Vorspannkino - KW Berlin

Kunst der Ouvertüre

Auf das Vorspiel kommt es an: Pünktlich zur Berlinale präsentieren die Berliner Kunst-Werke 54 Höhepunkte des "Vorspannkinos".

Es dauerte beinahe ein ganzes Jahrhundert, bis sich das Kino unter den klassischen Künsten etablieren konnten. Dafür fällt die Bestandsaufnahme gründlich aus: Nach den Regisseuren, Schauspielern, Kameraleuten Komponisten, Ausstattern und Kostümbildnern werden mittlerweile selbst die Nischenkünste des Filmgeschäfts kanonisiert. Letztes Beispiel: der Vorspann.

Bereits 2004 zeigte das Designmuseum London eine Werkschau des graphischen Gestalters und Filmemachers Saul Bass, nun präsentieren die Berliner Kunst-Werke 54 Höhepunkte des "Vorspannkinos" in ihren zur Black Box umgebauten Räumen.

Die filmische Ouvertüre erlebte ihre Blüte in den 1950er und 1960er Jahren. Damals setzten die Gewerkschaften durch, dass die Namensliste zu Beginn eines Films deutlich ausführlicher ausfallen musste, als es bis dahin üblich war. Dadurch nahmen die Titelsequenzen mehr Zeit in Anspruch und erforderten neue Ideen, wollte man das erwartungsvolle Publikum nicht unnötig auf die Folter spannen.

"Death Proof": Quentin Tarantino, USA 2007

Saul Bass war der erste, der aus einer lästigen Pflichtübung eine eigene Kunstform machte und bis heute gültige Meisterwerke schuf. Seine besondere Gabe lag in der Reduktion: Im Vorspann zu Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho" ziehen Linien in immer neuen Formationen über die Leinwand und schneiden wie mit Messern durch die Titel. Bass nimmt damit nicht nur die berühmte Mordszene unter der Dusche vorweg, sondern auch den unsteten Zustand der im Film thematisierten Schizophrenie.

Noch radikaler war Bass' Entwurf für Otto Premingers Drogendrama "Der Mann mit dem goldenen Arm". Hier wandern Balken ruhelos über die Leinwand, um im Finale einen zur Schmerzensgeste stilisierten menschlichen Arm zu formen. Auf diese Weise entwickelte Bass leicht lesbare Markenzeichen, die entscheidende Motive des Films aufgreifen, ohne jemals zu viel zu verraten. Er wollte seine Arbeit nicht in den Vordergrund spielen, sein Ethos war das eines sachlichen Designers: Weniger ist mehr.

"Psycho": Alfred Hitchcock, USA 1960. Vorspann: Saul Bass

Eine ähnlich genuine Handschrift wie Saul Bass kann nur Maurice Binder mit seinen ebenso zahlreichen wie legendären James Bond-Ouvertüren vorweisen. Wenn vom weiblichen Körper als Projektionsfläche die Rede ist, findet man in seinen Arbeiten die anschauliche Beglaubigung. Augenzwinkernd reduziert er sinnliche Schönheiten auf ihre Silhouette, wobei der schamloseste Einfall der Bond-Reihe auf das Konto seines Kompagnons Robert Brownjohn geht. In "Goldfinger" projiziert dieser den golfenden Filmschurken so geschickt auf den Leib einer liegenden Frau, dass der Ball nach einer eleganten Kurve in ihrem Dekollete verschwindet. Subtil ist das nicht gerade, aber treffend auf die Versprechen der schillernden Agentenserie gemünzt und außerdem so unverwechselbar, wie es sich für gutes Markendesign gehört.

"James Bond 007 jagt Dr. No": Terence Young, UK, 1962. Vorspann: Maurice Binder

Natürlich kann ein Vorspann auch ganz andere Funktionen haben: In Berlin sind etliche gelungene Beispiele zu sehen, die kunstfertig in eine Geschichte einführen statt sie auf die Ebene der Abstraktion zu heben. Allerdings sind diese Titelsequenzen selten so einprägsam wie die aus dem Geist der graphischen Gestaltung geschaffenen Werke. Man denke nur an den rosaroten Panther, der es nach seinem fulminanten Auftritt zu einer eigenen Trickfilm-Serie brachte, oder lasse sich vom Vorspann eines obskuren japanischen Samurai-Films überzeugen. Da fliegen beim Schwertkampf nur so die Funken und schlagen sich als Schriftzüge auf der Leinwand nieder, und wenn eine Blutfontäne spritzt, taucht sie die Buchstaben in tiefes Rot. Im liebevoll eingerichteten und sorgsam ausgewählten "Vorspannkino" der Kunst-Werke hat alles Platz. Außer der blassen Konvention.

"Vorspannkino: 54 Titel einer Ausstellung"

Termin: bis 19. April, Kunst-Werke, Berlin
http://www.kw-berlin.de/

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