Luc Tuymans - Interview

Bei Kunst am Bau bin ich immer skeptisch

Mit dem "Museum aan de Stroom" vom Architekturbüro Neutelings-Riedij, das 2011 eröffnet wird, hat Antwerpen ein neues Wahrzeichen bekommen. Der Museumsvorplatz wurde vom prominenten Malersohn der Stadt Luc Tuymans gestaltet. Der notorische Kettenraucher schuf ein 1600 Quadratmeter großes Mosaik, mit dem er sein Gemälde "Dead Skull" in Granitsteine umsetzte. Das Vorbild hängt in der National Gallery in Washington und wurde erstmals auf der Documenta 2002 präsentiert.
Totenkopf aus Granit:Tuymans 1600 Quadratmeter großer Totenkopf

"Zweieinhalb Jahre haben wir hart daran gearbeitet": Luc Tuymans über sein Mosaik "Dead Skull"

Herr Tuymans, was hat Sie dazu gebracht, sich als Maler an die Gestaltung eines Platzes zu wagen?

Luc Tuymans: Es war nicht meine Idee, die Stadt hat mich darum gebeten. Ich habe zwar wirklich Gott genug zu tun, aber was mich gereizt hat, war der Materialwechsel, die Umsetzung eines Bildes in Stein. Dazu mussten wir ein völlig neues Computerprogramm entwickeln. Faszinierend war natürlich auch die Größenordnung dieses Projekts – immerhin geht es um eines der größten Mosaike der Welt! Zweieinhalb Jahre haben wir im Team hart daran gearbeitet.

"Dead Skull" zeigt einen Totenkopf. Ist es nicht etwas morbide, beim Eingang des neuen Wahrzeichens von Antwerpen damit aufzuwarten?

So mancher Bürger hätte zwar etwas mit Blümchen und Kindchen angebrachter gefunden, aber ausschlaggebend für mich war die Rückkoppelung an die reiche Geschichte der Stadt: Mein Gemälde aus der National Gallery geht auf eine Gedenkplatte an der Seitenwand der Antwerpener Kathedrale zurück. Sie ist Quinten Matsijs gewidmet, dem Mitbegründer der Antwerpener Malerschule. Es geht also um die Abbildung einer Abbildung dieser Gedenkplatte – und um eine Verbindung des Museums mit der Kathedrale, dem bisherigen Wahrzeichen der Stadt. Außerdem: Dieses Vanitassymbol hat doch durchaus etwas Heraldisches, wenn nicht Heroisches! Die Architekten haben nicht umsonst betont, im Grunde genommen sei das Museum am Strom so wie jedes andere Museum auch eine Nekropole – da passt ein Totenkopf doch ganz gut!

Der zur Einweihung geplante Helikopterflug musste wegen der isländischen Aschewolke gestrichen werden. Leider, denn bei Ihrem Mosaik gilt: je höher, desto besser erkennbar.

Stimmt. Ganz unten denkt man zunächst an etwas Abstraktes. Doch je höher man auf der gläsernen Galerie steigt, desto deutlicher wird der Totenkopf erkennbar. Anfangs haben wir uns wegen potentieller Selbstmordkandidaten Sorgen gemacht. Immerhin soll sich Quinten Matsijs der Legende zufolge vom Turm der Kathedrale gestürzt haben, weshalb er auch nicht in der Kathedrale begraben werden durfte....

...wobei die Sicherheitsvorkehrungen ganz oben im Museum Nachahmungen ausschließen dürften....

Außerdem bleibt die beste Aussicht auf mein Mosaik den Besuchern des Restaurants vorbehalten, es hat trotz allem einen exklusiven Charakter, das finde ich eigentlich ganz charmant.

Was waren die größten Probleme bei der Realisierung?

Dass Granit nur elf Schattierungen kennt. Und wir wollten unbedingt mit Granit arbeiten, da er extrem hart, wetterbeständig und belastbar ist – es sollen ja LKW über den Platz fahren können. Doch das haben wir gelöst, indem wir Steine unterschiedlicher Größe verwendet haben. Die Kontraste sind zwar noch nicht, wie sie sein sollten, aber das ist eine Frage der Zeit, der Stein muss erst noch völlig trocknen.

Sind Sie ansonsten mit dem Ergebnis zufrieden?

Bei Kunst am Bau bin ich immer sehr skeptisch, das muss schon einen Sinn haben, was nicht immer gelingt, oft ist das Ergebnis sehr populistisch. Auch ist eine derartige Vergrößerung riskant, das kann zu ebenso großen Enttäuschungen führen. Aber ich muss sagen, ich bin rundum zufrieden!

Gilt das auch für den Museumsneubau? Manche Leute finden ihn zu kolossal.

Das ist immer so bei sichtbaren Eingriffen in ein Stadtbild. Ich finde den Bau sehr gelungen. Ich fürchte nur, für all die Sammlungen, die dort untergebracht werden sollen, ist das Museum schon jetzt zu klein.

Der Bau ist nicht nur rechtzeitig fertig geworden, sondern mit 33,5 Millionen Euro auch zur Abwechslung einmal billiger ausgefallen als geplant, nämlich um 1,5 Millionen Euro. Was haben Sie denn für Ihr Mosaik verlangt?

Nichts. Die Stadt braucht mich dafür nicht zu bezahlen, ganz einfach, weil sie es nicht kann. Ich könnte zwar meinen Satz senken, aber das ist so lächerlich, da kann ich besser gar nichts verlangen. Ich hoffe nur, dass der erwartete PR-Effekt nicht verfehlt wird und Antwerpen seine internationale Ausstrahlung stärken kann. Die Japaner wird es mit Sicherheit anziehen!

Für sich selbst beanspruchen Sie überhaupt keine Gegenleistung?

Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, mir das Privileg einräumen zu lassen, überall in der Stadt rauchen zu dürfen – soviel ich will und wo immer ich auch bin.