Lisa Yuskavage - Aktbilder

Die Meisterin des Obszönen

Mit grotesk-kitschigen Aktbildern hat es Lisa Yuskavage in die Oberliga der US-amerikanischen Kunstszene gebracht. Führende Kritiker schwärmen von der "mysteriösen Poesie" und "visuellen Frische" ihrer Gemälde, wo andere nur peinliche Geschmacklosigkeiten sehen – Kitsch als Zeitgeistphänomen
Laut, vulgär, aggressiv:Sammler zahlen Millionen für die verkitschten Aktbilder

Ironische Kunst, die sich selbst verspottet: "Couch", 1997/98, 152 x 157 cm

Diese Bilder sind eine Zumutung. Die Frauen von Lisa Yuskavage haben dämliche Stupsnasen und schwere Brüste, die sie dem Betrachter entgegenstrecken. Ihre Hinterteile sind so prall, dass sie den Slip zu sprengen drohen. Eine Schwangere in reifer Fülle masturbiert. Ein gesichtsloses Blondchen spreizt die Beine.

10201
Strecken Teaser

In Anlehnung an Werke des barocken Bildhauers Giovanni Lorenzo Bernini zeigen einige ihrer neueren Arbeiten Frauenpaare in eng umschlungenen Posen. So recht weiß man nicht, ob es sich um einen erotischen Akt handelt oder ob die beiden zu pornografischen Aufnahmen gezwungen wurden. Und das alles ist im Stil der Rokokomaler in Bonbonfarben gehalten, was den Bildern die Aura von Kalenderblättern aus dem Erotikversandhaus verleiht.

Von dem Menschen Yuskavage wurde einige Zeit ähnliches wie von ihren Bildern behauptet. Sie sei zu laut, zu vulgär, zu aggressiv. Eben einfach eine Zumutung. Die Arbeiten der 45-jährigen Amerikanerin tragen Titel, die nach Aufmerksamkeit schreien wie "Tittenhimmel" ("Tit Heaven", 1992), "Kleiner Wichser" ("Wee Motherfucker", 1996) oder "Brut" ("Brood", 2005/06).

Neben ihrem alten Studienfreund John Currin zählt sie zu den führenden Künstlern, die das Thema Kitsch bis zur Schmerzgrenze beackern. Sie ist die Meisterin des Obszönen und in den USA längst ein Markenname. Wie Martin Eder, der deutsche Vertreter neoanzüglicher Kunst, erzählt auch Yuskavages Erfolg viel über die Zeit, in der wir leben. Ihre Arbeiten sind leicht konsumierbar. Sie attackieren den Betrachter. Sie machen ihn an – und verpassen ihm gleich im Anschluss die kalte Dusche. Es ist ironische Kunst, die sich zynisch selbst zu verspotten scheint.

Lange Zeit wurde Yuskavage von Currin und seinem Erfolg überschattet. Im Mai vergangenen Jahres überholte sie ihn. Erst wurde das Bild "Honeymoon" von 1998 bei Sotheby’s in New York für mehr als eine Million Dollar versteigert. Bei Christie’s in New York wurde ein Jahr später für ihre schweinchennasige Dame mit Silikonbusen aus "Nacht" (1999/2000) mit 1,4 Millionen Dollar der Rekord für die Künstlerin gebrochen. Die horrenden Preise machten manche Experten regelrecht fassungslos. Sie fragen sich, ob klebrig-verkitschte Softpornos neuerdings zu den Höhepunkten der zeitgenössischen Kunst zählen. Dass sich die Amerikanerin ausgerechnet Pin-Up Girls als Thema vorgeknöpft hat, macht sie auch bei jungen Sammlern pupulär.

"Wenn einer weiß, was Kitsch ist, dann bin ich es"

Dass die Frauen auf ihren Bildern nicht selten Ähnlichkeit mit der Künstlerin haben, regte so manchen zu entsprechenden Interpretationen an. Sie würde ihre sexuellen Ängste niedermalen, meinten die einen. Die anderen sahen eine Frau, die männlichen Voyeuren ihre animalischen Gelüste vor Augen führt. Sex würde für Scham, Macht und Machtlosigkeit stehen. Es sei für sie einfach der beste Weg, sich selbst in Verlegenheit zu bringen, sagt Yuskavage.

Doch als feministische Künstlerin versteht sie sich nicht: "Meine Bilder drehen sich um das Thema Klassenkampf." Was sie damit meint, sind ihre Komplexe über ihre Herkunft, die sie zum Ärger der Eltern als "white trash" bezeichnet. Lisa Yuskavage wuchs in einem typischen amerikanischen "Working Class"-Haushalt in der Nähe von Philadelphia auf. Der Vater war Lastwagenfahrer, ihre Mutter Hausfrau. Schönheit stand bei Familie Yuskavage nicht für Kultur, sondern für die Sammlung der kitschigen Glasfiguren. Wer es in der Nachbarschaft zu etwas gebracht hatte, kaufte sich Bettwäsche von Laura Ashley.

Lisa und ihre Schwester besuchten eine katholische Mädchenschule. Die Eltern wollten, dass ihre Töchter etwas aus ihrem Leben machen und ermöglichten ihnen ein Studium. Lisa besuchte die Tyler School of Art bei Philadelphia und später die Elite-Universität Yale University School of Art, die Stars wie Chuck Close, Eva Hesse, Richard Serra und Matthew Barney hervorgebracht hat. Dort machte Yuskavage ihren männlichen Lehrern schnell klar, dass sie nicht zu der Gattung junger Frauen zählte, die kleine, höfliche Bilder malten und darauf warteten, ins Bett oder vor den Altar geschleppt zu werden.

Nur wenige Jahre nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte und in das New Yorker East Village gezogen war, bekam Yuskavage 1990 ihre erste Einzelausstellung in New York. Sie empfand die Veranstaltung als Katastrophe. Die Bilder an den Wänden mit unschuldig wirkende Rückenakten verdeutlichten ihr damals, dass sie sich anpassen wollte und dass sie sich für ihre Herkunft schämte. "Meine Bilder wirkten wie die ordinäre Stimme einer Frau, die versucht, anderen zu gefallen", meint die Künstlerin im Nachblick. Vor lauter Abscheu vor ihrer eigenen Angepasstheit verfiel Yuskavage in tiefe Depressionen. Für ein Jahr hörte sie auf, Pinsel und Farbe anzurühren.

Dann beschloss die Malerin, die sich wie viele Amerikaner regelmäßig einem Psychotherapeuten anvertraut, ihre Persönlichkeit in die Arbeit einfließen zu lassen. "Auch wenn dies alles andere als passend für Kunst war", meint sie. Sie nahm sich Jeff Koons und Mike Kelley zum Vorbild. "Wenn einer weiß, was Kitsch ist, dann bin ich es", sagte sie sich und malte ohne Skizzen drauflos. Das Ergebnis waren provozierende Geschmacklosigkeiten: Im Bild "Die Geschenke" (1991) steigt eine üppige Nymphe aus grünem Nebel empor, Blumen stecken in ihrem Mund. Es folgte die "Bad Baby"-Serie monströser Frauen mit Puppengesichtern und dickem Schamhaar. Bei den aufgetriebenen Bäuchen ihrer Frauen ließ sie sich von Hans Bellmers bizarren Puppen inspirieren. "Meine Bilder sind so vulgär und so geschmacklos, sie fühlten sich unangebracht an. Genau dieses Gefühl war wichtig für mich", sagt die Künstlerin.

Gekürzte Fassung. Den gesamten Artikel finden Sie in der aktuellen art-Ausgabe 1/2008.

Mehr zum Thema im Internet