Turner-Preis 2010 - Die Kandidaten

Ist der Turner-Preis endlich erwachsen geworden?

Die vier Anwärter für den mit 25.000 Pfund dotierten Turner-Preis 2010 wurden in London bekannt gegeben. Dabei fällt vor allem auf, dass es um den jährlich von der Tate Gallery vergebenen Preis stiller geworden ist.
Erwachsen geworden?:Turner-Preis 2010

Angela de la Cruz: "Ready to Wear", 1999

Zusammengefaltete Gemälde mit geknickten Spannrahmen stehen in Ecken oder hängen an Haken von der Decke; eine Stimme, von der man nicht weiß, woher sie kommt, gibt Popsongs zum Besten; Bilder zeigen die Orte, an denen Charles Manson seine Morde beging; und auf einem Bildschirm flimmern Szenen mit Kindern, die in einem Sweatshop in den Slums von Mumbai Kleidungsstücke zusammennähen.

Wie schon im vergangenen Jahr erfolgte die Bekanntgabe der vier Anwärter auf den mit 25 000 Pfund dotierten Turner-Preis in London ohne großes Aufsehen. Die Sensation ist, dass ihre Kunst erneut keine Sensation ist. Sucht Großbritanniens begehrtester Kunstpreis 26 Jahre, nachdem er zum ersten Mal an den Maler Malcolm Morley verliehen wurde, etwa nach einem neuen Profil? Hat er mit den Jahren ein wenig Speck angesetzt? Oder ist er, wie die Vorsitzende der Jury glaubt, endlich erwachsen geworden?

Begriffe wie "kontrovers" oder "Skandal" werden mit dem Turner schon seit geraumer Zeit nicht mehr in Verbindung gebracht. Welten trennen die sanft-abstrakten Wandgemälde aus Blattgold des letzten Preisträgers Richard Wright, die nach der Ausstellung immer übermalt werden, von der plakativen, zynischen Kunst der Young British Artists, die in den Neunzigern, unterstützt vom Geld ihres Mäzens Charles Saatchi, die Londoner Kunstszene gehörig aufmischten. Vorbei sind die Zeiten, da Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegter Hai oder Tracey Emins ungemachtes Bett in der Regenbogenpresse ein Wutgeheul auslösten.

Zertrümmerte Bilder und Geschichten aus der Popwelt

Auch kann der Preis eigentlich nicht mehr wirklich "jung" genannt werden. Hirst war 29, als er zum ersten Mal nominiert wurde, und 30, als er 1995 gewann, Wright war 49, ein Jahr unter der Höchstgrenze, und die in diesem Jahr in die Endrunde gelangten Kandidaten haben alle die 40 schon überschritten. Der diesjährige Gewinner, wer immer er auch ist, wird also kein radikales, junges Talent sein.

Die aus Spanien stammende Angela de la Cruz, 45, die wegen einer virtuosen Schau im Camden Arts Centre ausgewählt wurde, hat schon als Kunststudentin die Spannrahmen ihrer Bilder zertrümmert, um "die Gemälde aus ihren Einengungen zu befreien". Geschickt verbindet sie Konzeptkunst und Malerei. Ihre losgelösten monochromen Leinwände plaziert sie im Raum und haucht ihnen damit ein neues, ganz eigenes Leben als Skulpturen ein.

Auch Dexter Dalwood, 49, ist Maler. Der frühere Bassist der Punk-Pioniere The Cortinas interessiert sich für Stars und stellt seinem Publikum unbekannte Welten dar, in denen sich Geschichten der Popwelt zutrugen: Michael Jacksons Schlafzimmer, den Pool, in dem der Rolling Stone Brian Jones ertrank, und das Zimmer, in dem sich Kurt Cobain erschoss.

"Heute schreit die Kunst nicht mehr so laut."

Pop spielt auch in der Arbeit der Schottin Susan Philipsz, 44, eine zentrale Rolle. Sie singt Popsongs und überträgt sie über Lautsprecher in ungewöhnlichen Orten wie einem Supermarkt oder einem Busbahnhof. Die Klänge vermitteln den nichtsahnenden Zuhörern nach Ansicht der Jury "ein Gefühl von Verlust, Sehnsucht und der Macht von Erinnerung".

Die politischste Kunst macht die 2002 gegründete Otolith Group, so genannt nach den im Innenohr vorhandenen Otolithen, die unser Gleichgewicht regeln. Ihre beiden Mitglieder, der Theoretiker Kodwo Eshun, 45, und die Künstlerin Anjalika Sagar, 42, konzentrieren sich auf Film und Video, mit denen sie komplexe globale Themen wie Ausbeutung, Kapitalismus und Armut untersuchen.

Es ist also stiller geworden um den von der Tate vergebenen Turner-Preis, und das ist wohl gut so. Heute schreit die Kunst nicht mehr so laut, wie sie das in den letzten 15 Jahren tat. Sie musste es vielleicht, um hoffähig zu werden, und ein neues, junges Publikum an sie heranzuführen. Der Turner hat an diesem Prozess maßgeblich mitgewirkt. Der Beweis: Die Buchmacher haben sich schon zu Wort gemeldet. Für den größten unter ihnen, William Hill, ist Dalwood klarer Favorit, weil dessen Werk "bekannt ist und ansprechend aussieht".

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