Junge Kunst am Kap - Reisetagebuch Südafrika II

Art Making Parties, Drag queens und Pieter Hugo

Unsere Autorin Camilla Péus reist von Kapstadt nach Johannesburg und besucht, exklusiv für art, sieben Künstler, deren (exotische) Namen man sich merken sollte. Außerdem: Szenen aus dem neuen, spannenden Kunstkosmos mit Berichten über Ateliers, Galerien, Performance-Festivals und Ausstellungen. Teil II: Art Making Parties, Drag queens und Pieter Hugos Entdeckung in Accra.
Art Making Parties, Drag queens und Pieter Hugo:Tagebuch Südafrika – Teil II

Loft Living: Pieter Hugo in seinem neuen Penthouse-Atelier in Kapstadt mit Blick auf den Tafelberg

Kapstadt, Woodstock, 10 Uhr

Eine Hitzewelle erfasst Kapstadt. Das Thermometer klettert auf 39 Grad. In der Albert Road in Woodstock weisen schwarze "Parking Boys" in neongelben Westen weiße Fahrer in Parklücken ein. Samstags zieht der bekannte Farmer- und Designmarkt in der ehemaligen Keksfabrik "Old Biscuit Mill" Scharen von ihnen an.

Das Viertel, in dem Weiße bisher nur Straßen aber kaum Bürgersteige nutzen, ist so etwas wie der New Yorker Meatpacking District vor zehn Jahren: Nach und nach ziehen Galerien, Cafés und Designshops in die alten Textilfabriken, Druckereien und Autowerkstätten ein. Die Michael Stevenson Galerie wagte den Schritt vor drei Jahren und bezog ein Loft mit den Ausmaßen eines Kleinstadt-Museums. Sie gilt neben der Goodman Gallery als die Top-Galerie Südafrikas mit international bekannten Namen wie dem Fotokünstler Guy Tillim, der Malerin Penny Siopsis und dem Fotografen Pieter Hugo.

Thomas Hirschhorns massige Installation "Black & White Hemisphere" von 2008, mit der er den Fall der Berliner Mauer symbolisch rekonstruiert, nimmt den ersten Raum ein. Die kleine "Side Gallery" ist für Nachwuchstalente wie Mohau Modisakeng reserviert. Und in den drei großen Sälen hat Künstler und Drag Queen Steven Cohen seine Retrospektive inszeniert: Ausstaffiert mit Plateausohlen und Kunstbusen, begab er sich schon in den achtziger Jahren in den typischen Domänen weißer Südafrikaner auf Gefahrensuche, zum Beispiel inmitten von eher konservativ denkenden Rugby-Fans. Oder er verwirrte, als glitzernder Kristalllüster verkleidet, die Bewohner eines Armenviertels. Die bizarren Highheels des Tabubrechers, mit denen er im November 2009 auch im Pariser Centre Georges Pompidou auftrat, wurden für die Galerie-Schau auf Podeste gehoben: Giraffenbeine mit Ballerinas, Gazellenhörner zum Anschnallen oder Totenschädel mit mörderisch hohen Eisenabsätzen.

Inselreich aus Farben, brodelnd wie ein Alchemielabor

Auch Justin Rhodes und Cameron Munro gehören zu den Kunstpionieren von Woodstock. 2005 gründeten sie die Galerie "Whatiftheworld" und setzen seitdem auf die ganz junge Generation. "Unser Ziel ist es, Künstlern den Zugang zur Kunstwelt zu ermöglichen und Kontakte zu Sammlern zu vermitteln", sagt die Kuratorin Ashleigh Mclean, während sie einem Sammlerpaar das Kunstlager zeigt. Einer ihrer Nachwuchsstars ist Julia Rosa Clark, die – wie bestellt – mitten in ihrer regenbogenfarbenen Rauminstallation steht. So ähnlich muss es im Kopf eines Teenagers aussehen: ein Inselreich aus Farben, brodelnd wie ein Alchemielabor. Die Themen: Apokalypse, Liebe und der Beginn einer neuen Weltordnung. Um ihre arbeitsintensiven Werke zu realisieren veranstaltet die Künstlerin "Art Making Parties". Die Assistenten generiert sie aus dem Pool ihrer Facebook-"Freude". "Für manche sind meine Kunstsessions wie Theapien", sagt Rosa Julia Clark, die ihre Arbeiten im Juni auch auf der VOLTA in New York präsentiert. "Es gibt Tee und Kuchen und lange, intime, emotionale Gespräche. Die ergeben sich, wenn ich meine Ideen erkläre. Der Zustrom und die Ergebnisse der Parties jedenfalls sind enorm. Da rieselt handgeschnittenes Konfetti durch ein perforiertes Bettlaken. Ketten aus bunten Papierschlaufen hängen wie Lianen von der Decke. Ausschnitte aus Kinderenzyklopädien ergießen sich wie Lava über großformatige Leinwände. Und mit Sandkastenformen kreierte Pappmaché-Kuchen wachsen zu Miniaturmetropolen auf dem Galerieboden.

Julia Rosa Clark entschwindet durch das vergitterte Eingangstor in die Straßen von Woodstock. Ebenfalls in dem Viertel eröffnete die legendäre Goodman Gallery vor zwei Jahren neue Räume. Nachdem Linda Givon die Galerie, die sie bereits 1966 gegründet hatte, im Jahr 2008 verkaufte, herrscht Liza Essers über das Kunstimperium mit insgesamt vier Galerien und Projekträumen in Kapstadt und Johannesburg. Prominente Namen wie William Kentridge, Marlene Dumas und der Fotograf David Goldblatt gehören zur Künstlerriege. Gerade hängen unter dem hölzernen Dachstuhl die lichten Gemälde und Wandcollagen des Künstlerduos Rose Shakinovsky und Claire Gavronsky, gennant „Rosenclaire“. Im Lager steht versteckt neben Aquarellen der Südafrikanerin Deborah Bell und Kohlezeichnungen von William Kentridge auch eine im Graffiti-Stil bemalte Leinwand von Kudzanai Chiurai, dem Jungstar der Galerie und Liebling der amerikanischen Käufer auf der Art Basel Miami Beach 2009.

Eine Sackgasse im Viertel Gardens, 14 Uhr

Pieter Hugo brettert auf einer mintgrünen Vespa heran. "Es ist das Bike meiner Frau", entschuldigt sich der 1,90-Meter Hüne für den femininen Farbton seines Gefährts. Pieter Hugo, der mit seinen Fotos der Hyänen-Männer von Lagos international bekannt geworden ist, hat vor ein paar Wochen sein neues Studio bezogen, ein Penthouse mit Fensterbändern an beiden Seiten und einer silberfarben gestrichenen Rundum-Dachterrasse ohne Geländer. Aus seiner Anlage tönt westafrikanische "Highlife-Music". An der Wand hängen Prints seiner Serie "Noolywood": In Nigerias Hauptstadt Lagos hat er die Schauspieler aus den trashigen Splattermovies porträtiert, die Afrikas Vidiotheken überfluten. Die Horrorfilme sind derart beliebt, dass Nigeria, nach Hollywood und Bollywood, zur drittgrößten Filmindustrie weltweit avancierte. Auf einer anderen Wand klemmen Fotos eines Projekts, das noch nirgendwo gezeigt wurde. Arbeitstitel: "Sodom & Gomorah". Angeregt von einem Artikel in einem Recycling-Magazin, reiste Pieter Hugo nach Accra, der Kapitale Ghanas, und machte sich auf die Suche nach "Agbogbloshie". Agbogbloshie ist eine Art wilder Schrottplatz, auf dem 80 Prozent des weltweiten Elektromülls am Ende der Recyclingkette landet.

Seine erschütternden Porträts zeigen die vernebelten Gesichter junger Männer, die Computer, Fernseher, Kühlschränke und deren Plastikkabel verbrennen, um an die Kupferdrähte heranzukommen. "Mit Glück bekommen sie zwei Dollar pro Tag für das herausgezerrte Metall", sagt Pieter Hugo. "Als es dort in Strömen anfing zu regnen und der Müll als dicker Brei in Richtung Ozean floss, war die Endzeitstimmung perfekt – die reinste Apokalypse", ergänzt er und fährt sich durch die rotblonden Locken. "Von den toxischen Bleidämpfen hatte ich nach einem Tag Kopfschmerzen, nach zwei Tagen einen verdorbenen Magen. Die Kühe auf der Brache waren schon abhängig von dem Zeug. Sie haben sich immer direkt in den Rauch gestellt!"

"Viele gute Fotografen aus Südafrika sind von der Sozialdokumentation zur Kunstfotografie gewechselt", erklärt Pieter Hugo. "Ich interessiere mich für die Realität." Im Mai reist er wieder nach Agbogbloshie", mitten hinein in die Regenzeit. Die Ergebnisse zeigt er in der Londoner Rifle Makers Gallery. Ein eindruckvolles Video, das er in Ghana während eines Sturzregens gedreht hat, präsentiert die Michael Stevenson Gallery im Juni zum World Cup. "Ich hasse Fußball", so Pieter Hugo. "Der Film ist ein schöner Kontrast zu dem ganzen Hype."

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