Shirin Neshat - Women without Men

Änderungen müssen von innen kommen

Am 1. März wurde Shirin Neshats neustes Werk "Women without Men" erstmals komplett aufgeführt. Anlässlich der Premiere im dänischen Aros Kunstmuseum sprach Neshat mit art über die Mohammed-Karikaturen, die Rolle, die ihre iranische Heimat in ihrem Werk spielt und das Kommunikationsproblem zwischen dem Westen und dem Islam.
"Änderungen müssen von innen kommen":Das art-Interview mit Shirin Neshat

"Women without Men": Eine Szene aus dem Videoprojekt von Shirin Neshat

art: Die Weltpremiere ihres aus fünf Filmen bestehenden Werks "Women without Men" fand in Dänemarkt statt, jenem Land, dass 2005 die Mohammed-Karikaturen druckte. Nach der Festnahme von Personen, die ein Attentat auf einen der Karikaturisten geplant haben sollen, sind die Zeichnungen erneut veröffentlicht worden. Und in Deutschland wurde eine Ausstellung aus Angst vor muslimischen Aggressionen geschlossen. Sie sind im Iran geborene Muslimin, leben seit über 30 Jahren in den USA und thematisieren in Ihren Werken immer wieder Islam und ihre Heimat Iran. Haben Sie sich durch die Mohammed-Karikaturen beleidigt gefühlt?

Ja, ich habe mich durch den Abdruck beleidigt gefühlt. Jedes Mal. Und ich verstehe gut, dass sich Muslime dadurch gekränkt fühlen. Unter Muslimen ist der Abdruck ein sehr kontroverses Thema. In New York haben wir viel darüber diskutiert. Manche sagen, die Meinungsfreiheit ist das höchste Gut. Meine Argumentationsweise ist anders: Bevor man nicht die philosophischen und ideologischen Werte einer Gesellschaft versteht, die eine völlig andere Ratio hat, kann man keine Bewertungen vornehmen. Darum geht es auch in "Women without Men".

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Strecken Teaser

Viele Muslime fühlen sich durch die Art und Weise, wie der Westen versucht, seine Werte in deren Gesellschaft zu exportieren, bedroht. Sie müssen deshalb mehr Mauern aufbauen, um sich geschützt zu fühlen. Sie sind überfallen und kolonialisiert worden – im Irak und in Afghanistan. Einige wenige Länder des Mittleren Ostens sind sehr wohlhabend, teilen diesen Reichtum aber nicht. Der Rest lebt in totaler Armut und das Einzige, was sie haben, ist ihre Religion und Tradition. Ich bin gegen jede Form von Extremismus. Aber was ich sagen möchte, ist, dass wir unsere Unterschiede nicht verstehen. Diese sollten respektiert und zelebriert werden.

Die Abdrucke der Mohammed-Karikaturen und andere derartige öffentliche Auseinandersetzungen mit dem Islam schaden also?

Diese Abdrucke sind ein Ausdruck von Arroganz. Es ist ein Verhalten, das Überlegenheit signalisiert. "Ich bin der Rationale und weiß es besser, du verstehst es nicht. Ich werde dir zeigen, was Meinungsfreiheit ist", lautet die Botschaft. Das macht die Menschen noch wütender. Deshalb haben sich auch sekulare Moslems wie ich gekränkt gefühlt. Es war völlig dumm von Theo van Gogh, einen Koranvers auf den nackten Körper einer Frau zu schreiben. Es ist schrecklich, dass er ermordet worden ist, und solche Täter müssen bestraft werden. Aber wie er die Unterdrückung der Frau thematisiert hat, ist nicht der Weg, Ausgleich und Demokratie zu bringen, sondern nur darauf gerichtet Aufmerksamkeit zu erhalten. Es gibt eine Unterdrückung der Frauen, und darüber muss gesprochen werden – aber nicht auf diese Art.

"Es gibt einen völligen Mangel an Verständnis"

Sind Sie für ein Gesetz gegen derartige Veröffentlichungen?

Soweit würde ich nicht gehen. Aber diese Geschehnisse untergraben die Anstrengungen aller Muslime, die hart daran arbeiten, den Islam zu reformieren. Die Probleme, die wir in unseren Gesellschaften haben, wie die mangelnde Meinungsfreiheit und die Unterdrückung der Frauen – das sind Dinge, an denen viele Muslime in den Ländern hart arbeiten. Änderungen müssen von innen aus den Ländern kommen. Wir brauchen keine Zeitung, die unsere Religion beleidigt, um zu wissen, dass wir uns ändern müssen.

Die Veröffentlichung der Karikaturen hat also nichts Positives bewirkt?

Das wirft uns nur zurück. Im Iran müssen wir mit der orthodoxen Religion der Regierung umgehen. Die Leute kämpfen hart für Veränderungen, und jedes Mal, wenn so etwas wie die Veröffentlichung der Karikaturen geschieht, wirft es uns zurück, weil die Regierung es benutzt, um antiwestliche Ressentiment zu unterstützen. Es gibt einen völligen Mangel an Verständnis.

Sie sagen, dass Ihre Kunst, die vom Iran handelt, trotz allem universell sei. Zum Beispiel geht es immer wieder um die Ungleichbehandlung der Geschlechter, die es auch in Europa gibt. Können diese Ähnlichkeiten, die es gibt und die Sie zeigen, zu einem besseren Verständnis beitragen?

In meinen Werken sind die Metaphern universell, die Frage, wie Frauen und ein Land nach Freiheit streben. Das ist etwas, das nicht nur im Iran wichtig ist. Die Fragen nach Sexualität und Prostitution stellen sich in vielen Gesellschaften. Zum Beispiel ist die Prostituierte Zarin in meinem Film "Zarin", der jetzt in Århus zu sehen ist, magersüchtig, weil sie sich gedemütigt fühlt – das ist kein rein iranisches Phänomen.

Sie könnten "Zarin" in einem Bordell in den USA gefilmt haben.

Ja, die Schauspielerin ist übrigens Ungarin. Vielleicht würde auch ein katholisches Mädchen dasselbe wie Zarin fühlen. Der fünfte Film, "Farokh Legha", handelt von einer Frau in mittlerem Alter, die noch einmal von vorne anfangen möchte. Es scheint ein wenig spät, aber sie möchte die Freiheit empfinden, es zu tun. Das gibt es überall auf der Welt.

"Ich fühle mich der westlichen Kultur nicht genug verbunden"

Trotzdem spielen Ihre Filme stets im Iran, dem Land, dass Sie vor 33 Jahren verlassen haben. Warum wählen Sie nicht ein westliches Land als Schauplatz?

Vielleicht liegt es daran, dass ich in einem selbst gewählten Exil lebe, und nicht wirklich nach Hause kann. Ich fühle mich der iranischen Gesellschaft mehr verbunden, wenn ich Filme über den Iran mache, und ich fühle mich der westlichen Kultur nicht genug verbunden, um Filme über diese zu machen. Ich fühle den Drang dazu nicht, aber vielleicht kommt das noch.

"Women without Men" spielt im Iran des Jahres 1953. Jenem Jahr, als der demokratisch gewählte Präsident Mohammed Mossadegh durch einen von den USA und Großbritannien initiierten Umsturz durch den Schah ersetzt wurde. Wovon handeln die Werke und auch der Spielfilm, den Sie im Herbst präsentieren werden und der auf dem gleichen Material basiert?

Die fünf Geschichten und der Film basieren auf dem Roman "Women without Men" von Sharnush Parsipur. Es geht um fünf Frauen, die alle von irgendetwas in ihrem Leben weglaufen und schließlich gemeinsam in einem Garten leben, wo sie diesen utopischen Lebensstil realisieren. Alle diese Frauen suchen in der einen oder anderen Form nach Erlösung. Die politischen Umstände kommen am stärksten in den beiden Filmen "Munis" und "Farokh Legha" sowie dem Spielfilm zum Ausdruck.

Munis schließt sich nach ihrem Tod der für die Demokratie kämpfenden Bewegung an. Farokh Legha reiht zu einem Fest Menschen um sich, die dem autoritären Regime ebenfalls kritisch gegenüber zu stehen scheinen – ganz klar wird das in dem kurzen Film nicht. Wie würde der Iran aussehen, wenn 1953 der Schah nicht an die Macht gekommen wäre, sondern der Demokrat Mossadegh Regierungschef geblieben wäre?

Im Film "Farokh Legha" gibt es eine Szene, in der jemand sagt, wenn der Schah nicht gekommen wäre, hätten die Kommunisten die Macht übernommen. Das kann sein, Mossadegh war schon alt. Sicherlich aber hätte es ohne den Schah die Islamische Revolution nicht gegeben. Der Schah hat mit der CIA zusammengearbeitet, das war der Beginn des Antagonismus gegen den Westen. Der Iran wird immer wieder angeklagt, ein barbarisches Land zu sein, wir würden nur morden und Probleme in der Welt schaffen. Ich bin keine Freundin der iranischen Regierung, aber es gibt eine Art Amnesie. Wenn man zurückschaut, dann sieht man, es waren die USA und Großbritannien, die eine demokratische Regierung unseres Landes gestürzt haben.

"Shirin Neshat – Women without Men"

Termin: bis 25. Mai, Aros Kunstmuseum, Århus.
http://aros.dk/

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