URB-Festival - Helsinki

Vandalen, Tierbestatter – und Pupsgeräusche

Der Sommer steht in Finnland in Zeichen der Ferien und Festivals: Seit dem 1. August läuft in Helsinki das URB-Festival mit Ausstellungen bis zum 17. August. art war bei der Eröffnung und stieß auf Ex-Skater, kräftige Frauen und Tierkadaver.
Vandalen, Tierbestatter – und Pupsgeräusche:das Kunstfestival URB in Helsinki

Eine Arbeit von "Ex-Vandal" Anton Wiraeus

"On the way!" Der sichtlich angetrunkene Mann in schwarzem Pulli, der diese Worte mehr grölt als ruft, bringt sich trotz Gleichgewichtsproblemen in Positur. Er schickt sich an, eine kleine an der Wand hängende Leiter zu besteigen. Die untersten drei Stufen sind durchgebrochen. Am Ende der Leiter ein Schild – "No turning back". Den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, erreicht der Mann nicht, stattdessen bricht er den Klettervorgang ab und schnappt sich ein Bier. Kurz darauf kippt er links über, die Bierflasche fällt aus seiner Hand auf den Boden – und kurz danach liegt auch er dort. Aber er rappelt sich schnell wieder auf, setzt sich mit erstaunlich kontrollierten Bewegungen im Schneidersitz vor die weiße Wand und malt mit einem schwarzen Stift seelenruhig ein Boot.

Nach dieser Vorstellung ist nicht ganz klar, warum Jani Hänninen einer der Künstler ist, die zur Ausstellung "Ex-Vandals" eingeladen wurden, benimmt er sich doch noch immer wie ein Vandale. Die Show ist Teil des URB-Festivals in der finnischen Hauptstadt Helsinki. Zum neunten Mal findet in diesem Sommer das Festival für urbane Kultur und Kunst statt. Für "Ex-Vandals" haben die Kuratoren Karri Kuoppala und Timo Vaittinen elf Künstler eingeladen, die in Ihrer Jugend zur Sprayer- und Skaterszene gehörten, bevor sie Kunst studierten. In Hänninens Arbeiten ist diese Vergangenheit noch klar zu sehen – das Peacezeichen taucht in seinen Werken ebenso auf wie Ausdrücke, die der Laie als Teil der Szene identifizieren würde. "Know your enemy" oder "Brotherhood" steht dann da.

Auch im als ordentlich verschrienen Nordeuropa gehört Graffiti zur urbanen Szene. In Helsinki gibt es das Phänomen bereits seit 24 Jahren, so die Ausstellungskuratoren, die auch darauf hinweisen, dass im Jahr 2008 nicht nur das Kiasma Museum für Moderne Kunst zehnjähriges Jubiläum feiert, sondern auch das "Stop töhryille" Anti-Graffiti-Projekt der Stadt Helsinki.

Heta Kuchka, die ein paar Ecken weiter in der Kellergalerie MAA-Tila ausstellt, hat sich von der Graffiti-Ästhetik weit entfernt. Auch sie war früher Skaterin, am Eröffnungstag ist allenfalls die jungenhafte Sommerkleidung noch eine sichtbare Reminiszenz an diese Zeit. Kuchka, 2006 in Finnland zur "Jungen Künstlerin des Jahres" gekürt, zeigt einen Film, in der eine Szene mehrmals in verschiedenen Variationen vorkommt: Ein älterer Mann hebt einen Plastiksack aus einer Gefriertruhe. "Der ist aber groß" oder "Ihr lagert auch Katzenfutter da drin, na immerhin ist es nicht Eis wie beim letzten Mal" lauten seine Kommentare, wenn er die Tätigkeit verrichtet. Der Mann arbeitet für den örtlichen Tierbestatter, und Kuchka hat ihn begleitet, als er bei den Tierärzten die Kadaver der vergangenen Woche abholte, damit diese verbrannt und dann bestattet werden können.

Seilspringen – dramatisch in Zeitlupe

In dem Film wirkt der Mann bei der Arbeit so wenig sentimental wie die grauen und gelben Plastiksäcke, die er transportiert. Was aus deren Inhalt werden soll, steht in starkem Kontrast dazu. Die Asche der verbrannten Kadaver wird oft, wie menschliche Asche, in eine Urne gefüllt und dem alten Besitzer zum Andenken an sein Tier übergeben. Neben neben dem Videoschirm hat Kuchka auf dem grauen Betonboden ein kleines Meer an Elektroteelichtern und eine Urne aufgestellt. Zur Eröffnung schenkte ihr jemand einen kleinen Stoffhund, den sie dazu gestellt hat. "Ob ich das jetzt gut finden soll, weiß ich selber nicht", sagt sie.

Weniger sentimental sind die Arbeiten von Minna Suoniemi, die am selben warmen Sommerabend in der Galerie Kluuvi ausstellt, gleich um die Ecke des finnischen Präsidentenpalastes. "Incredibly huge, with incredible desires for love and vengeance!" (Unglaublich riesig mit unglaublichen Verlangen nach Liebe und Vergeltung!) hat sie ihrer Ausstellung "Miss Kong" als Motto gegeben – eine Referenz zum Film "The Attack of the 50 Foot Woman". Schnell wird klar, es geht um Körperlichkeit, Perfektion und Unvollkommenheit. Gleich am Eingang sieht man eine riesige Leinwand, darauf projiziert eine ebenso riesige und etwas zu kräftige Frau beim Seilchenspringen – sie trägt einen Bikini mit dem Muster der amerikanischen Flagge. Das Video zeigt die Künstlerin selbst, sie stellt sich selbst zur Schau – und dem Besucher stockt der Atem. Weniger wegen der paar Kilo zu viel als viel mehr weil Seilspringen – sonst eine lustige Freizeitbeschäftigung kleiner Mädchen – hier dramatisch in Zeitlupe abgespielt wird und dadurch anstrengend wie ein Boxkampf wirkt.

Erheiternd dagegen die kleine Videoarbeit an der Seitenwand. Ein gefilmter nackter Frauenkörper, auf der Seite liegend und von hinten aufgenommen – bewusst eine ähnliche Positur wie in Jean-Auguste-Dominique Ingres` Gemälde "Odaliske", wenngleich in dem Video weder Busenansatz noch Gesicht zu sehen sind. Der Körper der jungen Frau scheint sich nicht zu bewegen, bis plötzlich ein Pupsgeräusch zu hören ist – Unvollkommenheit muss nicht immer ein ernstes Thema sein.