der Teilnahme der NPD. Was in der Realität geduldet werden muss, soll in der Kunst keinen Platz haben. Die Linke ließ gar ein Spruchband mit der abstrusen Frage spannen: "Darf Kunst die Opfer rechter Gewalt verhöhnen?". Eine Demonstration plumpen Affekthandelns, wie es sich der Künstler nicht besser hätte ausdenken können.

Zunächst jedoch irrt der Besucher in Kassel durch einen unbeleuchteten Ausstellungsraum, in dem sämtliche Vitrinen zerschlagen oder ausgeräumt sind, gelangt augenscheinlich in ein leeres Depot, wird jedoch beim Berühren scheinbar ausrangierter Beschriftungskärtchen und oller Luftpolsterfolie von einer Aufsichtsperson jäh zurückgepfiffen: "Schränke öffnen erlaubt. Inhalt anfassen nicht". Stimmt ja, dies ist eine Ausstellung. Wenngleich selbst für geschulte Augen unklar ist, wo sie aufhört und die Realität beginnt. Nebenan, im (vermeintlichen) Aufenthaltsraum der Bediensteten, scheinen eingetrocknete Kaffeereste, verdörrte Topfpflanzen und eine Bild-Zeitung aus dem Jahr 2002 auf eine unerwartete Evakuierung hinzudeuten.

Heikles Thema deutscher Historie

Ein paar Meter weiter macht eine Hausmeister-Wohnung ein heikles Thema deutscher Historie auf das Eindringlichste erfahrbar: Leben mit der Mauer. Wer eintritt, fühlt sich ein wenig wie in Gregor Schneiders "Totem Haus Ur". Mühsam muss man sich an einer Steinmauer vorbeidrücken, drüberklettern oder durch Wandlöcher kriechen, um einen Blick in des Deutschen Heiligstes, ein mit größter Akribie eingerichtetes Badezimmer, eine geschmacklos dekorierte Küche, ein biederes Schlaf- und ein Wohnzimmer zu werfen. Dort selbst stößt man schließlich zum Kern deutscher Befindlichkeit vor: Ein Fernseher überträgt das legendäre Endspiel der Fußball-WM 1974, in dem Gerd Müllers Siegertor einen der raren Höhepunkte deutscher Euphorie markierte.

Ein Stockwerk höher schließlich gelangt man unversehens in eine Gaststätte, komplett eingerichtet mit Großküche, Tanzsaal, Schankstube, Toiletten und Kegelbahn. Augenscheinlich werden dort tonnenweise gelagerter Papierschnipsel von Hand sortiert und zusammengesetzt. Angespielt wird auf jene ungefähr 45 Millionen Aktenseiten, die die Stasi im Herbst 1989 überstürzt in Stücke reißen ließ. Deutschlands Vergangenheit als gigantisches Puzzle mit höchstem Schwierigkeitsgrad. Eine Inszenierung, die so überzeugend geriet, dass man, sich kurz vor der Paranoia wähnend, nach Fehlern sucht – und sie findet. An der Kühlkammertür ein Hinweisschild der Stadtverwaltung Mannheim. Mitten in Kassel.

"Christoph Büchel: Deutsche Grammatik"

Termin: bis 16. November, Mi-So 11-18 Uhr, Katalog: 35 Euro.
http://www.fridericianum-kassel.de/

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