Harpa Konzerthalle - Reykjavík

Licht am Ende des Boulevards

Olafur Eliasson hat die Fassade von Reykjavík's neuem Konzert- und Konferenzhaus entworfen. Es ist ein lichter Bau aus Glas, der sich aber auch Dank des Künstlers von vielen anderen deutlich unterscheidet. Clemens Bomsdorf war zur Einweihungsfeier in Reykjavík und traf vor Ort Eliasson.
Musik von der Insel:Die Harpa Konzerthalle in Reykjavík

"Ich habe mich mit Fragen beschäftigt, die seit 100 Jahren in Reykjavík die Fragen sind - wo ist das Meer, wo ist das Wetter, wo ist Süden, wo ist Norden usw.", Eliasson über "Harpa"

Drei energisch von weiblicher Stimme ausgesprochene Worte schallen aus den Lautsprechern. Wenn mich meine Isländischkenntnisse nicht täuschen heißt es "Es werde Licht". Tausende von Isländern haben sich im Zentrum von Reykjavík auf dem Hügel Arnarhóll versammelt und schauen, wie es Licht wird. Unter ihnen: Olafur Eliasson.

Von hier aus gibt es den besten Blick auf die Front des neuen Konzerthauses und Konferenzzentrums Harpa. Plötzlich beginnt es in der Fassade zu blinken. Erst wird hier ein wabenförmiges Fenster in bläuliches Licht getaucht, dann dort eines in lila, und bald sieht die Fassade aus wie ein Spielautomat. Dennoch sind viele Isländer enttäuscht, sie hatten mehr erwartet bei all dem Brimborium, das um die Erleuchtung der Fassade gemacht worden war. Die, die Eliassons Werk ein wenig besser kennen, sind ebenfalls enttäuscht, denn die Blinkerei ist zu viel Spielerei. In jedem Fall waren die göttlichen Worte vielleicht etwas fehl am Platze. Die Fassade ist gläsern, doch statt rechteckiger Fenster gibt es wabenförmige, von denen einige eingefärbt sind. Sie brechen bei Tag das Licht auch ohne Beleuchtung bunt – ein schöner Anblick, durch den sich Außenhaut und Gebäude von anderen abheben.

"Die Fassade hat die Ambition, den städtischen Raum stark zu unterstützen", sagt Eliasson. Das ist gut gelungen, denn sie gibt der Stadt ein Werk, das schon von weitem zu sehen ist und bezieht das Gebäude, weil die Fassade den Ein- wie Ausblick ermöglicht, in den öffentlichen Raum mit ein. Harpa wird schon seit Mai genutzt, aber wegen eines Produktionsfehlers konnte die von Eliasson gestaltete Fassade nicht früher fertiggestellt werde, und ohne die Arbeit des Künstlers mit isländischen Wurzeln wollte man das Haus natürlich nicht als fertig betrachten.

Island gehört zu den drei Ländern, die versuchen, sich Olafur Eliasson zu eigen zu machen. Schließlich ist er als Sohn isländischer Eltern geboren und trägt einen isländischen Namen. Die anderen beiden sind Dänemark, wo er lebt und aufgewachsen ist, und Deutschland, wo er lehrt und arbeitet. Und Eliasson fühlt sich allen drei Ländern verbunden, was sich schon darin zeigt, dass er deren Sprachen alle spricht.
Ihn, der vielfach auf das Subjekt "Lichtkünstler" reduziert wird, interessiert an der Heimat seiner Eltern vor allem eins: Die Natur. Mit allem, was dazugehört – denn er meint längst nicht nur die isländische Landschaft, wie er sie in Fotoserien festgehalten hat, sondern Wetter, Sonne und also Licht. "Ich habe mich mit Fragen beschäftigt, die seit 100 Jahren in Reykjavík die Fragen sind – wo ist das Meer, wo ist das Wetter, wo ist Süden, wo ist Norden. Die Fassade hat in dem Sinn keinen direkten Bezug zur Finanzkrise. Die Sonne geht – ob Finanzkrise oder nicht – am gleichen Ort hoch und runter."

Der Traum dohte zu platzen

Da sagt er etwas und die Isländer sagen auch etwas, nämlich: "Das ist so sehr wie in 2005". Dieser Ausspruch ist dieser Tage immer wieder in Reykjavík zu hören. Wahlweise heißt es auch 2007. Gemeint ist jedenfalls die Zeit, als Island boomt als ob es kein Morgen gäbe. "So 2005", das ist für manch einen das neue Konzerthaus und Kongresszentrum Harpa, entworfen vom Kopenhagener Architekturbüro Henning Larsen, das sich auch das neue zu Hause des Magazins "Der Spiegel" in Hamburg ausdachte und die Siemens-Zentrale in München zeichnen wird. Das Gebäude in Reykjavík liegt am Ende der breiten Einfallstraße, die den Spitznamen "Boulevard der geplatzten Träume" trägt. Diese Straße nämlich ist gesäumt von Zentralen jener Banken, deren Aktienkurse lange so stark stiegen als wollten sie die Bewegung eines Geysirs auf dem Kurszettel nachzeichnen, dann aber im Herbst 2008 schlagartig Pleite gingen und verstaatlicht wurden.

Auch der Traum von Harpa drohte damals zu platzen. Schließlich hatte der Bau durch eine der nun gecrashten Banken finanziert werden sollen. Nicht nur dieser Bau. Geplant war, gleich nebenan noch ein 5-Sterne-Hotel zu errichten sowie den neuen Unternehmenssitz der Bank und als ob all das für die 180 000 Einwohnerstadt Reykjavík noch nicht genug wäre, sollte auch noch ein World Trade Center in den Himmel über Island schießen. Harpa war vor der Krise schon begonnen worden, und Bauloch sowie erste anfängliche Betonarbeiten waren monatelang als eine Art Mahnmal in der isländischen Hauptstadt zu sehen. Dann beschlossen Stadt und Staat trotz Riesenschulden den Komplex in einer abgespeckten Variante weiterzubauen, um zu verhindern, dass das Gerippe bleibt und stetig an das Scheitern des Landes erinnert.

"Es gab eine Übereinstimmung zwischen der Ideologie der Zeit und der Ambition des Hauses, und diese Ambition hat auch eine Korrektur bekommen", so Eliasson. "Ganz einfach, schau mal diese Stahlgeländer an", sagt er dann und dreht seinen Oberkörper Richtung Treppe. "Diese Handläufe sind doch recht schlicht, gleiches gilt für die Betonwand, auf die wir hier schauen", so der Künstler. "Das Lead Team hätte damals doch am liebsten Eiche und Gold und so weiter genommen. Die Architekten und ich waren aber ganz zufrieden, dass es dazu nicht gekommen ist", sagt er. Eliasson sagt, er sei auch froh darüber, dass nun die öffentliche Hand und kein privater Investor das Gebäude besitzen.
Um den größten Konzertsaal zu füllen, müssen immerhin 1800 Eintrittskarten verkauft werden, außerdem warten mehrere Geschäfte sowie Bar, Café und Restaurant auf zahlende Gäste.