Il Tempo del Postino - Künstler-Oper

Impulse und Ideensplitter

Am Theater Basel feierte die Kunstmesse Art Basel mit der aufwändig produzierten und von Hans Ulrich Obrist und Philippe Parreno kuratierten Künstler-Oper "Il Tempo del Postino" ihren 40. Geburtstag.
Impulse und Ideensplitter:Kunst-Oper zum 40. Messejubiläum

Die Performance von Olafur Eliasson ("Echo House", 2009) bei der Künstler-Oper "Il Tempo del Postino"

Am Ende spielt nur noch ein Kontrabass. Musikerin für Musiker hat den Orchestergraben verlassen. Selbst der Dirigent hat sich in die Tiefe der Bühne davon gemacht. Die Idee hat Dominique Gonzalez Foerster zwar bei Joseph Haydn geklaut, der in der deswegen so genannten Abschiedssinfonie die Musiker einen nach dem andern abtreten lässt, bis sein Fürst merkt, dass es endlich Zeit für den Feierabend ist.

Gleichwohl ist es der sensiblen Künstlerin zu verdanken, wenn man dem Theater Basel nach langen zweieinhalb Stunden halbwegs versöhnt den Rücken kehrt. Sie lässt Beethovens "Pastorale" so ungezwungen austrudeln, wie ein glücklicher Tag unbemerkt in die Nacht fällt. Und sie tut dies auf eine Weise, die jede Schwere über den Abschied vermeidet. Immer mehr Instrumente fehlen, die Töne, die übrigbleiben, klingen zunehmend quakiger und schräger.

Bevor die Besucher der Basler Premiere von "Il Tempo del Postino" heiter in den Nachtregen gehen durften, mussten sie einiges an Kunsttheater über sich ergehen lassen. Angekündigt war nicht weniger als "die erste Künstler-Oper der Welt", so, als hätten noch nie Künstler entscheidend an Opern mitgestaltet, so als gäbe es die Tradition nicht, dass in der Moderne fast rituell Künstler und Architekten mit Bühnenbildern und szenischen Elementen entscheidend in das Geschehen eingreifen. 2007 hatte das Werk beim Manchester International Festival Weltpremiere. Da nur wenige dort waren, verbreitete sich schnell der Mythos, etwas Wesentliches sei geschehen, ohne dass die Kunstgemeinde so recht Notiz davon genommen hatte. Um den Kunstfreunden aus aller Welt eine Gelegenheit zu geben, das Versäumte nachzuholen, bot die Art Basel an, ihren 40. Geburtstag mit einer Neuaufnahme der Künstler-Oper zu feiern.

Obrist und Parreno führten Regie

Die Fondation Beyeler und das Theater Basel traten als Koproduzenten helfend hinzu. Bereits die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Who is Who des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Hans Ulrich Obrist und Philippe Parreno haben die Idee entwickelt und das Ereignis kuratiert. 20 Künstlerinnen und Künstler sind nach Basel gekommen, um daran mitzuwirken. Doug Aitken und Matthew Barney zählen ebenso dazu wie Tacita Dean und Olafur Eliasson, Carsten Höller und die Schweizer Fischli/Weiss. Sie alle erhielten 15 Minuten Zeit, um ein Werk zu realisieren. Obrist und Parreno führten in Basel zusammen mit Anri Sala und Rirkrit Tiravanija Regie.

"Was passiert, wenn eine Ausstellung nicht Raum beansprucht, sondern Zeit?", lautete die zentrale Frage, auf die alle Beteiligten frei reagieren konnten. Diese Offenheit wurde der Produktion nun allerdings eher zum Hindernis als zum Segen. Denn sie schließt ein, dass jeder machen kann, was er möchte, und es nicht darauf ankommt, die Instrumente zu beherrschen, zu denen man greift. Zeit ist ein Element der Bühne und der Handlungen, die sich darauf entwickeln, und wer nicht nur einen flotten Kuratorenspruch machen, sondern sie gestalten will, muss um die Formen und Traditionen, um das Handwerk wissen, mit der sich diese Zeit modulieren lässt. Daran haben viele Beteiligten jedoch nur ein bescheidenes Interesse. Sie zählen zu derjenigen Generation, die gelernt hat, Impulse und Ideensplitter umstandslos in Werke umzusetzen, die schnell Netze knüpft, sich die Bälle zuspielt und wenig danach fragt, wie gut die Pässe geschlagen sind. Dabei kommen Gags und Sketche heraus, die vielleicht die über viele gemeinsame Projekte miteinander verbundenen Künstler der sogenannten "Guggenheim-Gang" amüsieren, dem uneingeweihten Besucher jedoch banal erscheinen.

Mitmachtheater wie vor 70 Jahren

Diese Zerspieler und Dekonstruktivisten fragmentieren Formen. Das kann durchaus befreiend wirken. In dieser Künstler-Oper ging es häufig daneben. Den meisten Beiträgen liegt nicht mehr als die platte Auflösung einer Konvention zugrunde. Liam Gillick lässt ein Klavier im Stil der alten Stummfilm-Kinomusik ab Band klimpern, während auf das real auf der Vorbühne stehende Klavier Konfetti regnet. Tino Segal fährt den roten Bühnenvorhang hoch und runter und schafft es immerhin noch, ihn zur Musik der Basler Sinfonietta tanzen zu lassen. Peter Fischli und David Weiss haben ihre alten Kostüme von Ratte und Bär wieder hervor geholt und lassen den Eisernen Brandvorhang herunterfahren. Anri Sala verteilt Opernsängerinnen und –sänger im Publikum, die Arien aus Puccinis "Madame Butterfly" singen.

Kunst darf schließlich auch mal daneben gehen

Olafur Eliasson hat für viel Geld eine seiner Spiegelwände angekarrt, in der sich das Publikum selbst gegenübersitzt, und inszeniert mit den Geräuschen aus diesem Publikum eine Art Dialog; das Orchester reagiert und endet in einer höllischen Kakophonie. Und der große Zeremonienmeister Matthew Barney lässt vor der Pause die Musiker gleich an verschiedenen Stellen des Foyers spielen und macht die Besucher, die ungeduldig zu den Tischen mit dem Gratis-Champagner schielen, zum Teil seines Projekts. Mitmachtheater hat es schon vor der Mitmachkunst gegeben, und die ist auch schon mindestens 70 Jahre alt.

Andere bleiben einfachheitshalber gleich bei ihrem Metier. Thomas Demand lässt auf einer Videoleinwand einfach den Regen niederprasseln, als hätte er geahnt, dass die Art Basel dieses Jahr Wetterpech hat. Carsten Höller hat einen alten Film ausgegraben, in dem mit speziellen Gesichtsmasken getestet wird, wie lange wir brauchen, wenn wir verkehrt herum sehen, und lässt das heute aktuell nachspielen. Bei Rirkrit Tiravanija dürfen befreundete Kuratorinnen und Kuratoren sich im Bibliothekszimmer zum Essen versammeln. Und Tacita Dean filmt einen älteren Mann, der genau diejenigen vier Minuten und 33 Sekunden vor einem Spiegel sitzt und wartet, die John Cages berühmte Komposition der doch so beredten Stille dauert. Was man am meisten vermisst, ist ein Gefühl für Rhythmus, für das Handwerk der Bühne, für große Bögen, für Verbindungen und Kontraste, für Übergänge und Bezüge. Statt dessen rattert eine dürftige Mechanik. Auf einen lauten folgt ein leiser Beitrag. Von der Kunst der Anspielung, von einer Ökonomie der Mittel keine Spur.

Vielleicht hätte man das alles mit einem Achselzucken ertragen, Kunst darf schließlich auch mal daneben gehen, wenn nicht hinzugekommen wäre, dass wir den Abend mit philosophischem Firnis überzuckern sollen. Ein Ansager raunt uns gleich zu Beginn aus dem Vorhang entgegen, dass der Postbote Information bringt, und liefert das Stichwort, unter dem sich seit einigen Jahren alles subsumieren und mit dem sich alles rechtfertigen lässt. Und als wäre dies noch nicht genug, muss der Abend auch noch mit der abgenudelten Frage des Psychoanalytikers Jacques Lacan "Wer spricht?" anfangen. Das wirkt so bedeutungssüchtig, dass man gähnen muss, bevor es wirklich anfängt. Da sprechen wir ganz sicher nicht mehr, da steht uns nur noch der Mund offen. Beifall gab es dennoch.

"Il Tempo del Postino"

Termine: 11. und 12. Juni, 20.30 Uhr, Theater Basel
https://www.theater-basel.ch

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