Radar - Michael Schindhelm

Michael Schindhelm über Hassan Sharif

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Kritiker und Dozenten nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Michael Schindhelm, ehemaliger Direktor der Berliner Opernstiftung, und heute Kulturmanager in dem Wüstenemirat Dubai über den arabischen Künstler Hassan Sharif.
Radar: Hassan Sharif:Michael Schindhelm über seinen Lieblingskünstler

Hassan Sharif: "Plastic Cups and Coir", 1999

Al Quoz liegt südlich der Sheikh Zayed Road, hinter den glitzernden Palästen, in denen Porsche, BMW, Ferrari und all die anderen ihre Modelle ausstellen und an den hier sehr dankbaren Kunden bringen, und sieht aus wie eine Pufferzone zwischen der brodelnden Metropolis Dubai und dem Hinterland, der Wüste.

In diesem Zwischenreich, in einer Gasse mit Lehmboden, in der sich links und rechts die höchstens zweistöckigen Häuser (die man hier wirklich nicht mehr Villen nennen kann) hinter die zweimeterhohen Mauern ducken, halbnackte einheimische Kinder (wo findet man das sonst hier?) Fußball spielen, verrostete Mitsubishis in der Hitze dösen und die Hibiskusbüsche hemmungslos aus den winzigen Gärten herauswuchern, befindet sich das Flying House, Wohn- und Arbeitsstätte einiger der wichtigsten emiratischen Künstler, unter ihnen Hassan Sharif, mit seinen 57 Jahren so etwas wie der Wise Old Man der emiratischen Kunstszene. Und wie es sich für einen weisen Mann gehört, hat Hassan nur noch wenige graue Haare, einen buschigen Schnauz, vom Zigarettenrauchen leicht angegilbt, und einen lustigen Spitzbauch, aber hinter den runden drahtgerahmten Brillengläsern ruht ein tiefer melancholischer Blick auf allen Dingen, die Hassan anschaut, und Hassan lässt sich viel Zeit zum Schauen.

In den sechziger Jahren, als Hassan zur Schule ging, der einzigen öffentliche Schule, in der es damals Zeichenunterricht gegeben hat, galt das Kind Hassan als Außenseiter: Wer sich nicht für Sport interessiert, gehört nicht zur Clique. Weil Hassan zeichnete und in eine öffentliche Schule ging, nannte man ihn bald den öffentlichen Zeichner. Nach der Schule wurde er Karikaturist. Das Land sei damals so mit sich selbst und seinem Aufbau beschäftigt gewesen, dass Kritik an Gesellschaft und Politik möglich gewesen sei. Einige seiner Karikaturen könne er heute wahrscheinlich nicht mehr veröffentlichen.

Hassans System ist eine Kombination aus Ordnung und Zufall

Wir sitzen in seinem Zimmer, er hat das Bettlaken zurückgeschlagen und einige seiner letzten Entwürfe ausgebreitet. Die sehen eher wie statistische Tabellen aus, Figuren in Segmente unterteilte Quadraten, die sich kaum voneinander unterscheiden. Hassan nennt das Semi-System, eine Kombination aus Ordnung und Zufall. Die Bedeutung der Improvisation habe er in den frühen achtziger Jahren im Jazz kennen gelernt, zu jener Zeit hat er in London Kunst studiert. Der russische Konstruktivismus habe ihn beeinflusst, das Bauhaus. Hassan beginnt von Paul Klee und Johannes Itten zu erzählen (später wird er mir Essays auf Arabisch über diese und andere Künstler zeigen, einen Sammelband, den er immer noch unter dem Titel "Pluralistic Position" zu veröffentlichen hofft), von dem Philosophen Wittgenstein und der Frankfurter Schule.

Wir sitzen in einem winzigen Kämmerchen auf wackligen Stühlen, ein kleines Bücherregal, die Klimaanlage summt und treibt den Qualm der Gauloises über unseren Köpfen hin und her. Dann steigen wir in das obere Geschoss. Hassan ist Mitte der achtziger Jahre aus England zurückgekehrt und lebt seitdem als Lehrer für Kunsterziehung an der einzigen lokalen Designschule und malt, installiert, entwirft die Welt und seine Vorstellungen von ihr in Hunderten von Werken, von denen die meisten in dem kleinen Haus und auf dessen Dach in Containern gelagert werden.

Hassan liebt Satellitenschüsseln

Farbe, sagt Hassan, bedeutet für ihn nichts als Farbe. Rot bedeutet Rot, nicht Blut oder Krieg zum Beispiel. Und Rot sei auch nur ein technisches Hilfsmittel, um die Wirklichkeit "Rot" darzustellen. Er mag keine Symbolik, und was er auch nicht mag, ist das Wort kreieren. Hassan macht Kunst. Er arbeitet gern mit Gebrauchsgegenständen, um sie aus ihrer Funktion als Gebrauchsgegenstand zu erlösen. In den Zimmern, die wir durchqueren auf dem Weg nach oben, strotzt es vor Installationen mit Zahnbürsten und Haarkämmen oder Serien von Badesandalen, bunten Skulpturen in Regalen oder auf dem Boden liegend oder hinter Glasscheiben kauernd, Hassans Antwort auf die schöne neue Konsumentenwelt von Dubai, eine Mischung aus Popart und Junk.

Das obere Stockwerk besteht nur aus einem kleinen Atelier, in dem vielleicht zwei Dutzend mittelgroße, teilweise noch nicht fertiggestellte Bilder in grellen Farben und mit realistischen Motiven stehen und hängen. Hassan öffnet eine zweite Tür, und wir stehen auf dem Dach. Wir sehen über Al Quoz hinweg, das hier nirgendwo höher als zwei Stockwerke ist. Wäscheleinen, Palmenschöpfe, Zinkdächer mit Wassertanks und Klimastutzen. Hassan zeigt auf die vielen Satellitenschüsseln. Die hätten es ihm angetan. Diese Schüsseln seien für ihn so etwas wie eine Verbindung zur unsichtbaren Welt. Sie saugen unsichtbare Wörter, Bilder, Menschen an, Bilder der Luft. Der Himmel über uns, sagt er, sei voller Bilder, die wir mit den bloßen Augen nicht sehen könnten, aber trotzdem unser Leben bestimmten. Er glaube, das, was der Satellit auf technische Weise tut, der Küestler mit seiner Kunst versuche. Hassan hat sich mit den gelben, vogeldreckübersäten Schüsseln auf den Dächern von Al Quoz identifiziert. In seinem Altelier zeigt er mir Bilder, in denen er Satelliten porträtiert hat, meistens haben sie keine runde Form, sondern sind rhombisch. Hassan hält auch nicht viel von der direkten Abbildung der Realität.

Minister verstehen seine Arbeiten nicht

Hassans Arbeiten wurden in Kuweit und Jordanien gezeigt, zur Biennale in Sharjah, sogar in Aachen, in den Niederlanden, in der Bundeskunsthalle in Bonn. Heute morgen sind gerade Museumsleute aus Tokio dagewesen. In Dubai gab es auch schon Ausstellungen, zu denen Minister und Scheichs erschienen sind. Es habe ihn immer der Moment interessiert, wenn diese Leute ratlos vor seinen Werken gestanden haben. Ein Minister könne solche Sachen eben nicht verstehen, und wenn er das zugibt, glaubt Hassan, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Trotzdem verstehen ihn die Nachbarn immer noch nicht.

Warum geht er nicht arbeiten? Warum vermieten diese Leute nicht das Haus, sondern packen es voll nutzloser Bilder? Jetzt hat sogar die Municipality mit Strafen gedroht, weil Hassan und seine Kollegen illegal einen Raum angebaut haben, damit die Kunst nicht unter freiem Himmel gelagert werden muss. In Zukunft werden es die Künstler leichter haben, sagt Hassan. Auch Kunstmessen wie die Art Dubai nehmen die einheimische und regionale Kunst Ernst. Ein richtiger Markt sei um arabische Kunstwerke entstanden, die in den letzten Jahren am Golf produziert worden sind. Von jetzt ab wird es immer besser werden, sagt Hassan. "Hättest du mich sonst überhaupt finden können?"

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